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Jetzt online: Unsere aktuelle Saisonbroschüre

Eigentlich hätte sie im März in Druck gehen sollen – dann kam die Corona-Epidemie und machte eine Neugestaltung unserer Jahresbroschüre erforderlich. Wir freuen uns, diese nun als Online-Version vorzulegen und Programme und Ideen für die Saison 2021/22 vorzustellen, über die wir mit Ihnen ins Gespräch kommen möchten.

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Simon Bode: Wanderziele und Weggefährten

Simon Bode

Für Simon Bode stehen, nach langer Corona-Durststrecke, im kommenden Jahr einige Herzensprojekte an. Auftritte in den USA und die Zauberflöte bei den Salzburger Festspielen sind zwar weiter in die Zukunft verschoben, aber dafür widmet er sich umso mehr dem Lied und der Kammermusik, so zum Beispiel beim Heidelberger Frühling, beim Kissinger Sommer und gemeinsam mit Igor Levit mit der Winterreise in Frankfurt und Essen. Vorfreude ist also durchaus angebracht. Dass er allerdings momentan – wie viele andere Künstlerinnen und Künstler mit ihm – diese Vorfreude nicht allzu lautstark publik macht, hat natürlich weniger mit theaterbedingtem Aberglauben als mit pandemiebedingten Erfahrungen zu tun. Während wir also die Daumen dafür drücken, dass Schuberts Wanderer noch in dieser Spielzeit tatsächlich in die Winternacht loslaufen kann und nicht in seiner Bleibe verharren muss, nutzen wir die Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Tenor über seine eigene Lebensreise auf musikalischen Pfaden.

Herr Bode, in den letzten Spielzeiten sah Ihr Kalender sehr vielfältig aus: Die klassischen Mozart-Tenorrollen finden sich dort, in der Wigmore Hall waren Sie mit Liederabend-Programmen zu Gast, kammermusikalisch begeisterten Sie mit Vaughan Williams im Berliner Boulez-Saal, für Weills Sieben Todsünden und Hindemiths Mörder der Frauen reisten Sie zum Los Angeles Philharmonic, in der Elbphilharmonie sangen Sie den Freddy in My Fair Lady unter der Leitung von Alan Gilbert, und eigentlich hätte auch noch eine Tournee als Evangelist mit Jordi Savall und der Johannespassion auf dem Programm gestanden. Es fällt auf, wie breit das Repertoire ist, das Sie bedienen.

Stimmt, da ist von alter Musik bis hin zu Uraufführungen alles dabei. Ich habe immer nach Repertoire gesucht, das zu meiner Stimme und zu mir als Musiker passt – unabhängig davon, in welcher Epoche oder welchem Stil es geschrieben wurde. Dass ich neben der Oper auch so viel Konzert und Kammermusik mache, kommt vielleicht daher, dass meine ersten Instrumente die Geige und das Klavier waren. Dadurch habe ich früher viel Kammermusik in verschiedensten Konstellationen gespielt. Als Sänger gibt es in dieser Hinsicht ja leider weniger Möglichkeiten, daher nutze ich jede Chance, die sich mir bietet, Gesangsrepertoire mit Kammermusikbezug in meine Konzertprogramme einzubauen. Das ist in der Regel dann auch Repertoire, das man noch nicht hundertmal aufgeführt hat, da es auch von Veranstalterseite her nicht so viele Gelegenheiten gibt, es unterzubringen.
 
Sie sprechen Geige und Klavier an: Wie war eigentlich Ihr Weg zur Musik? Ich glaube, Sie kommen nicht aus einer Musikerfamilie?

Das nicht, aber gefördert und ermöglicht wurde die klassische Musik schon. Ich habe sehr früh Geigenunterricht bekommen, später auch Klavierunterricht, das gehörte einfach dazu. Es gab auf unserer musikbegeisterten Schule einen Schulchor mit einem sehr guten Musiklehrer, der mich ermutigt hat, etwas mit der Stimme zu machen. Ich habe in einem Alte-Musik-Ensemble gegeigt, und irgendwann musste da mal ein Sänger her. Das habe ich als Doppelrolle übernommen. Zur gleichen Zeit wurde von unserer Schule und den Musikvereinen der Stadt das Musical Anatevka auf die Beine gestellt. Ich habe vorgesungen und eine der Hauptrollen bekommen; dazu gab es kostenlosen Gesangsunterricht an der Musikschule. So ging es los. Ich war dann auch Mitglied im Landesjugendchor und Weltjugendchor und so ist das Singen ein immer wichtigerer Teil meines Lebens geworden. Durch eine witzige Fügung hat sich dann der Kontakt zu meiner späteren Gesangsprofessorin Charlotte Lehmann ergeben: Auf einer Familienfeier habe ich meiner Großmutter ein Ständchen gebracht, daraufhin hat mich eine entfernte Verwandte, die Frau Lehmann persönlich kannte, zum Vorsingen bei ihr geschleppt. Noch vor dem Abi bin ich dann jedes Wochenende parallel zur Schule zu ihr von Hamburg nach Hannover gedüst und habe Unterricht bekommen. Finanziert wurde das durch ein Stipendium der Jürgen Ponto Stiftung, das ich als Sonderpreis beim Bundeswettbewerb Jugend Musiziert erhielt.

Es ist schön zu hören, dass ein musikalischer Start auf diesen Wegen mit den Landesensembles, Jugend Musiziert, Schule und Musikschule so gut funktioniert.

Genau, ich bin durch dieses deutsche System gegangen und habe sehr davon profitiert, und nach dem Abi habe ich an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover das Hauptstudium begonnen.

Dort fing es dann an mit diversen musikalischen Partnerschaften, die sich entwickelt haben?

Damals herrschte an der Musikhochschule Hannover ein ganz freier Geist, der auch fächerübergreifendes Interesse und gemeinsames Arbeiten beflügelte. Außerdem war es die große Zeit der Pianistenschule: Viele der heute tonangebenden Pianisten meiner Generation haben damals gleichzeitig in Hannover studiert. Unter anderem begann so die Zusammenarbeit mit Igor Levit und Francesco Piemontesi. Beziehungsweise mit Igor sogar schon viel früher bei Jugend Musiziert und durch die Förderung der Deutschen Stiftung Musikleben und der Jürgen Ponto Stiftung. Die haben uns ziemlich früh professionelle Gigs vermittelt und zusammen auf Reisen geschickt. Das sind Erfahrungen, die zusammenschweißen.

Wenn man einmal schaut, mit wem Sie heute musizieren: Es gibt die „Peergroup“ in Ihrer Altersklasse, aber auch Menschen einer anderen Generation wie Ulrich Eisenlohr oder Graham Johnson.

