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LUKAS LIGETI: DEN EIGENEN WEG FINDEN

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Einer der Gründe, weshalb György Ligetis Musik nach wie vor das Publikum fasziniert, ist die Wandelbarkeit seines musikalischen Stils und die beispiellose Offenheit, mit der der Komponist auf seiner Suche nach dem Neuen der Musik verschiedenster Kulturen und Genres begegnete. Sein Sohn Lukas Ligeti hat diese Neugier geerbt und widmet einen großen Teil seiner künstlerischen Suche den Grenzgängen zwischen verschiedenen musikalischen Traditionen – sowohl als Komponist und Percussionist als auch in seiner Rolle als Professor an der University of California. Christoph Wagner sprach mit dem Künstler über seinen musikalischen Werdegang, seine Faszination für afrikanische Musik und seine Beziehung zu seinem Vater. Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zeitschrift für Musik, wo das Interview in voller Länge erschien (02/2019), veröffentlichen wir Auszüge aus dem Gespräch.

Was für ein Mensch war Ihr Vater?

Mein Vater war sehr neugierig, dauernd auf der Suche nach Neuem. Er beschäftigte sich ständig mit neuen Stilen von Musik, hat laufend neue Interessen entwickelt. Dabei hat er auch den Jazz entdeckt, der ihn sehr interessierte: weniger Free Jazz und freie Improvisation, eher Jazz mit Improvisationen in vorgegebenen Strukturen. Was ihn beeindruckt hat, war – wie er sagte – die „Eleganz des Jazz“. Er meinte damit die spontane Kontrolle über die Ökonomie der Töne, was ihn in Richtung des Cool Jazz führte: Miles Davis seit Anfang der 1960er Jahre war einer seiner Favoriten, auch der Pianist Bill Evans, dann Theolonious Monk. Auch frühen Jazz mochte er gerne Rock Jazz nur bis zu den Anfängen von Weather Report bzw. das frühe Mahavishnu Orchestra. Er hat mir einmal zehn Musikkassetten mit der ganzen Jazzgeschichte überspielt. Auch manche Rockmusik mochte er gern.

Hat Sie Ihr Vater in Ihrem musikalischen Werdegang beeinflusst?

Ich bin musikalisch ein Spätzünder. Als Kind habe ich in bisschen Klavier gespielt, wollte aber nicht üben und hab es dann wieder aufgegeben. Erst mit 18 Jahren – also um 1983 herum – habe ich angefangen, mich intensiver mit Musik zu befassen. Damals tauschte ich mit meinem Vater häufig Kassetten aus, so nach dem Motto: „Hör Dir das mal an!“ Während des Hausaufgabenmachens habe ich immer Radio gehört: Neue Deutsche Welle – Fehlfarben, DAF! Doch irgendwie hat sich das nie zu einer richtigen musikalischen Heimat gefügt. Ich hörte auch viel Jazz, Free Jazz, dazu Punk und Speed-Metal. Und die klassische Musik war mir sowieso durch mein Elternhaus geläufig. Mein Vater hat sich alles mit großer Aufmerksamkeit angehört. Er war immer eher ein guter Freund als ein traditioneller Vater. Er hat nie versucht, mich zu erziehen. Wir sind auf lange Spaziergänge gegangen und haben über Musik und vieles andere geredet. Das hat mich geprägt, was aber nicht bedeutet, dass ich bei meinem Vater Unterricht genommen hätte.

Was weckte Ihr Interesse an afrikanischer Musik?

Mein Vater hatte den Komponisten Roberto Sierra aus Puerto Rico als Studenten in Hamburg, der ihm Salsa nahebrachte. Er hat sich dann sehr mit puertorikanischer und kubanischer Musik befasst, woraus Mitte der 1980er Jahre sein Interesse an afrikanischer Musik entsprang. Er hörte viele Kassetten mit afrikanischer Musik, die ich ebenfalls sehr spannend fand. Das war ein wichtiger Einfluss. Ein noch stärkerer Impuls war allerdings ein Vortrag von Gerhard Kubik, einem wichtigen Musikethnologen für afrikanische Musik, den er an der Universität in Wien hielt und der mich total elektrisiert hat. Das war der Funke, der mein Interesse an afrikanischer Musik entfachte.

