Hans Zender, 1936 – 2019

„Ich habe schon lange akzeptiert, dass mein Inneres mich von Werk zu Werk zwingt, auf die komplexe Situation der Gegenwart mit immer neuen ästhetischen Fragestellungen zu reagieren.“

Hans Zender wurde am 22.11.1936 in Wiesbaden geboren. Seine musikalische Laufbahn begann er als Pianist und Dirigent sowie als Kompositionsschüler von Wolfgang Fortner in Freiburg. Auf zahlreichen Chefdirigentenposten setzte er sich über Jahrzehnte sowohl künstlerisch als auch kulturpolitisch für einen wachen Umgang mit Musik ein und engagierte sich mit einer beispiellosen Offenheit und Neugier für das Werk zahlreicher zeitgenössischer Komponisten. Nach ersten Stationen in Bonn (als jüngster deutscher Generalmusikdirektor, 1964 bis 1968) und in Kiel war er unter anderem beim Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, dem Radiokamerorkest des Niederländischen Rundfunks, als Hamburgischer Generalmusikdirektor sowie als ständiger Gastdirigent und Mitglied der künstlerischen Leitung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg tätig.

Als interdisziplinär orientierter Künstler par excellence hat der Komponist, Dirigent und Autor brillanter Essays stets versucht, dem Wesen des Hörens auf die Spur zu kommen. Der Blick auf andere Kulturen und ein gegenwartsbezogenes Entdecken historischer Musik waren dabei für ihn ebenso Programm wie sein kulturpolitisches Engagement. Kompositorisch hat er sich mit der Entwicklung einer eigenen, mikrotonal organisierten Harmonik die Möglichkeiten eines reinen, von den Verschiebungen der temperierten Stimmung befreiten Klanges erschlossen. 

Sein Œuvre, mit dem er sich in der Erbfolge Arnold Schönbergs und insbesondere Bernd Alois Zimmermanns sah, umfasst das gesamte musikalische Spektrum von Kammermusik bis hin zu großen Orchesterbesetzungen und Musiktheaterwerken. Dabei war das Komponieren von Werkreihen eine charakteristische Konstante seines Schaffens, das sowohl von literarisch-philosophischen als auch geschichtlichen und religiösen Referenzen durchzogen ist. Seine 1965 begonnene Reihe Cantos, zu der auch die zwischen 2006 und 2009 entstandenen Logos-Fragmente zählen, umfasst Vokalmusik in verschiedensten Besetzungen. Neben Texten von Hugo Ball, William Shakespeare und Henri Michaux griff Hans Zender immer wieder Werke Friedrich Hölderlins auf und widmete dieser Auseinandersetzung seinen Werkzyklus Hölderlin lesen. Die vierte Komposition seines Zyklus mit Texten aus dem Canto espiritual des Lyrikers und Mystikers San Juan de la Cruz,, Oh cristalina, wurde 2014 vom SWR Vokalensemble Stuttgart und dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zu Gehör gebracht. Mit der von ihm geschaffenen Gattung der „komponierten Interpretationen“, zu denen seine Bearbeitung von Schuberts Winterreise und von Beethovens Diabelli-Variationen (33 Veränderungen über 33 Veränderungen) gehören, deutete er die Tradition in einem neuen Licht. Eine Neufassung der Veränderungen entstand kurz vor seinem Tod im Sommer 2019.

Eine Orientierungshilfe für die sein gesamtes Schaffen durchziehende Suche nach innerer Sammlung und Verfeinerung der Wahrnehmungsfähigkeit fand Hans Zender in der Beschäftigung mit dem Zen. Explizit schlug sich das Interesse an fernöstlicher Philosophie und Ästhetik in der Reihe der zwischen 1975 und 2009 entstandenen „japanischen“ Stücke mit ihren unterschiedlichen Besetzungen von Soloinstrument bis zu Orchester nieder, in denen er den Aspekt der Zeiterfahrung in den Mittelpunkt stellte.

Auch seine Musiktheaterwerke spielen mit der Zeitlichkeit und durchbrechen vielfach das lineare Erzählen. Insbesondere mit seiner ersten Oper Stephen Climax (1979/84) nach James Joyces Ulysses bezieht sich Hans Zender auf Zimmermanns Idee der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Don Quijote de la Mancha, 1993 uraufgeführt, besteht laut Untertitel aus „31 theatralischen Abenteuern“. Die variierend besetzten Szenen sind als  Auswahl und in jeweils neu festgelegter Reihenfolge aufführbar und bilden ein Mosaik aus verschiedenen Blickwinkeln auf die Handlung. Ähnlich perspektivisch aufgefächert bietet sich das Musiktheaterwerk Chief Joseph (2003) dar, in dem es, in den Worten des Komponisten, „um die Unfähigkeit der westlichen Gesellschaft, sich mit fundamental andersartigen Lebensentwürfen produktiv auseinanderzusetzen“ geht.

Zu seinen Kompositionsschülern an der Frankfurter Musikhochschule, wo er 1988 bis 2000 lehrte, gehörten unter anderem Hanspeter Kyburz, Isabel Mundry, Hans Thomalla und José María Sánchez-Verdú. Hans Zender war Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg, der Akademie der Künste Berlin und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München. Er wurde unter anderem mit dem Kunstpreis des Saarlandes, dem Goethepreis der Stadt Frankfurt, dem Hessischen Kulturpreis und dem Preis der Europäischen Kirchenmusik ausgezeichnet. Seit 2004 bündelte das Ehepaar Zender sein kulturpolitisches Engagement in der Hans und Gertrud Zender-Stiftung, die unter anderem die Happy New Ears-Preise für Komponisten und Musikvermittler verleiht.

Anlässlich seines 80. Geburtstages wurde Hans Zender 2016 vielerorts mit Aufführungen seiner Werke geehrt: Auf ein Porträtkonzert bei der musica viva in München folgten unter anderem ein Konzert-Symposium bei Wien Modern, Wiederaufführungen seiner Oper Don Quijote mit dem Ensemble Modern sowie eine Serie von Geburtstagskonzerten des neuen SWR-Orchesters. Seine berühmte Winterreise war in einer neuen szenischen Version mit Christoph Prégardien und Peter Rundel an der Casa da Música  sowie an der New Yorker Carnegie Hall mit Mark Padmore unter der Leitung von Sir Simon Rattle zu erleben.

Die Saison 19/20 umfasst neben weiteren Darbietungen der Winterreise – unter anderem in einer neuen Inszenierung des niederländischen Installationskünstlers Aernout Mik an der Staatsoper Stuttgart – Wiederaufführungen von Mnemosyne mit dem Arditti Quartett beim Musikfestival Bern sowie von Issei no kyo (Lied vom einen Ton, 2008/09) mit dem Ensemble Modern in Frankfurt und Köln. Im Herbst steht die Uraufführung der Neufassung seiner Diabelli-Variationen (33 Veränderungen über 33 Veränderungen) mit dem Klangforum Wien am Konzerthaus Wien an, bevor das Werk auch beim Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks sowie beim WDR Symphonieorchester erklingt, beide Male unter der Leitung von Peter Rundel.

Eine eindrucksvolle Reihe von philosophischen, musikästhetischen und kulturpolitischen Aufsätzen wurde im Frühjahr 2019 um den im Karl-Alber-Verlag erschienenen Band Sehen Verstehen SEHEN. Meditationen zu Zen-Kalligraphien ergänzt, der gemeinsam mit dem Religionswissenschaftler und Zen-Meister Michael Brück entstanden ist.

Hans Zender ist in der Nacht zum 23. Oktober 2019 nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Meersburg gestorben.

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