Graham habe ich beim Internationalen Schubert Wettbewerb in Dortmund kennengelernt, wo er Mitglied der Jury war. Am Tag nach der Preisverleihung schrieb er mir, ob ich mir vorstellen könne, relativ spontan Teil seiner Gesamtaufnahme der Brahms-Lieder für Hyperion Records zu werden. Ich hatte noch nicht viel Brahms gesungen – das ist eigentlich ein bisschen später dran. Aber ich habe an die Chance geglaubt und mir innerhalb von sechs Wochen ein vollkommen neues Repertoire draufgeschafft. Auch Ulrich Eisenlohr lernte ich am Ende des Studiums kennen, und bis heute arbeiten wir zusammen, zurzeit an der Gesamtaufnahme der Schumann Lieder für Naxos International. Rückblickend muss ich sagen, dass ich es unabhängig von meiner eigenen Person fantastisch finde, wie solche Kaliber Ausschau nach Talenten halten und sie dann fördern. Sie haben mich damals nicht gefragt: „wie viel hast Du schon gemacht“, sondern vielmehr: „wie tickst Du eigentlich musikalisch“, „was willst Du ausdrücken“, „wo willst Du hin“ und mich dann dabei unterstützt. Das ist natürlich ein großes Geschenk, mit solchen Vollblutmusikern arbeiten zu dürfen und von ihrer immensen Erfahrung zu lernen und zu profitieren. Ich hatte Glück, dass ich in meiner eigenen Generation Leute hatte, mit denen man lospreschen konnte, und genauso aber aus der Generation darüber Leute, die mich an der Hand genommen haben.

Wie sehen beziehungsweise hören Sie Ihre frühen Interpretationen heute?

Wenn man anfängt, denkt man ja oft: Ich kann das nur ganz genau so auf diese eine Art und Weise machen – im besten Falle findet man eine Version, an die man total glaubt. Ein paar Jahre später hört man dann vielleicht rein und denkt: Ah, ganz nett, aber man kann’s auch anders machen. Das ist eben ein Prozess. Dass ich so unbedarft und unverstellt – auch gesanglich – an die Dinge herangegangen bin, finde ich immer noch schön, das versuche ich mir zu bewahren.

Sie sagen, Sie suchen sehr das Kammermusikalische, aber es stand dann auch viel Oper auf der Agenda.

Hier hatte ich das große Glück, dass ich schon mit Anfang 20 meine ersten Rollen an der Staatsoper Hannover singen durfte. Das war natürlich ein großer Luxus, gleichzeitig mit dem Studium diese Praxiserfahrung sammeln zu können. 2010 habe ich mein Diplom ein Jahr vorgezogen, weil ich Mitglied im Internationalen Opernstudio der Oper Frankfurt wurde. Darauf folgten vier weitere Jahre im Solistenensemble mit vielen großen Fachpartien. Eigentlich hatte ich mich danach als freischaffender Opernsänger sehr gut und gerne aufgestellt, aber das Angebot, das dann aus Hannover kam, war – wie sagt man – too good to refuse. Erstens waren die Rollen toll, und ich dachte außerdem, es ist schön, diesen Kreis zu schließen. Damals, mit 20, durfte ich in meiner allerersten Rolle auf der großen Bühne den Priester in der ganz alten Hannoverschen Zauberflöten-Inszenierung singen, ein paar Jahre später, immer noch im Studium, kam eine neue Inszenierung, da war ich bereits Priester plus Geharnischter. Diese Doppelrolle habe ich auch in Salzburg gemacht. Und bei in der aktuellen Neuinszenierung in Hannover war ich dann der Tamino. Ich habe mich also einmal durch das Stück durchgearbeitet, das war eine gute Entwicklung.

Seit mehreren Jahren singen Sie auch sehr regelmäßig in der Wigmore Hall. Wie kam diese besondere Beziehung zustande?

John Gilhooly ist ja, wenn man so will, Primus inter pares unter den Leitern von Konzerthallen; ein Lied- und Kammermusikprogramm wie seins gibt es im Grunde nirgends auf der Welt. Das Vorsingen ist über eine Empfehlung von Igor Levit zustande gekommen. John fand es gut, und dann fängt man dort an mit Sunday Afternoon Recitals – das sind die Dinge, die man machen darf, um zu gucken, ob man auch liefert. Irgendwann kam das erste Evening Recital, und inzwischen sind auch für die Zukunft viele wunderbare  und unterschiedliche Projekte in der Wigmore Hall geplant, auf die ich mich sehr freue.

... denn da kommen Ihre eigenen musikalischen Ideen besonders zum Tragen.

Genau, denn bei jedem meiner Programme muss ich das Gefühl haben: Das mache ich nicht nur, weil da gerade eine Lücke war, sondern das ist jetzt wichtig und richtig, da habe ich etwas zu sagen. Aber noch mehr: Es geht für mich auch unbedingt um Kollaboration mit den Leuten, mit denen es passt, mit denen man auf einer Wellenlänge ist und sich auch ohne viele Worte versteht. Wenn ich meine Arbeit im Sinne dieser beiden Gedanken weiterentwickeln kann, bin ich schon ganz zufrieden.

Interview: Nina Rohlfs
12/2020

Arditti Quartett: Licht an, Ton ab!

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Eine Tournee mit Festivalauftritt, Hochschulbesuch, Workshopangebot, im Gepäck auch neue Stücke – für das Arditti Quartett im 46. Jahr seines Bestehens eigentlich Alltagsroutine, oder? Nun ja, nicht im Corona-Sommer 2020.  Nach Monaten der Stille entdeckten die vier Musiker gemeinsam mit ihrem Publikum das Ritual „Livekonzert“ noch einmal neu. Irvine Arditti berichtet von einer kleinen Tour mit großen Erlebnissen.

Still war es in den vergangenen Monaten, wir konnten nicht vor Publikum spielen und wir durften uns nicht treffen. Wir sind uns nicht einig darüber, was schlimmer war ;-)) Mitte August kam endlich wieder Schwung in die Sache: Licht an, und zwar auf der Bühne! Und Ton ab, nämlich live von uns!

Hellerau

„Europäisches Zentrum der Künste“ in Hellerau bei Dresden. Kein besserer Ort ist vorstellbar, um die gebremste Wirklichkeit regelrecht überholen zu können. Wir haben Hellerau mit dem Festival „June in Buffalo“ verbunden. Technische Superprofis, kleines Publikum vor Ort und ein Live-Stream für die Menschen in den USA – so konnten wir ein Konzert mit Carter, Birtwistle und David Felder spielen/streamen und nach Diskussions- und Probetagen über die Kontinente und Zeitzonen hinweg verspätet die Stücke von acht jungen Komponist*innen uraufführen: Xuesi Xu, Jack Herscowitz, Yifan Guo, Daniel Gostelow, Tomek Arnold, Edgar Girtain, Young Jun Lee und Joel Kirk.