In puncto Afrika haben sich also Ihre Interessen mit denen Ihres Vaters getroffen …

Getroffen und getrennt, denn was meinen Vater an afrikanischer Musik interessierte, war die Polyphonie. Das hat mich auch fasziniert, aber eben auch andere Aspekte wie die afrikanische Popmusik, in der sich Spuren dieser Polyphonie beispielsweise im Spiel der Gitarren erhalten haben. Damit konnte mein Vater weniger anfangen.

Die afrikanische Musik wirkte prägend auf Ihr Schaffen …

Ich war 1994 das erste Mal in Afrika (in Côte d’Ivoire im Auftrag des Goethe-Instituts) und fahre seither regelmäßig mehrere Male im Jahr dorthin. Ich habe seit etwa sieben Jahren einen Zweitwohnsitz in Johannesburg, wo ich mich sehr oft aufhalte. Meine Lebensgefährtin ist von dort, was die Verbindung zu Afrika noch verstärkt hat. Ich sauge Informationen auf, höre Musikern zu und initiiere experimentelle Musikprojekte mit afrikanischen Musikern.

Musikalisch sind Sie Ihren eigenen Weg gegangen. Gibt es einen Einfluss Ihres Vaters auf Ihre Kompositionen?

In den letzten Jahren habe ich sehr viel komponiert, wobei sein Einfluss immer stärker hörbar geworden ist. Das geschieht völlig unbewusst und fällt mir immer erst im Nachhinein auf. Ich habe in den letzten vier Jahren etwas weniger mit Elektronik gearbeitet und mein Hauptaugenmerk auf Instrumentalensembles gelegt. 2015 habe ich ein fast halbstündiges Stück für Solo-Marimba komponiert, Thinking Songs, das vielleicht schwierigste Stück der Marimba-Literatur. Die Marimba-Virtuosin Ji Hye Jung spielt es fantastisch, eine unglaubliche Leistung. Dieses Stück hat sicher etwas mit den Klavieretüden meines Vaters zu tun in der Art, wie technische Probleme in den Dienst einer konzeptuell neuartigen Musik gestellt werden, auch hinsichtlich eines komplexen Kontrapunkts. Zwei Werke für Kammerorchester, Surroundedness (2012) und Curtain (2015), haben Elemente der Mikropolyphonie meines Vaters, obwohl ich die Technik ziemlich anders einsetze. In Surroundedness gibt es auch den Aspekt der Imitation elektronischer Klänge durch herkömmliche instrumentale Mittel, eine Möglichkeit, die auch meinen Vater oft beschäftigt hat. Zu nennen wäre auch noch eine „performed sound installation“ mit Elektronik und Improvisation namens That Which Has Remained … That Which Will Emerge …, die ich als Artist-in-Residence am Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau komponiert und gemeinsam mit Warschauer Musikern aufgeführt habe: Das war für mich die erste Gelegenheit, mich mit meiner eigenen jüdischen Abstammung (wenn auch nicht aus Polen) musikalisch auseinanderzusetzen. Dieses Stück wird noch dieses Jahr auf CD erscheinen.

Wie haben Sie Ihre Arbeit mit afrikanischer Musik fortgeführt?

2016 komponierte ich eine Suite für Burkina Electric und Symphonieorchester, also Musik für Orchester und einer elektronischen Popband aus Afrika, deren Mitglied ich auch bin. Das war ein Auftrag des MDR-Sinfonieorchesters Leipzig und eine ziemliche Herausforderung, die aber unglaublich Spaß gemacht hat und mit deren Resultat ich sehr zufrieden bin. In einem solchen Kontext stellen sich komplizierte methodologische Fragen, z.B. spielt ein Orchester generell nach Noten, eine afrikanische Popband aber überhaupt nicht. Wie kann man diese verschiedenen Herangehensweisen unter einen Hut bringen? Solche Fragen finde ich spannend. Gerade dieses Projekt hatte dann aber wieder weniger mit meinem Vater zu tun, außer der Lust am musikalisch-konzeptuellen Abenteuer. Aber das ist ja auch schlussendlich die Hauptsache!

