Eine musiktheatrale Untersuchung im Zeitalter unendlicher Kommunikation
Eine Produktion von Nico and the Navigators 2028
In Planung als Koproduktion mit den Dresdner Musikfestspielen und
HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste. In Kooperation mit dem Radialsystem Berlin.
Wie wir sprechen. Wie wir senden. Und was unterwegs verloren gehen kann.
Glory of Glitch untersucht menschliche Verständigung in einer Welt, die unablässig sendet, teilt und reagiert – und fragt nach den Störungen, Missverständnissen und Brüchen.
Das Ich im Sendemodus
Im Zentrum dieser musiktheatralen Untersuchung steht die Frage, wie sich Denken und Sprache unter zunehmender Sendefrequenz verändern, Beschleunigung und Kurzsprache komplexe Zusammenhänge reduzieren. Und welche Potenziale eröffnen sich dadurch zugleich?
Wie verschiebt sich Sprache vom Argument zur Geste? Von Fakten zu Meinungen? Und was passiert hingegen, wenn wir Kommunikation bewusst verlangsamen und Stille sowie Räume des Zuhörens wieder zulassen?
Darüber hinaus untersucht der Abend, wie sich zwischenmenschliche Beziehungen verändern, wenn Kommunikation immer stärker von Sichtbarkeit, Reichweite, Klickzahlen und öffentlicher Resonanz bestimmt wird.
Die Arbeit beobachtet, verschiebt, variiert und befragt unterschiedliche Formen des Singens, Sprechens, Hörens und Sendens. Im Spiel zeigt sich, was im Ernstfall kaum auffällt: Braucht unser Denken Zeit oder überlassen wir es dem Reflex? Was geschieht mit der Frage, wenn die Antwort schon bereitsteht? Wenn Regungen sofort nach außen drängen, was bleibt dann im Innern?
Zuhören, um Gedanken verändern zu lassen?
Zuhören: Wann geschieht es heute eigentlich? Und wo? Welche Formen des Zuhörens gibt es?
Geschieht es im Gespräch oder nur in den Pausen zwischen zwei eigenen Sätzen? Im Konzertsaal oder im Theaterraum vielleicht, wenn ein Klang länger stehen bleibt, als es bequem ist? Oder im digitalen Raum, indem man scrollt und doch behauptet, aufmerksam zu sein?
In einer Gegenwart, die beständig sendet, scheint das Ohr oft im Modus der Bereitschaft: Man hört, um reagieren zu können. Aber hört man auch zu, um sich verändern zu lassen? Um eine Verschiebung im eigenen Denken zu riskieren?
Oder verwandelt sich Zuhören gerade in etwas Flüchtiges – in ein kurzes Aussetzen des Selbst, das sofort wieder vom Impuls zur Stellungnahme überholt wird?
Wir möchten herausfinden, was nötig ist, damit Zuhören mehr ist als das Warten auf die eigene Redezeit, wie viel Stille es braucht und wo sie zu finden ist. Ist sie eine akustische Kategorie oder eine innere Haltung?
Wie verhalten sich Körper in und zur Stille? Und wie werden sie in der Musik und auf der Bühne für ein Publikum lesbar?
Inwiefern ist Zuhören eine fragile Situation, ein Moment, in dem sich das Verstehen offen zwischen Menschen entwickeln kann?
Im Zeichen von Versprechen, Protest und Entscheidung
Das Musiktheaterprojekt Glory of Glitch entsteht in einer historischen Konstellation: 2028 findet die Präsidentschaftswahl in den USA statt; zugleich jährt sich die 68er-Bewegung zum sechzigsten Mal und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zum achtzigsten Mal. Drei Daten, die alle starke politische und gesellschaftliche Bewegungen markieren: Erklärung, Aufbruch, Wahl.