Ging ja!

Eisenach

Nächster Halt auf unserer ersten Tour: Eisenach. Wir spielten beim „Yiddish Summer Weimar“ Dusapin, Kurtág, Felder und Ligeti. Das war ein Arditti-Debüt, das hat uns sehr gefreut! Eingeladen dazu hatte Achim Heidenreich, der Kulturamtsleiter und Autor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. In seinem Interview mit Lucas kamen einige Wochen vor dem Konzert die Schwierigkeiten während des Lockdown zur Sprache.

Frankfurt am Main

Weiter ging es nach Frankfurt an die HfMDK (Hochschule für Musik und Darstellende Kunst) und das dortige IZM (Institut für zeitgenössische Musik). Das ist ja richtig Heimat für Lucas und diesmal sind wir anderen drei quasi zur Verstärkung (smiley) mit angereist. Erwartet haben uns hier Studierende aus der Kammermusik-Klasse von Tim Vogler mit Glosse von L. Berio und Komponist*innen aus den Klassen von Orm Finnendahl und Michael Reudenbach. Viele Noten! Spiel aus der Partitur – und Umblätterer waren aus Abstandsgeboten nicht planbar. Trotzdem: zu hören war Musik von Alexander Reiff, Dayoung Park, Teresa Grebtschenko,  Robin Wächtershäuser, Feng Bao.

Bad Homburg

Nach der Hochschule nun eine private Initiative. Traudl Herrhausen ist unsere gleichermaßen charmante wie großzügige Gastgeberin gewesen. Ein wohl überlegter privater Rahmen, dazu die Wettervorhersage für einen stürmischen Abend und schon

wurde das Konzert aus dem offenen Haus mit Garten kurzerhand in die Orangerie verlegt, Kursalon mit Rundum-Aussicht in den Park. Wir sitzen in der Mitte und drehen uns nach dem zweiten Stück, sodass uns alle einmal von hinten (!) sehen können. Wer hätte gedacht, dass wir in solch einem Rahmen Dutilleux, Mundry, die UA des 5. Quartetts von James Clarke und Rihm spielen?

70 Menschen durften kommen, 70 sind auch da gewesen.

Und 74 haben Spiel und Speisen genossen – wir nämlich auch!

Edenkoben

Das mitten in den besten Weinbergen liegende, von Konrad und Barbara Stahl geführte Herrenhaus mit seinem zauberhaften Garten war uns an diesen schönen Sommertagen einmal mehr ein schon lieb gewordenes Quartier. Richtig Luft geholt haben wir hier für das Konzert, das aus Platzgründen in die Evangelische Kirche verlegt wurde. Am Programm mit unglaublich diszipliniert Abstand haltendem Publikum: Dutilleux, Mundry, die UA des 6. Quartett von James Clarke (wie das 5. auch in den zurückliegenden Monaten der Stille komponiert) und Rihm. Welch eine Ehre und Freude, Wolfgang während des Spiels in der ersten Reihe zu sehen! Der Abend mit ihm unterm Sternenhimmel wurde noch lang und schön.

Weingarten

Und zum Schluss mal flott 250 Jahre zurück, nicht wie sonst bei uns so oft 25 Jahre. Anlass ist das Hölderlin-Jahr. Die Verbindung zur Musik? Einfache Antwort mit zwei Namen: Zender und Nono. Hölderlins Geburtsort Lauffen am Neckar liegt gerade mal zwei

Autofahrstunden entfernt von Weingarten, nahe am Bodensee, wo man seiner gedenkt. Hat Hölderlin die größte Barockkirche nördlich der Alpen einmal besucht? Wir spielen hier für ihn Nonos Fragmente, Stille – an Diotima, und Mnemosyne, Hölderlin lesen IV von Hans Zender, der bis zu seinem Tod vor einem Jahr in der Nähe gelebt hat. Und das Publikum, von unseren Tönen davongetragen, findet in dieser ehemaligen Benediktiner-Abtei einen überwältigend offenen Raum, auch eigenen Gedanken nachzugehen.

Bleibt der Dank.

Der Mut, den all die Menschen, denen wir in diesen zwei Wochen begegnet sind, ausgestrahlt haben, und die Anstrengung, die es gebraucht hat, um die Konzerte und Kurse zu veranstalten, das hat uns sehr beeindruckt, gefreut und berührt. Wir alle wissen, dass

wir uns damit gemeinsam weit ab des Selbstverständlichen bewegt haben. Unser Dank gilt Moritz Lobeck, Achim Heidenreich, der HfMDK Frankfurt, Traudl Herrhausen, Barbara und Konrad Stahl und Rolf Stoll für die Einladung und Gastfreundschaft. Und nichts läuft ohne finanzielle Unterstützung. Vieles erst möglich gemacht haben bei dieser Tour die Ernst von Siemens Musikstiftung sowie die Hans und Gertrud Zender-Stiftung. Dafür bedanken wir uns ausdrücklich.

Ach ja, wir haben mit „Licht an!“ begonnen, da fehlt jetzt freilich die Erwähnung des wirklich besten Lampenschirms (die üblichen Spots spielten auf dieser Tour nun wirklich gar keine Rolle): der kristallene Kronleuchter im Kursalon, der hat uns schon schwer beeindruckt! Und der Ton, dafür haben wir gesorgt, der hat an jedem Ort gepasst.

Auf bald.

Irvine Arditti, September 2020
Übersetzung: Lucas Fels, Ralf Ehlers

Peter Rundel: 20 Jahre Remix Ensemble

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In Porto gibt es gute Gründe zu feiern: Das Remix Ensemble begeht in diesem Jahr sein 20jähriges Jubiläum, und seit 15 Jahren musiziert das Solistenensemble für Neue Musik in einem neuen, atemberaubenden Konzerthaus, der Casa da Música. Peter Rundel berichtete uns als künstlerischer Leiter des Ensembles schon 2015 von dessen Entstehungsgeschichte. Anlässlich des runden Geburtstages veröffentlichen wir diesen Artikel nun erneut – und sagen „Herzlichen Glückwunsch“!