Mark Andre: Registerfarben für das Verschwinden

CR_Mark Andre

Dass eine Uraufführung verschoben wird, ist in der Musikwelt alltäglich. Dass dies jedoch nicht an der Komposition, sondern am noch nicht fertigen Instrument liegt, kann schon als Besonderheit gelten. Im Falle von Mark Andres Stück iv15Himmelfahrt, geschrieben anlässlich der Wiedereinweihung der Großen Strobel-Orgel von 1886 im thüringischen Bad Frankenhausen, hinkte das Handwerk der Kunst hinterher. Da die Restaurierung eines derart komplexen historischen Instrumentes sich mitunter nicht besser vorausplanen lässt als ein Kompositionsprozess, geriet das als Wiederaufführung gedachte Konzert im vergangenen Oktober zur Voraufführung: In der Münchener Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig brachte Stephan Heuberger die Werkfassung für elektrische Registertraktur zu Gehör.

Der große Erfolg des Konzertes im Rahmen der Reihe musica viva wird sicherlich das Interesse an der eigentlichen Uraufführung, nun am 23. Juni 2019 durch Leo van Doeselaar, beflügeln. „Schlicht sensationell“ fand die FAZ das Werk des „Meisters der numinosen Klangzauberei“ und urteilte: „In den feinnervig gestalteten Ausklangprozessen wird der Gedanke der Verwandlung von Materie in Geist fesselnd zur Anschauung gebracht.“

„Mark Andre geht äußerst differenziert auf das Instrument ein. Wenige haben eine solche Geduld und Intensität in der Auseinandersetzung mit dieser unbekannten Welt der Orgel“, begeistert sich auch Stephan Heuberger im br-Interview mit Michael Zwenzner über seine Zusammenarbeit mit dem Komponisten. Mark Andre erläutert zu seinem ersten Werk für das Instrument: „In diesem Stück geht es mir um musikalische Prozesse des Entschwindens, des Verschwindens, und zwar im Hinblick auf verschiedene Klang- und Aktionstypen.“ Man habe beispielsweise mit dem Ausschalten des Motors experimentiert und den mit dem nachlassenden Luftdruck entschwindenden Klang durch Registrierung gefärbt. „So entsteht eine eigene Art von Virtuosität, bei der man nicht unbedingt mit Tönen, sondern mit Registrierungen arbeitet, was gleichzeitig auch zu einer Virtuosität des Hörens führt“, so Heuberger.

Zwei Organisten, zwei völlig unterschiedliche Orgeln, eine mit elektrischer, eine mit mechanischer Registertraktur, und die klanglichen Bedingungen verschiedener Kirchenräume lieferten noch zusätzliche Facetten in der ohnehin erheblichen Herausforderung, für das Instrument zu schreiben. Eine Herausforderung, die nicht wenige Komponisten scheuen: Die Liste neuer Werke für das Instrument aus der Feder von Nicht-Organisten ist übersichtlich. Dass sich ein bei internationalen Orchestern und Ensembles gefragter Komponist wie Mark Andre – gerade hob beispielsweise das Scharoun-Ensemble in der Berliner Philharmonie seine DreiStücke für Ensemble aus der Taufe – sich auf diese Aufgabe einlässt, kündet von einer besonderen Motivation. Der gläubige Protestant fühlt sich dem sakralmusikalischen Kontext der Orgel nah, bezieht er sich doch in vielen seiner Werke auf biblische Motive des Übergangs. „Diese Prozesse des Verschwindens assoziiere ich persönlich mit der Situation der Himmelfahrt, der Aufhebung des Körpers oder – in der Musik – des Klangkörpers“, so der Komponist über iv15 Himmelfahrt. Iv stehe dabei für Introversion, den Blick in die Tiefen der Seele.

Nach der Bad Frankenhausener Aufführung sind die „Klänge, die ortlos im Raum zu schweben scheinen“ (FAZ) am 19. September auch in Frankfurt zu hören, diesmal mit dem Organisten Martin Lücker.

Nina Rohlfs, Mai 2019

Wegbegleiter – Anssi Karttunen und Hans Werner Henze

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Im Mai erscheint bei Wergo eine Porträt-CD, für die Anssi Karttunen die Englischen Liebeslieder von Hans Werner Henze mit dem BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Oliver Knussen eingespielt hat. Nicht nur die drei Künstler verband eine langjährige freundschaftliche Arbeitsbeziehung, auch für uns waren und sind Hans Werner Henze und Anssi Karttunen langjährige Wegbegleiter. Anssi Karttunen war 2004 einer unseren ersten Künstler und begeistert uns durch seine unstillbare musikalische Neugierde. Hans Werner Henze durften wir von den Vorbereitungen von Konzerten zu seinem 80. Geburtstag 2006 bis zu seinem Tod im Jahr 2012 begleiten. Damit war er einer der ersten Komponisten, für den wir arbeiteten, und legte den Grundstein für einen besonders wichtigen Bereich unserer Tätigkeit. Anssi Karttunen erinnert sich für unser Magazin an seine Begegnung mit Hans Werner Henze und Oliver Knussen und an die besondere Probenarbeit für die Englischen Liebeslieder.