Dieser Abend versteht sich jedoch nicht als konkreter Kommentar zu diesen Ereignissen. Vielmehr entsteht die Arbeit vor dem Hintergrund dieser historischen Konstellation. Er macht sichtbar, wie Sprache Nähe erzeugt, Macht organisiert oder Wirklichkeiten verschiebt. Versprechen, Protest und Wahl erscheinen dabei als wiederkehrende gesellschaftliche Rituale. Die genannten Jahrestage bilden Koordinaten einer Gegenwart, in der politische und kommunikative Kräfte zugleich wirksam sind.
Bildstarkes Musiktheater
Der Titel Glory of Glitch beschreibt keinen technischen Unfall, sondern den Moment, in dem die glatte Oberfläche der Kommunikation ihre innere Nervosität preisgibt. In einer Gegenwart, in der jede Äußerung sofort anschlussfähig werden soll, erscheint der Fehler als letzte Form des Widerstands.
Ziel ist eine musikalische Collage aus starken und leisen Stimmen, aus vorhandenen und eigenen Kompositionen sowie Texten. Das Kommunikationsrauschen ist längst kein Störfall mehr, sondern die Ordnung, in der Verständigung sich vollzieht. Dies wollen wir nicht abbilden, sondern in seiner teils grotesken Struktur hörbar machen; ihm stehen Stille, komische und sinnliche Momente gegenüber, die als Widerstand erfahrbar werden.
Klang und Szene verschränken sich zu einem Spannungsfeld, in dem sich Akustisches und Visuelles gegenseitig befragen. Verfremdete und bearbeitete Stimmen – erzeugt mithilfe von Live-Elektronik – werden dabei selbst zur Metapher: Übertragung als Verwandlung, Störung als Form. Die Gegenwart erscheint dabei zugleich als Übermaß und Entzug, als Reiz und Leerstelle.
Mit Glory of Glitch planen wir einen bildstarken, sinnlichen und humorvollen Musiktheaterabend, der die Produktivität des Missverstehens als Defizit und gleichzeitig als Kraft erforscht. Musik, Text und Szene begegnen sich auf Augenhöhe und hinterfragen gemeinsam: Wie sprechen wir heute, welche Formen des Denkens und Wahrnehmens lassen sich darin erkennen?
Liken und Löschen
Inmitten der Mitteilungsflut wird persönliche Kommunikation zum Risiko: Innigkeit, Nähe, Verantwortung oder Ambivalenzen lassen sich nicht liken oder löschen. Hier wird ihre Fragilität sichtbar: Verletzbarkeit, Vertrauen, das prekäre Gleichgewicht zwischen Sprechen und Zuhören.
Erst im Zusammenspiel und in den Widersprüchen von Bewegung, Gestus, Mimik, Sprache und Stimmenklang entfaltet Kommunikation ihre eigentliche Bedeutung.
Arbeitsweise & Komposition
In einer für die Navigatoren typischen Arbeitsweise treffen SolistInnen aus Gesang, Musik, Text, Spiel und Tanz mit einer/m StimmenakrobatIn in einem kollektiven Schaffensprozess zusammen. Über eine gemeinsame Recherche werden Musikstücke und Texte im Dialog entwickelt, deren Ideen dann kompositorisch weiter ausgearbeitet werden können.
Körperimprovisationen und Choreografien ergänzen diesen Prozess, bis sich das entstandene Destillat schließlich zu einem konzentrierten Musiktheater verdichtet. Nico and the Navigators Inszenierungen erwachsen im Dialog verschiedener Künste und formen so facettenreiche Kaleidoskope zu wechselnden Themen.
Die/der für diese Produktion gesuchte StimmenakrobatIn begreift sich idealerweise als TeamplayerIn und entwickelt im Dialog mit unseren MusikerInnen deren individuelle Qualitäten weiter, um sie kompositorisch fruchtbar zu machen. Zitate aus der europäischen und amerikanischen Musikgeschichte der vergangenen 80 Jahre könnten mit einfließen.