Es sind eine Reihe mutiger Entscheidungen, die das Remix Ensemble wie das Haus zu einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte werden ließen – und das immerhin durch eine handfeste Finanz- und Wirtschaftskrise hindurch. Wie ein Bekenntnis zur Bereitschaft, neue Wege zu gehen, steht am Anfang dieser Geschichte die Gründung eines Solistenensembles für zeitgenössische Musik für die damals noch in Planung befindliche Casa da Música. „Remix war zunächst die einzige Konstante im Hinblick auf die Eröffnung der Casa da Musica“, erklärt Peter Rundel. „Pedro Burmester, der portugiesische Pianist, der dieses Haus ins Leben gerufen hat, war sich sicher, dass er ein Ensemble für zeitgenössische Musik fest an das Haus binden wollte.“ Eine internationale Ausschreibung und Probespiele in ganz Europa folgten. „Bevor das Haus tatsächlich stand, haben die Musiker schon fünf Jahre daraufhin gearbeitet“, sagt Peter Rundel, der kurz vor dem Einzug ins neue Haus die Leitung des Ensembles von Stefan Asbury übernahm.

Sie ist wohl eine der interessantesten unter den vielen Konzerthausneubauten der vergangenen Jahrzehnte, diese Casa da Música. Wie ein auf der Spitze stehender Kristall wirkt der von Rem Koolhaas‘ berühmtem Architekturbüro OMA entworfene polygonale Bau, der im Herzen von Portugals Wirtschaftsmetropole mit spektakulären Ausblicken, mit einer Vielzahl verschieden nutzbarer Räume und natürlich mit einem akustisch herausragenden großen Saal aufwartet. Ein Haus, von dem man meinen könnte, es sei wie geschaffen um die bessere Gesellschaft der Stadt zu bedienen – mit Gastspielen großer internationaler Orchester, mit Starsolisten. Oder das eben doch in seiner Modernität ermöglicht, für eine musikalische Kultur der Zukunft zu stehen und sich einem breiten Publikum zu öffnen? „In der ersten Zeit nach der Eröffnung war diese Art von repräsentativer Kultur am Haus durchaus die Politik“, räumt Peter Rundel ein. Mehr und mehr habe das Haus in den folgenden Jahren allerdings seine finanziellen Ressourcen aus Stiftungsmitteln und staatlichen Zuschüssen für eigenes Programm eingesetzt. „Man bewegte sich von der Repräsentation weg zur Produzentenfunktion.“ Entsprechend wurden neben Remix sukzessive weitere hauseigene Ensembles aufgebaut: Das vormals unabhängige Orquestra Sinfónica do Porto wurde übernommen, ein Kammerorchester für Alte Musik unter der Leitung von Lawrence Cummings ins Leben gerufen. „Zu guter Letzt wurde ein Chor gegründet mit Paul Hillier als Leiter, so dass das Haus nun über vier eigene Klangkörper verfügt. Das ist einzigartig in Europa!“, ergänzt Peter Rundel. „Und es ist Resultat einer bewussten politischen Entscheidung zur aktiven Förderung der lokalen künstlerischen Kräfte.“

Dass diese kulturpolitische Entscheidung zu einer Zeit kommt, in der in Portugal eine junge Generation exzellenter Musiker und Musikerinnen die Szene betritt, ist wohl ein Glücksfall für alle Beteiligten. Natürlich ist Remix ein internationales Ensemble, hat aber inzwischen einen erstaunlich hohen Anteil portugiesischer Mitglieder vorzuweisen. „Und man muss eindeutig sagen, dass dies aufgrund der Leistungen so ist“, stellt Peter Rundel klar. „Der musikalische Nachwuchs ist in Portugal mittlerweile auf internationalem Niveau. Das zeigt sich bei unseren Probespielen genauso wie bei der Sommerakademie des Remix Ensembles und bei den jungen Solisten, die bei verschiedenen Gelegenheiten an der Casa da Música auftreten.“

Passend zum musikalischen Selbstbewusstsein dieser neuen Generation ist das programmatische Konzept des Hauses ebenso eigenständig wie transparent. Peter Rundel bestätigt, dass die Zusammenarbeit mit dem Intendanten des Hauses, António Pacheco, ein wichtiger Erfolgsfaktor für das Remix Ensemble ist. „Es gibt einen deutlichen Schwerpunkt auf zeitgenössischer Musik – da ist Remix natürlich ein wichtiger Vertreter – und es gibt ein dramaturgisches Gesamtkonzept, zu dem beispielsweise Länderschwerpunkte gehören.“ Nicht nur Stücke der Tradition stehen dabei im Mittelpunkt, sondern die Schwerpunkte werden auch durch prominente Komponisten in residence getragen. Für den Deutschlandfokus in der Jubliläumssaison 2015 ist momentan beispielsweise Helmut Lachenmann am Haus; 2017 ist Harrison Birtwistle zu Gast, jeweils mit Werkaufführungen von allen hauseigenen Ensembles. „Parallel dazu bekommt jedes Jahr ein junger portugiesischer Komponist die Möglichkeit, sich durch Auftragswerke einem breiteren Publikum vorzustellen“, ergänzt Peter Rundel. „Zusätzlich gibt es über die Saison verstreut thematische Schwerpunkte, sozusagen Minifestivals für alle Klangkörper. Diese klare Struktur ist für das Publikum gut nachvollziehbar, und gleichzeitig ermöglicht sie eine große Vielfalt. Zum Erfolg der Casa gehört, dass das Haus und die Konzerte in breitesten Bevölkerungsschichten von Porto extrem gut angenommen werden.“

Diese Entwicklung wäre für jede Stadt eine gute Nachricht – und für Porto ist der Wert eines funktionierenden kulturellen Zentrums, das über seine Mauern hinaus Impulse in das Musikleben der Stadt geben kann, sicherlich kaum zu überschätzen. Denn die Weltkulturerbestadt am Douro ist zwar als Wirtschaftszentrum des Landes ein vitaler urbaner Raum, aber eben auch ein Ort, der aus Sicht der europäischen Musikmetropolen am Rande Europas liegt – wer von hier aus Konzerte in anderen Städten besuchen will, hat auf jeden Fall einen weiten Weg. Umgekehrt ergibt sich für das Remix Ensemble aus dieser Situation heraus der besondere Wunsch, auch andernorts sein Publikum zu finden. „Wir spielen ab und zu in Lissabon bei der Gulbenkian Stiftung, aber Portugal ist insgesamt ein kleines Land mit wenig Auftrittsmöglichkeiten“, erklärt Peter Rundel. „Umso wichtiger ist es, dass wir die Möglichkeit haben, uns bei europäischen Festivals für zeitgenössische Musik oder mit unseren Opernprojekten der Konkurrenz und anderem Publikum zu stellen. Diese künstlerische Herausforderung ist für das Ensemble sehr wichtig und hat uns in den letzten Jahren einen deutlichen Schritt nach vorne gebracht.“

Aufsehen erregt haben dabei besonders die zeitgenössischen Musiktheaterprojekte, die das Remix Ensemble regelmäßig auf Tourneen präsentiert. „Es gibt eine erprobte Kooperation mit der französischen Produktionsfirma T&M - Théâtre et Musique“, erläutert Peter Rundel. „Extrem erfolgreich war beispielsweise Massacre von Wolfgang Mitterer. Dann natürlich die Ring Saga, ein Mammutprojekt, das nur mit weiteren Partnern gestemmt werden konnte.“ Die Bearbeitung von Wagners Ring, eingedampft auf drei Tage und Ensemblegröße, war vielerorts in Frankreich und in Italien zu sehen und wurde vom Fernsehsender Arte mitgeschnitten. „Nach einer Pause zeigen wir nun die Uraufführung der ersten Oper des jungen Italieners Francesco Filidei, sicher einer der interessantesten Komponisten seiner Generation“, freut sich Peter Rundel.

