György Ligeti

Ramifications

Titel
Ramifications
Untertitel
für Streichorchester oder 12 Solostreicher
Dauer
9:00
Anzahl Mitwirkende
12 - 20
Besetzung
Streichorchester oder Str. (7 · 0 · 2 · 2 · 1)
Entstehung
1968
Uraufführung
1969-04-23

Streichorchester-Fassung: Berlin · Radio-Sinfonie-Orchester Berlin · Dir.: Michael Gielen
10.10.1969
Solo-Fassung: Saarbrücken · Kammerorchester des Saarländischen Rundfunks Saarbrücken · Dir.: Antonio Janigro

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György Ligeti: The Ligeti Project © 2016 Warner Classics 0825646028580

Kommentare des Komponisten zum Werk

Ramifications für zwölfstimmiges Streichorchester (ad libitum zwölf Solostreicher)1 habe ich im Winter 1968–69 komponiert. Das Stück ist dem Andenken von Serge und Natalie Koussevitzky gewidmet, das Manuskript gehört der Koussevitzky Music Foundation in der Library of Congress in Washington.

Kompositionstechnisch stellt das Stück eine Weiterentwicklung meiner Arbeitsweise mit komplexen musikalischen Netzgebilden dar. Darüber hinaus gibt es darin neue Aspekte einer mikrotonalen Harmonik.

Netzgebilde: Anfang der sechziger Jahre komponierte ich – etwa im Orchesterstück Atmosphères – Musik mit dichten, fast unbeweglichen Klanggeweben, die sich nur intern allmählich veränderten. Später wurden diese Gewebe immer beweglicher und stärker aufgelockert. Ramifications markiert gleichsam einen Endpunkt der Entwicklung von »dicht und statisch« zu »durchbrochen und beweglich«. Obwohl es auch in diesem Stück statische Klangfelder gibt, dominieren die spitzenartig durchwirkten, feinmaschigen Netzwerke. Der Titel Ramifications (Verästelungen) bezieht sich auf die polyphone Technik der Stimmführung: Knäuelartig ineinander verschlungene Einzelstimmen bewegen sich so divergent, dass sich die Stimmbündel allmählich auflösen – die Musik scheint sich also tatsächlich zu verästeln. An anderen Stellen konvergieren die Stimmen dann wieder, sodass neue Bündel entstehen. Die Gesamtform wird durch den Wechsel von Verästelung und Wiedervereinigung der Stimmen und die dadurch entstandenen Risse und Verknäuelungen des musikalischen Netzgebildes gegliedert.

Harmonik: Bereits in früheren Stücken – so im Requiem, in den Orgelstücken Volumina und »Harmonies« sowie im Zweiten Streichquartett – habe ich gelegentlich mit mikrotonalen Abweichungen von der gleichschwebenden Temperatur gearbeitet. Neu in Ramifications ist die konsequente Anwendung eines hyperchromatischen harmonischen Denkens. Aufführungstechnisch wird dies dadurch ermöglicht, dass die Hälfte der Streichinstrumente um einen Viertelton tiefer gestimmt ist. Die Musik ist jedoch nicht konsequent vierteltönig, denn durch unwillkürliche Intonationsunterschiede beim Greifen der Saiten entstehen Tonhöhenfluktuationen, sodass man fast nie exakte Vierteltonabstände hört, sondern kleinere oder größere mikrotonale Abweichungen. Nur an einigen besonders dichten Stellen ergeben sich annäherungsweise Vierteltoncluster, im Übrigen aber entsteht – vor allem da, wo das musikalische Gewebe durchsichtig und engmaschig ist – eine ganz neue Art von »unsicherer« Harmonik. Man hat den Eindruck, die Harmonien seien »verdorben«. Sie haben einen haut goût – Verwesung ist in die Musik eingezogen. Ramifications ist ein Beispiel dekadenter Kunst.

1 Gültig ist die Fassung für zwölf Solostreicher – die Orchesterfassung habe ich gestrichen (Anm. 2002).

Geschrieben im Frühjahr 1969 als Einführungstext zur Uraufführung der Streichorchesterfassung am 23. April 1969 im Sender Freies Berlin.

Abdruck aus: György Ligeti, Gesammelte Schriften (Veröffentlichungen der Paul Sacher Stiftung, Bd. 10), hrsg. von Monika Lichtenfeld, Mainz: Schott Music 2007, Bd. 2, S. 253-254. © Paul Sacher Stiftung, Basel und Schott Music GmbH & Co. KG, Mainz, Bestellnummer: PSB 1014

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