Re:trouvailles nennt sich die Konzert-Performance der belarussischen Flötistin und Bürgerrechtsaktivistin Maria Kalesnikava und der ukrainischen Sängerin und Dirigentin Viktoriia Vitrenko, die am 5. November beim VOICES BERLIN Festival in Kooperation mit dem Festival Into the Open im Kühlhaus Berlin zu erleben ist, begleitet von einem anschließenden Künstlerinnen-Gespräch.
"Im Zentrum steht die Frage, was zwischen zwei Menschen bestehen bleibt, wenn Nähe über Jahre nicht möglich war sowie welche Verbindung, welche Unterstützung sich auch über Distanz und Zeit hinweg trägt, dort, wo Worte fehlten. Und: Was bleibt, wenn man wieder herauskommt? Der Abend fragt nach dem Moment danach – nach den Neuanfängen, die ein Mensch nach einer solchen Zeit machen muss, und danach, wie Freundschaft dabei tragen kann", erklären Maria Kalesnikava und Viktoriia Vitrenko. "Das Programm spiegelt das Unausgesprochene und Nicht-Gelebte wider, das der Incommunicado-Zustand hinterlassen hat, und konzentriert sich auf Verbindung und Unterstützung – und natürlich auf den ersten Moment der Begegnung nach langer Zeit des Nicht-Sehens."
Diese Bewegung lässt sich in den Werken des Abends nachspüren: Es beginnt mit der deutschen Erstaufführung und zugleich Uraufführung der Duo-Fassung eines Werks des belarussischen Komponisten Liavon Shvir: Radiophobia: A Silent Requiem for Chornobyl für Flöte, Stimme und Elektronik, entstanden zum 40. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl, in Erinnerung an alle Opfer der Katastrophe sowie an die Opfer von Zensur und autoritären Regimen. Das Stück verbindet die persönliche Erfahrung erhöhter Strahlung mit dem staatlichen Schweigen darüber – Musik, die immer wieder auf einen Höhepunkt zusteuert und doch zerfällt, wie ein Atom.
Es folgt Georges Aperghis' Retrouvailles – Teil I, in der Fassung für zwei Performerinnen – ein Moment des ersehnten Wiedersehens.
Einen dramaturgischen Umbruch bildet ein virtuoses Stück der amerikanischen Komponistin Kate Soper, Only the Words Themselves Mean What They Say, nach drei Texten von Lydia Davis über die Kluft zwischen Wort und Bedeutung, zwischen Kopf und Gefühl – ein präzises Echo auf das Grundthema des Abends: was bleibt, wenn Worte über Jahre fehlten.
Kernwerk des Programms ist ein eigens für diesen Abend entwickeltes Stück von Maria Kalesnikava und Viktoriia Vitrenko: das Verbindende, das Menschliche, das Tröstende, das Hoffnungsvolle, das trotz Abstand und Zeit geblieben ist – eine intime, durch die Zeit bewahrte Botschaft zweier Menschen.
Aus dieser Intimität wächst das letzte Stück des Abends: die Uraufführung eines Werks der renommierten ukrainischen Komponistin Alla Zagaykevych, das eigens für dieses Konzert entsteht – ein Stück für Flöte, Stimme und Elektronik, das die Dunkelheit durchbricht und den Blick auf Licht und die Hoffnung auf Veränderung freigibt.
Der Abend bewegt sich so an der Schnittstelle von Musik, Text, Gedanken, Gefühlen, Licht und Elektronik: eine zutiefst menschliche, möglicherweise heilsame Erfahrung – kein politisches Statement, sondern die Geschichte zweier Menschen und das, was zwischen ihnen bleibt.
Nach dem Konzert sprechen Maria Kalesnikava und Viktoriia Vitrenko mit Karsten Witt (CLSX / Karsten Witt Musik Management) und Nikolaus Rexroth (Künstlerischer Leiter Into the Open) über Kunst in Zeiten von Unfreiheit und Krieg, über Solidarität und die Kraft der Begegnung.
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Maria Kalesnikava ist eine belarussische Flötistin, Kulturmanagerin und Bürgerrechtsaktivistin. Sie studierte Flöte in Minsk und Stuttgart, bevor sie 2020 zur Stabsleiterin der belarussischen Oppositionskampagne gegen Lukaschenko wurde. Nach ihrer Entführung durch Sicherheitskräfte und dem Versuch, sie abzuschieben, wurde sie wegen "Verschwörung zur Machtergreifung" zu elf Jahren Haft verurteilt und verbrachte über zwei Jahre in Isolationshaft. Im Dezember 2025 wurde sie freigelassen und lebt heute im Exil in Berlin, wo sie wieder künstlerisch tätig ist.
Viktoriia Vitrenko ist eine ukrainische Sopranistin, Dirigentin und Kuratorin. Ihr Debütalbum Szenen (2019, AUDITE) mit Kammermusik von György Kurtág wurde mit dem Supersonic Pizzicato Award ausgezeichnet; 2024 folgte das Album Forgotten Words I Wished to Say (Sony Classical) mit Alexei Lubimov. Sie trat u. a. an der Nationaloper der Ukraine, der Opéra national de Lorraine (NOX-2) und bei führenden Festivals für zeitgenössische Musik wie ECLAT, Heroines of Sound und Gaudeamus Muziekweek auf und dirigierte Orchester wie das Haydn Orchester, Münchner Symphoniker und Stuttgarter Philharmoniker.
Viktoria Vitrenko und Maria Kalesnikava haben gemeinsam die INTERAKT Initiative – ein spartenübergreifender Verein mit Fokus auf sozialpolitische Themen – 2017 in Stuttgart ins Leben gerufen. Seit ihrer Gründung wurden mehr als 35 nationale und internationale Projekte mit über 250 Veranstaltungen entwickelt. Seit 2020 setzt sich die Initiative verstärkt für demokratische Prozesse in Belarus und der Ukraine ein – mit kulturpolitischen Aktionen wie einer Postkartenaktion an 1.000 politische Gefangene in Belarus, einem Interventionsfestival im Stuttgarter Raum zur Langen Nacht der Demokratie sowie einem Festival der ukrainischen zeitgenössischen Kunst und Kultur.
Re:trouvailles
Maria Kalesnikava: Flöte, Komposition, Regie
Viktoriia Vitrenko: Gesang, Komposition, Regie
5.11.2026, 19.30 Uhr
Kühlhaus Berlin
VOICES BERLIN Festival, in Kooperation mit Into the Open