Giordano Bruno kommt als Oper in zwölf Bildern Mitte September 2015 in Porto auf die Bühne, ehe Remix das Werk in Straßburg und Reggio Emilia präsentiert. „Ich glaube, es ist eine musikalisch absolut herausragende Schöpfung, die Francesco Filidei da gelungen ist“, begeistert sich der Dirigent, noch unter dem Eindruck erster Proben mit Sängern und Chor. „Der Stoff ist mit einer hypnotischen Musik umgesetzt.“

Nina Rohlfs, zuerst veröffentlicht 08/2015

Das Jubiläumsjahr 2020 feiert das Remix Ensemble unter anderem mit Uraufführungen von Werken, die das Ensemble bei Francesco Filidei (Requiem) und Igor C Silva (neue Musik für einen klassischen portugiesischen Stummfilm) in Auftrag gegeben hat. Zur portugiesischen Erstaufführung bringt das Ensemble Werke von Philippe Manoury und Magnus Lindberg. Neben einer Gastspielreise zur Elbphilharmonie Hamburg stehen Projekte mit Solisten wie Pierre-Laurent Aimard und Ashot Sarkissjan an.

Einsam, zweisam, dreisam: Claire Huangci

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„Ich gehöre zu den Menschen, die immer Neues entdecken wollen, deshalb beschäftige ich mich so gern mit verschiedenem Repertoire“, erklärte Claire Huangci uns schon vor zwei Jahren im Interview. Momentan bedeutet der Weg ins Neue für sie unter anderem, nicht nur in pianistischer Einsamkeit große Werke zu bewältigen oder als Gastsolistin mit Orchestern zu arbeiten, sondern sich neue Herausforderungen mit musikalischen Partnerinnen und Partnern zu suchen. Entsprechend ist sie in den kommenden Wochen vielerorts als Kammermusikerin zu erleben: Mit ihrem Trio Machiavelli in Bayreuth sowie in Klavierduos mit Alexei Volodin an der Elbphilharmonie und mit Mario Häring in Blaibach. Und als sozusagen erste Frucht des seit einiger Zeit beackerten Feldes kommt Mitte August eine Kammermusik-CD heraus.

Mit ihrem Trio Machiavelli hat sie für das Label Berlin Classics Werke von Ravel und Chausson (für dessen Klavierquartett komplettiert Bratschist Adrien Boisseau die Besetzung) aufgenommen. Damit erfüllt sich für sie ein schon länger gehegter Wunsch. „Früher, als sehr junge Musikerin, stellte ich mir vor, dass der Erfolg als Pianistin bedeutet, immer solistisch zu spielen. Sehr schnell begriff ich, wie falsch ich damit lag“, erinnert sie sich. „In Deutschland hatte ich die Möglichkeit, gleichaltrige Musiker zu finden, Freundschaften zu entwickeln und gemeinsam zu spielen, einfach, weil es Spaß macht. Und ich merkte, wie das gemeinsame Aufführen, Experimentieren, Interpretieren meinen Blick erweitert.“ In einer vorab veröffentlichten Kritik nimmt der österreichische Merker die CD begeistert auf, lobt bei Chausson „Seelentiefe und starke Ausdruckskraft“, bei Ravel „Klarheit und Dichte“ und resümiert: „Eine in jedem Fall empfehlenswerte Aufnahme.“

Es mutet wie ein merkwürdiger Zufall an, dass die CD-Erscheinung, dass Duo- und Triokonzerte ausgerechnet in eine Zeit fallen, in der Menschen in aller Welt durch Quarantäne und Kontaktbeschränkungen auf sich selbst zurückgeworfen werden und in der Musiker*innen einsame Livestreams aus ihren Wohnzimmern präsentieren. Und selbstverständlich müssen auch die geplanten Konzerte Antworten auf die Frage finden, wie Musikgenuss und Abstandsregeln zu vereinen sind, wie man aus der Not eine Tugend machen kann. Mit dem Festival Bayreuth Summertime beispielsweise wurde ein beachtliches Alternativprogramm zu den abgesagten Festspielen geschaffen; die Elbphilharmonie erweitert ihre auf den Vorplatz vor dem Haus übertragenen Sommerkonzerte; das Konzerthaus Blaibach hat ab Spätsommer 115 Konzerte aufs Programm gesetzt, um Publikum und Künstler*innen „unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen wieder Perspektiven in dieser seltsamen Zeit zu eröffnen“, wie es auf der Website heißt.

Und welche Musik passt in diese seltsame Zeit? Für Claire Huangci Vielfältiges, aber vor allem immer wieder Beethoven – schließlich befindet man sich ja noch mitten im Jubiläumsjahr. Als Klavierduofassung steht die Neunte am Konzerthaus Blaibach auf dem Programm.

Und dann muss es für Beethoven eben doch wieder sein: Claire allein am Klavier. Sogar mit einem Werk, für das normalerweise ein ganzes Orchester die Bühne betritt; auch hier geht sie neue Wege. Mit Beethovens Pastorale, die sie in ihrer dreimonatigen coronabedingten Spielpause einstudierte, hat sie schon das Publikum in Langenargen begeistert: „Es war ein fantastisches Hörerlebnis, das die Zuhörer vom ersten Ton an in die idyllische Hirtenwelt entführte und fesselte. Die Pianistin besitzt eine mit vielen Schattierungen ausgestattete Klang-Palette, die es ihr erlaubte, die einzelnen Orchestergruppen, ja sogar einzelne Soloinstrumente hörbar zu machen“, so die Schwäbische Zeitung. Jetzt bringt Claire Huangci die selten gespielte Klavierfassung der Sinfonie in sechs weiteren Konzerten zu Gehör, unter anderem in Emden, Berlin, Blaibach und als Höhepunkt – zusammen mit der 7. Sinfonie – beim Klavierfestival Ruhr.