Ich lernte Hans Werner Henze und Oliver Knussen gleichzeitig kennen, nach einem Konzert in der Queen Elizabeth Hall Ende der 80er Jahre. 1996 half mir Olly, Herrn Henze als Composer in Residence zum Suvisoitto Festival in Finnland einzuladen, und ich blieb danach mit beiden bis an ihr Lebensende befreundet. Beim Festival habe ich Hans Werner Henzes Introduktion,Thema und Variationen für Violoncello, Harfe und Streichorchester gespielt, basierend auf einem Satz, den er seinen SiebenLiebesliedern entnommen hatte. Danach fragte er mich bei jedem unserer Zusammentreffen, ob ich auch die EnglischenLiebeslieder spielen könne. Ich nahm die Noten jedes Mal hervor, allerdings mit dem Gefühl, dass ich mir nicht vorstellen konnte, diesem unglaublich schwierigen und problematischen Stück jemals gerecht zu werden und überhaupt durch das Orchester hindurch hörbar zu bleiben. Als Hans Werner Henze starb, rief Olly an und fragte mich, ob ich die Englischen Liebeslieder mit ihm und dem BBCSO in einem reinen Henze-Konzert spielen würde. Ich hörte mich selbst ohne zu zögern sagen, dass ich dies natürlich sehr gern täte. Mir wurde klar, dass sich die Situation verändert hatte. Das Stück sah immer noch schwierig aus, aber jetzt, da der Komponist nicht mehr unter uns war, gehörte das Stück zur Musikgeschichte und es erschien nicht richtig, Angst davor zu haben.

Ich werde die Proben für dieses Konzert mit Olly nie vergessen. Ich hatte natürlich schon viele andere Konzerte mit ihm gegeben und wusste, dass er die komplexesten Stücke vollkommen natürlich erscheinen lassen konnte. Er konnte Carter atmen lassen wie Puccini, er konnte das Genie von Bloch in Schelomo hervorbringen, er konnte das Schumann-Konzert so frisch klingen lassen, als wäre es gestern geschrieben worden. Aber Henzes Musik steht auf einem anderen Blatt, er orchestrierte sogar ein Cellokonzert in so vielen Schichten, dass man sich fragt, wie man überhaupt wissen kann, worauf man den Fokus richten soll.

Was Olly in diesen Proben getan hat, war das Stück viel durchzuspielen und ab und zu eine Gruppe aufzufordern, alleine zu spielen, anstatt es auseinanderzunehmen und aus den Details heraus wieder aufzubauen. Er erlaubte uns, diese schönen und zarten Schichten zu entdecken, die unter der Masse der Musik verborgen waren. Es war, als würde man nicht nur den Wald sehen, sondern jeden einzelnen Baum und jede Blume. Als Ergebnis können wir nun eines der bewegendsten Stücke für Cello und Orchester hören, die jemals geschrieben wurden. Olly hat auch die Texte ausgegraben, auf denen jedes Liebeslied basiert. Sie bringen die unglaubliche Sensibilität und Bildung von Henze zum Vorschein. Wie die Texte, die sich über Jahrhunderte und eine Vielzahl von Stilen erstrecken, durchläuft das Stück alle möglichen Situationen, von der zartesten bis zur gewalttätigsten.

Nun, da ich keine Möglichkeit mehr habe, mit meinem besten und engsten Freund Olly zu musizieren, bin ich so glücklich, dass wir die Aufnahme gerade dieses Konzertes als gemeinsames Testament hinterlassen können.

Hans Werner Henze
Heliogabalus Imperator – Works for Orchestra
Anssi Karttunen, BBC Symphony Orchestra, Oliver Knussen
Wergo, WER 73442

Unser Jubiläums-Magazin ist da!

