Nina Rohlfs, 04/2012
Es ist jedes Mal ein Ereignis für die Tanzwelt, wenn das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan mit einer Produktion in Deutschland zu Gast ist: Der große Tanzkritiker Jochen Schmidt bezeichnete 2006 anlässlich des Besuchs der Kompagnie am Berliner Haus der Kulturen der Welt die dort gezeigte Trilogie Cursive als „das zur Zeit wohl wichtigste Tanzstück der Welt“, Pina Bausch empfing 2008 das Ensemble mit großer Begeisterung und Wärme bei ihrem internationalen Tanzfest NRW – und ausnahmslos elektrisierten die Stücke, die hierzulande in den letzten zwei Jahrzehnten zu sehen waren, Publikum und Kritik.
Jedes Mal ein Ereignis ist es auch, wenn Choreograf Lin Hwai-min mit seinen Tänzern die gleichen Produktionen in der taiwanischen Provinz vor Dorfbewohnern zeigt und damit seine Kunst in den entlegensten Winkel des Landes trägt. Kaum zu glauben, dass ein Choreograf einer der bekanntesten Menschen Taiwans ist – doch die Liebe der Inselbewohner zu „ihrer“ Tanzkompagnie lässt sich nicht von der Hand weisen: Bis zu 60.000 Menschen kommen zu den großen Freilichtaufführungen in Taipeh; eine Straße, ein nationaler Ehrentag und jetzt sogar ein Asteroid wurden nach dem Cloud Gate Dance Theatre benannt.
Lin Hwai-mins einzigartiges Tanzvokabular entsteht aus seiner ganz eigenen Synthese des westlichen modernen Tanzes, den er in New York bei Merce Cunningham und Martha Graham studiert hat, mit asiatischen Themen und Bewegungskultur. Neben Ballett und Modern Dance üben seine Tänzer Meditation, Qi Gong, Kalligrafie und fernöstliche Kampfkünste, um eine Durchlässigkeit des Körpers und eine tänzerische Vielseitigkeit zu erlangen, die ihresgleichen sucht. Um zu verstehen, wie tief diese Synthese geht, lohnt sich ein Blick in die wechselvolle Geschichte der Kompagnie, die Lin nach seinem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten 1973 gründete. Der junge Mann, der damals noch keinerlei choreografische und wenig tänzerische Erfahrung besaß, nutzte seine Bekanntheit als Schriftsteller (Lin wurde im Alter von 22 Jahren in seiner Heimat schlagartig durch seinen Roman Cicada berühmt, der noch heute ein Bestseller ist), um die erste moderne Tanzkompagnie der chinesischsprachigen Welt ins Leben zu rufen. Mit einem Erfolg, der auch künstlerische Wagnisse möglich machte. Riskant unter der exilnationalistischen Regierung Tschiang Kai-scheks zum Beispiel schien die Produktion Legacy, in der es um die frühe Besiedelung Taiwans geht – nicht gern gesehen in einem Staat, der sich als das bessere China verstand. Doch am Tag der Premiere drehte sich die politische Situation. Jimmy Carter brach die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab, das Land verlor seine Schutzmacht, und plötzlich erschien das erste Theaterstück über die Geschichte Taiwans unbeabsichtigterweise als staatstragende, da neue nationale Identität stiftende Kunst.
Vielleicht nur eine Episode, denn Lin Hwai-min sieht sich nicht primär als politischen Künstler. Wohl aber erkennt er die Sprengkraft des Ästhetischen: „Schönheit ist eine Waffe; sie basiert nach meinem Verständnis auf einer enormen Freiheit.“ Und auch das soziale Engagement seiner Kompagnie steht für den Willen, Menschen zu berühren und zu bestärken. So sind die vielen Cloud Gate Schulen überall im Land keineswegs Drillakademien für einen uniformen Tanznachwuchs, sondern sie wollen auf spielerische Weise Körperbewusstsein wecken, den Tanz als elementare Kraft im Leben für jedermann erfahrbar machen und Freiheit und Verantwortung fördern. Und so ist auch die kleine Schwester von Cloud Gate, Cloud Gate 2, nicht etwa wie bei vielen andern Kompagnien eine Kaderschmiede für das erste Ensemble, die dem Repertoire des Meisters huldigt, sondern sie bietet Raum für die Ideen junger Choreografen und verfolgt mit breiter Streuung ihre eigenen sozialen Projekte.
Ebenso sehr wie sich das Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan in den fast vierzig Jahren seines Bestehens für sein taiwanisches Publikum engagiert hat, brauchte es die Unterstützung seiner Landsleute nach einem verheerenden Brand, dem 2008 das Probenstudio zum Opfer fiel. Auch Kostüme und das gesamte technische Archiv waren verloren: Eine Katastrophe. Doch man behalf sich mit Provisorien, probte am zweiten Tag nach dem Feuer schon wieder für das ein halbes Jahr später vollendete Stück Whisper of Flowers – und konnte durch die enorme Spendenbereitschaft taiwanischer Unternehmen und Privatleute inzwischen ein neues Studio aufbauen.
Hier, in einem ehemaligen Gebäude des Radio Taiwan International, entstand auch die neueste Produktion der Kompagnie. Water Stains on the Wall, „Wasserflecken an der Wand“ ist eine in China gebräuchliche Metapher für höchste Vollendung in der Ästhetik der Kalligrafie. Sie meint eine organische und unprätentiöse Qualität, wie sie natürlichen Evolutionsprozessen entspringt. „Kalligrafieren und Bewegung sind eng miteinander verknüpft“, sagte Lin Hwai-min schon 2006 in einem Interview über seine international gefeierte Trilogie . Bevor man das Schreiben beginnt, wärmt man sich auf, macht seinen Körper weich und flexibel. Entscheidend sind dabei Rhythmus und Atem. Nur wer richtig atmet, ist ein guter Schreiber. Genau wie im Tanz. Ein Kalligraf ist ein Tänzer. Der eine hinterlässt seine Energie auf leerem Reispapier – der andere hinterlässt sie im Raum.“
In Water Stains on the Wall erscheinen Projektionen ziehender Wolkenformationen in wechselnden Schattierungen wie Tusche, die in einem steten Fluss immer wieder neue Formen ausbildet. Die leichten Röcke der Tänzer heben, ebenfalls wie Wolken, zu der Musik von Toshio Hosokawa von der geneigten Bühne in den Raum ab. Der japanische Komponist hat seinerseits einen starken Bezug zur Schriftkunst: „Meine Musik ist Kalligrafie, gemalt auf den freien Rand von Zeit und Raum. Jeder einzelne Ton besitzt eine Form wie eine Linie oder einen Punkt, die mit dem Pinsel gezogen werden. Diese Linien werden auf eine Leinwand des Schweigens gemalt“, sagt er über seine Musik, die mit der Bewegunskunst des Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan eine perfekte Verbindung eingeht. Es ist ein Werk von abstrakter Schönheit, das die Zuschauer erwartet – und ganz gewiss ein Tanzereignis.