Vieles ist unmöglich in dieser seltsamen Zeit, und doch manches plötzlich möglich. Ein Rezital im großen Saal der Berliner Philharmonie und im großen Saal der Elbphilharmonie mit Bachtoccaten und Schuberts Klaviersonate A-Dur, die sie auch im Großen Saal am Wiener Konzerthaus interpretiert, steht im Herbst an. Allein am Klavier, gewiss, aber in Verbundenheit mit anderen Musiker*innen: Der Erlös des Berliner Konzertes soll jungen Künstlerinnen und Künstlern zugutekommen. 

Kommende Termine (Auswahl):

Trio Machiavelli: Werke von Ravel und Mendelssohn
10. August Bayreuth Summertime *CD-Release Konzert*

Klavierduo mit Alexei Volodin: Werke von Mozart, Rachmaninow, Ravel
17. August Festival Les Pianos Folies Palais des Congrès du Touquet-Paris-Plage
20. August Elbphilharmonie Konzertkino auf dem Vorplatz *live stream*

Klavierduo mit Mario Häring: Beethoven 9. Sinfonie
28.-30. August Konzerthaus Blaibach Saisoneröffnung

Beethoven/Liszt: Sinfonie Nr. 6 „Pastorale“
22. August Open Air am Hafentor Emden
23. August Gut Altenkamp Papenburg
26. August Schlossinsel Köpenick Berlin „Musik im Park“
5. September Klavierfestival Ruhr 
11. September Landenberghaus Greifensee
29. September Konzerthaus Blaibach

Solorezital:
25. Oktober Wiener Konzerthaus Großer Saal
27. Oktober Philharmonie Berlin Großer Saal
28. Oktober Elbphilharmonie Hamburg Großer Saal

Kontaktfreier Gefühlsaustausch: Dietrich Henschel und COSÍ.20

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In einer Zeit, in der die Existenzgrundlage von Künstlern fundamental bedroht ist, müssen diese mit ihren ureigenen Mitteln auf kreative Art Wege aus der Krise finden und erfinden“, sagt Bariton Dietrich Henschel zu seinem neuen Opernprojekt COSÍ 20 – Liebe ist ansteckend. Mozarts Cosi fan tutte – diese zynische Wette auf die Unmoral im Laborversuch, emotionslos seziert und durchs Mikroskop betrachtet – liefert dem Künstler*innenkollektiv um Dietrich Henschel und Thomas Höft eine ideale Folie für Oper in den Zeiten des social distancing. Am 1. und 2. August vereinzelt das Opernlabor COSÌ.20 in Lockenhaus alle Akteure einschließlich des Publikums in einem Psycho-Experiment. Wird die Isolation Beziehungen dauerhaft zerstören? Kann der kontaktfreie Gefühlsaustausch schmerzfrei vollzogen werden?

In der interaktiven Inszenierung wird die Oper in komprimierter Fassung gezeigt, angereichert mit Werken von György Ligeti, John Cage, György Kurtág und Ghostly Kisses. Und wo große Oper ausfällt, versammelt COSÌ.20 eine Opernkompanie im Kompaktformat, die Vielseitigkeit der Mitwirkenden ausnutzend. Zum Personal gehören neben einer handverlesenen Sängerbesetzung – darunter Sopranistin Johanna Winkel und Tenor Benedikt Kristjánsson – der künstlerische Leiter, Bariton und Pianist Dietrich Henschel und Dirigentin Gabriella Teychenné, die als Geigensolistin zweitfungiert, sowie das Vogler Quartett.

Dem Publikum ist in diesem Vereinzelungsszenario eine eigene Rolle unter allen notwendigen Vorgaben des Infektionsschutzes zugedacht. Das COSÌ-20 Experiment hat eine Teilnehmerzahl von maximal 98 Personen pro Aufführung. Alle Mitwirkenden stellen ihre Arbeitskraft und Kreativität ebenso honorarfrei zur Verfügung wie die Betreiber der Burg Lockenhaus die Spielstätte und des Kühlhaus Berlin ihr Gebäude für die erste Probenwoche– Einnahmen dienen zur Deckung der weiteren Unkosten.

Damit tastet sich das Kollektiv an die Frage heran, wie mit den durch die Covid-19-Pandemie verursachten neuen Verhältnissen künstlerisch umzugehen ist. „Die gesundheitliche Bedrohung ist real“, heißt es von Seiten der Akteure. „Virale Infektionen, die über Tröpfchenübertragung und Aerosole stattfinden, können nur über Schutzmaßnahmen wie räumliche Distanz und Masken eingeschränkt werden. Wenn man das ernstnimmt, heißt das aber noch lange nicht, dass damit performative Kunst unmöglich wäre. Sie ist nur nicht im gewohnten Sinne zu realisieren: Reduzierte Orchester-Besetzungen, kürzere Aufführungsdauern, Sicherheitsabstände, Atemschutzmasken, dies sind neue Gegebenheiten, auf die sich Theater- und Konzertveranstaltungen einzustellen haben.“

COSI.20 geht dabei noch einen Schritt weiter: „Wir betreiben keine simple Reduktion auf Corona-Format, sondern wir akzeptieren die neuen Gegebenheiten und nehmen sie als Grundlage für unsere künstlerische Auseinandersetzung mit einem genialen Musiktheaterstück des Repertoires. COSI.20 gewinnt aus der scheinbaren Reduktion ihre eigentliche Kraft. Sie betrachtet Da Pontes Theaterlabor mit dem Auge unserer momentanen Laborsituation und überträgt die Forschungsergebnisse Da Pontes und Mozarts in unsere pandemische Gegenwart“, so das Produktionsteam.

Das forum.lockenahus hat sich als organisatorischer Partner für das Projekt angeboten, das von zwei Künstler*innenkollektiven umgesetzt wird: WUNDERHORN productions wurde von Dietrich Henschel zur Realisierung von Film- und Musiktheaterproduktionen gegründet, und ĀRT HOUSE 17 ist als Initiative von Georg Kroneis, Michael Hell und Thomas Höft international spartenübergreifend zwischen Kunst und Wissenschaft aktiv. Gemeinsam haben sie sich den Namen ĀRT HOUSE OPERA gegeben.

Die Aufführungen im Kühlhaus Berlin sind auf unbestimmte Zeit verschoben, bis seitens der Behörden eine Planungssicherheit wiederhergestellt worden ist. Der Kartenvorverkauf startet am 7. Juli 2020 auf startnext.de und ist verbunden mit einem Crowdfunding.

Die „Instead List“ für Cello

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Anssi Karttunen hat etwas gegen Eintönigkeit. Um Lust auf mehr Vielfalt in der Programmplanung zu machen, bietet der Cellist nun Ideen für Alternativen an: Auf seiner „Instead List“ für Cello stellt er für jedes der bekannten Stücke ein hörenswertes selten gespieltes Werk vor.

„Während die Liste der Stücke, die in Duorezitalen mit Cello und Klavier auftauchen, unglaublich kurz ist – die zehn immer gleichen Stücke tauchen in unterschiedlicher Reihenfolge auf – gibt es eigentlich ein sehr großes Cellorepertoire“, beschreibt er. „Aber auch Orchester setzen nicht viel mehr als zehn Cellokonzerte auf ihre Agenda, und außer den Bach-Suiten gibt es vielleicht noch fünf Stücke, die in Konzertprogrammen auftauchen.“

Dabei könnte statt Schuberts Arpeggione-Sonate doch einmal Louise Farrencs Sonate op. 46 erklingen, oder Schostakowitschs erstes Cellokonzert könnte durch das von Boris Tischtschenko ersetzt werden… Die Liste versteht sich mit ihren vielfältigen Anregungen dabei nur als erster Denkanstoß, denn in Wirklichkeit stünden „den vielleicht 15 bekannten Konzerten bestimmt 200 unbekannte gegenüber.“ Zumal er Werke mit ihm eng befreundeter Komponistinnen und Komponisten wie Henri Dutilleux, Betsy Jolas, Magnus Lindberg, Kaija Saariaho und Pascal Dusapin dabei ohnehin ausgelassen hat.

Aus dem Konzertprogramm tilgen möchte Anssi Karttunen die bekannten Meisterwerke natürlich nicht: „Aber sie könnten eine kleine Pause gebrauchen, so wie die anderen Werke eine Chance brauchen. Man stelle sich vor, wie großartig es sein könne, nach zehn Jahren Pause zur Arpeggione-Sonate zurückzukommen. Ich habe Schostakowitschs erstes Konzert 34 Jahre lang nicht gespielt, und es fühlte sich unbeschreiblich frisch an, als ich es wieder interpretierte.“

Anssi Karttunens „Instead List“ finden Sie hier.

PLANEN MIT DEM AUSNAHMEZUSTAND: KARSTEN WITT IM GESPRÄCH ÜBER CORONA UND DIE FOLGEN

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Vor einem Jahr traf Karsten Witt aus Anlass des 15jährigen Jubiläums von karsten witt musik management erstmals die Redakteure des Monats-Magazin Kreuzberg-Welten. Jetzt gab es wieder Gesprächsbedarf: Mitten in der Corona-Krise drehte sich dieses zweite Interview darum, welche Perspektiven sich in Zeiten extremer Unsicherheit und Existenznot im gesamten Kulturbereich für das Künstlermanagement ausmachen lassen.

Frage: Im vergangenen Frühjahr haben Sie uns erklärt, wie ein Künstler-Management funktioniert. Heute interessiert uns, wie Kreuzberger Firmen die Corona-Zeit überstehen.

In unserem Fall muss ich Ihnen ehrlich sagen, dass ich das noch nicht weiß. Seit über einem Monat finden weltweit keine musikalischen Veranstaltungen mehr statt. Da wir in erster Linie von der Provision auf die Honorare unserer Künstler leben, haben wir seit Mitte März kaum noch Einnahmen.

Was machen Künstler ohne Konzerte?

Das ist eine sehr gute Frage. Einige unterrichten, die konzentrieren sich jetzt auf ihre Schüler. Einige sind Chefdirigenten eines Orchesters, die können sich jetzt intensiv mit dessen Programm-Planung beschäftigen. Manche unserer Komponisten freuen sich, dass sie jetzt nicht mehr reisen müssen und ungestört komponieren können. Und natürlich gibt es auch welche, die endlich Zeit für ihre Familie haben – oder zum Üben, zum Lesen, zum Kochen, zum Joggen. Aber die allermeisten haben wie wir große unbeantwortbare Fragen: wann dürfen sie wieder auftreten, worauf sollen sie sich vorbereiten, wann werden sie wieder Geld verdienen? Daher reden wir viel mit einander.

Aber für Solo-Selbständige gibt es doch Zuschüsse?

Das ist sehr unterschiedlich. In Deutschland erhalten sie meist nur Geld zur Deckung von Betriebskosten. Die haben die meisten Künstler aber nicht. Ihre normalen Lebenshaltungskosten laufen weiter, aber die Honorar-Ausfälle werden ihnen nicht erstattet.

Was kann man dann machen?

Auf bessere Zeiten warten, über social media mit Freunden, Kollegen und Publikum kommunizieren, aus dem Studio oder Wohnzimmer streamen… Allerdings kann Letzteres Konzerte in lebendiger Gemeinschaft natürlich nicht ersetzen.

Und was machen Sie als Management?

Wir sind in einer sehr ungewöhnlichen Situation, weil wir zwar, ähnlich wie die Cafés nebenan, keine Einnahmen mehr haben, aber viel mehr Arbeit als sonst. Die Planung der Konzerte und Opernproduktionen für die nächsten Saisons läuft ja weiter. Und darüber hinaus müssen wir für jede Veranstaltung, die jetzt ausfällt, prüfen und nachverhandeln, was das bedeutet: gibt es im Vertrag eine force majeure Klausel, wird noch irgendetwas gezahlt, werden die Auslagen erstattet, einigen wir uns auf einen Ersatztermin usw.

Gibt es für Sie denn eine staatliche Unterstützung?  

Wir haben mit 23 Angestellten leider die falsche Größe. Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern erhalten Zuschüsse, systemrelevante Großunternehmen werden gerettet. Aber für den Mittelstand gibt es nur Kurzarbeit und eventuell Kredite. Wir sind also in Kurzarbeit. Und ob wir einen Kredit bekommen, ist noch unklar. Den bekommen ja nur „gesunde“ Unternehmen. Der für mich zuständige sehr nette Bankbeamte hat mir zwar zugestanden, dass wir in den letzten Jahren keine Verluste gemacht haben, aber er hat mir – mit Recht – vorgehalten, dass nicht zu erkennen ist, wie wir den notwendigen Kredit je zurückzahlen könnten.

Was antworten Sie?

Dass nach Corona sowieso alles anders sein wird. Wenn er mir sagen könnte, wann das sein wird, würde ich ihm sofort einen Business-Plan vorlegen.

Sie haben uns vor einem Jahr erklärt, dass Sie bei jedem Engagement in Vorleistung gehen, weil Sie alle Kosten während der Planungsfrist von ein bis zwei Jahren selbst tragen müssen. Haben Sie denn nie daran gedacht, was passiert, wenn die Veranstaltungen dann nicht stattfinden?

Klar, ein Künstler kann krank werden, ein Veranstalter kann insolvent gehen. Ich habe sogar erlebt, dass ein ganzes von mir in Taipeh geplantes Festival wegen SARS ausfiel – allerdings zum Glück neun Monate später nachgeholt wurde. Aber dass weltweit über einen längeren Zeitraum alle öffentlichen Veranstaltungen ausfallen würden, damit hat, soweit ich weiß, niemand in unserer Branche gerechnet. Übrigens scheint mir diese Form von Lockdown auch erst seit kurzem vorstellbar. Ohne Internet, Skype, Zoom und Daten in der Cloud würde home office z.B. gar nicht funktionieren.

Jetzt können Sie aber nicht so tun, als wenn nicht möglich wäre, was gerade real passiert.

Das haben Sie schön gesagt. Wir werden unser Geschäftsmodell also verändern und unser Risiko mindern müssen. Entscheidend ist, dass wir weiterhin eine nützliche Arbeit für unsere Künstler leisten und dass Veranstalter an unserem Rat interessiert bleiben.

Auch wenn die Situation für alle neu ist, Sie müssen als Unternehmer ja rechnen. Wann wird sich alles wieder normalisieren?

Vielleicht nie? Vielleicht kommen die neuen Viren jetzt in immer schnellerer Abfolge. Müssen wir so etwas in Zukunft um jeden Preis verhindern? Sind wir bereit, social distancing als neue Normalität zu akzeptieren? Ich kann mir das nicht vorstellen, aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, was gerade geschieht: dass wir nicht mehr selbst entscheiden dürfen, welche Risiken wir eingehen, vor allem dass wir uns nicht mehr versammeln dürfen.

Als Musiker scheint Ihnen die Gemeinschaft mit anderen Menschen unverzichtbar zu sein.

Genauso ist es. Ich selbst nutze Aufnahmen nur für Informationszwecke – für mich ist das Live-Erlebnis, im selben Raum mit den Musikern, nicht ersetzbar. Um ein anderes Beispiel zu nehmen: ich bin nicht religiös, aber ich bin nicht damit einverstanden, dass man sich zur Religionsausübung nicht mehr versammeln darf. Eine Religion ohne Gemeinschaft ist eine Fiktion und keine Religion. Für die Politiker und Wissenschaftler, die jetzt über unsere Sicherheit und unsere Freiheitsspielräume wachen, scheint vieles im Leben verzichtbar zu sein, was mir bisher essentiell erschien. Kunst wird immer öfter als Spaß diffamiert, auf den wir jetzt eben verzichten müssen.

Wie geht es also weiter?

Leider geht es sehr langsam, und wir stehen verständlicherweise am Ende der Kette. Als erstes darf wieder eingekauft werden. Wenn die hygienischen Verhältnisse es erlauben, werden die Schulen und Kitas wieder geöffnet und auch die Kirchen. Und damit kommt erstmals wieder Live-Musik in unser Leben. Dann kommt die Gastronomie dran, dann die Hotels, das Reisen, zumindest im eigenen Land. Damit sollten auch Konzerte in kleinerem Rahmen möglich werden. Wir hoffen schon für den Sommer wieder auf das eine oder andere Kammermusik-Festival, wenn nicht bei uns, dann zumindest in Skandinavien oder Österreich. Aber welche Künstler aus welchen Ländern werden dorthin fahren dürfen? Und werden sie sich vorher und nachher in Quarantäne begeben müssen?

Und welches Publikum wird kommen?

Auch das ist offen. Ein großer Teil des Klassik-Publikums ist über 60 und gehört damit zur Hochrisiko-Gruppe. Werden die sich so schnell wieder unter Leute trauen? Und wie viele Besucher werden, abhängig von der Saalgröße, Zugang erhalten? Man sagt uns, dass die Abstandsregeln so lange in Kraft bleiben müssen, bis wir – frühestens in einem Jahr – einen Impfstoff haben, der dann übrigens auch nicht gleich für jedermann verfügbar sein wird. Ich fürchte, dass Konzerte ohne Subventionen, die in Deutschland der Normalfall waren, unter diesen Umständen auf lange Zeit sehr schwierig bleiben. Unsere Abhängigkeit vom Staat wird also auch in unserer Branche weiter wachsen. Das ist umso gefährlicher, weil der Staat ja – nach den finanziellen Anstrengungen während Corona – nicht mehr, sondern weniger Geld für Kultur ausgeben wird.

Und was ist mit Orchesterkonzerten?

Der Berliner Kultursenator, Herr Lederer, hat gerade eingestanden, dass die bis zum Herbst sicher nicht möglich sein werden. Das ist mal ein Wort. Tatsächlich könnte es genauso gut bis zum Ende der nächsten Saison dauern. Solange die Abstandsregeln in Kraft bleiben, bräuchten wir Arenen oder Kongresssäle, um größere Orchester aufzustellen. Die müssten dann aber auch schon für die Proben angemietet werden. In solchen für klassische Musik eigentlich ungeeigneten Räumen kommen hohe Kosten für die elektronische Verstärkung hinzu. Das ist also – außer für Ausnahme-Events – nicht praktikabel. Unsere Orchester werden daher zunächst nur in Kammerorchester-Formation antreten und alle dasselbe Repertoire von Haydn bis Brahms spielen, angereichert durch ein bisschen klassische Moderne. Unter orchesterpädagogischen Gesichtspunkten kann man das – vor allem nach der langen Spielpause – natürlich begrüßen. Und in Opernhäusern kann man zum Glück auch mit wenig Leuten sehr interessante Dinge machen.

Also mal was Positives?

Was die innere Entwicklung der Orchester angeht, gibt es meines Erachtens eine andere große Chance. Es wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben, als sich in kleinere Ensembles für neue Musik, für alte Musik, für Kammermusik aufzuteilen, in denen die Musiker viel selbständiger agieren können als im großen Verband. Die Transformation der Orchester in selbstverwaltete Musiker-Pools wurde seit langem vergeblich gefordert – jetzt könnte sie dank Corona notwendig werden. Die Alternative wäre nämlich: Kurzarbeit auf unabsehbare Zeit.

Was halten Sie von der These, dass unsere Gesellschaft dank Corona solidarischer wird?  

Leider kommt die Solidarität mit den wirklich Schwachen, den Obdachlosen und Flüchtlingen, vor allem denen am Rande Europas, und den Hungernden im Rest der Welt gerade viel zu kurz. Überall geht es in erster Linie um die Rettung der eigenen Leute. Aber natürlich wäre es wunderbar, wenn wir uns wieder stärker unseren Nachbarn zuwenden würden. Und bestimmt würde es jeder im Kulturbereich begrüßen, wenn wir ein Grundeinkommen bekämen. Positiv ist vor allem, dass wieder mehr Hausmusik gemacht wird – das wäre eine der schönsten Folgen des Lockdown.

April 2020

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