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Wir feiern 15 Jahre karsten witt musik management. Unser zu diesem Anlass erschienenes Magazin (hier online als PDF verfügbar) präsentiert im Zeitungsformat aktuelle Aktivitäten und Positionen rund um unsere Künstler sowie Erinnerungen an eineinhalb Jahrzehnte voller Musik. Den Auftakt zu diesem Potpourri an Meldungen, Porträts und Hintergrundberichten bildet ein Interview mit Karsten Witt: Zu Beginn des Jahres erhielt er Besuch von der Redaktion des Monats-Magazins Kreuzberg Welten, die uns das folgende Gespräch freundlicherweise zum Abdruck freigab.

Karsten Witt Musik Management feiert 2019 sein 15jähriges Jubiläum. Warum haben Sie sich seinerzeit hier in Kreuzberg angesiedelt?

Bei meiner Frau und mir gab es zunächst eine private Motivation. Der Stadtteil war damals noch nicht so hip, Prenzlauer Berg lag im Trend. Wir kamen aus London, wo wir im multikulturellen Osten der City, off Brick Lane gewohnt hatten – da kam für uns nur Kreuzberg in Frage. Wir hatten Glück, dass wir in einem größeren Büro Unterschlupf fanden. Wir begannen als Untermieter mit zwei Räumen. Hinzu kommt, dass wir hier recht zentral liegen. Zum Konzerthaus, zur Staatsoper, zur Komischen Oper oder zur Musikhochschule Hanns Eisler braucht man mit dem Fahrrad nur zehn Minuten.

Und warum überhaupt Berlin, hätten Sie nicht in London bleiben können?

London ist eine wunderbare Stadt für Touristen; aber dort zu leben und zu arbeiten ist nicht so leicht, außerdem sehr teuer. Vor allem gibt es dort schon jede Menge großer internationaler Artist Managements, mit denen wir befreundet waren und mit denen wir nicht konkurrieren wollten. Berlin dagegen war in unserer Branche noch ziemlich leer. Es gab die alt-ehrwürdige Konzertdirektion Adler. Aber Sonia Simmenauer, KD Schmid und die Zweigstellen der Londoner Büros kamen erst später. Eine Musik-Metropole wie Berlin ist natürlich praktisch für uns, weil hier wegen der vielen Orchester, Konzert- und Opernhäuser so viele Künstler und Kollegen arbeiten. Das spart uns Reisezeit und -kosten.

Sie waren vorher Intendant des Wiener Konzerthauses, Präsident der Deutschen Grammophon und CEO des Londoner Southbank Center gewesen. Wieso haben Sie dann Ihre eigene Firma gegründet?

Vor allem hatte ich schon früh, während meiner Studienzeit, die Junge Deutsche Philharmonie gegründet, aus der später das Ensemble Modern und die Deutsche Kammerphilharmonie hervorgingen. Die habe ich 18 Jahre lang gemanagt, zwar als Sekretär selbstverwalteter Orchester, in denen die Musiker das letzte Wort hatten, aber ohne eigentliche Vorgesetzte, ohne Subventionen, ohne Fremdbestimmung – quasi wie eine eigene Firma. Auch das Wiener Konzerthaus war zu meiner Zeit eine Institution mit wenig externer Kontrolle, in der ich noch die integrale künstlerische und wirtschaftliche Verantwortung trug. Ich denke, das entspricht mir. Ich trage – natürlich gemeinsam mit unseren Mitarbeitern – die Verantwortung für die Risiken, die wir eingehen. So etwas gibt es heutzutage kaum noch. Es ist aber angemessen für eine künstlerische Einrichtung, die für ihr Überleben ständig neue Angebote produzieren muss.

Ist man nicht immer abhängig, als Firma zum Beispiel von seinen Kunden?

Klar, man agiert immer in einem Geflecht von Abhängigkeiten. In unserem Fall sind das vor allem die Veranstalter, die unsere Künstler engagieren; aber natürlich auch die Künstler selbst, die wir vertreten, unsere Mitarbeiter, unser Vermieter – der übrigens gerade die Miete um 50% erhöht hat. Aber letzten Endes können wir selbst entscheiden, wen wir vertreten, mit wem wir zusammenarbeiten – und ob wir uns Kreuzberg noch leisten wollen.

Was ist das überhaupt, ein Musik Management?

Grundlage unserer Arbeit ist die Beratung für Veranstalter klassischer Musik, denen wir Programm liefern, die ich aufgrund meiner Erfahrung aber auch beim Bau neuer Säle oder bei der Neuausrichtung ihrer Organisation beraten kann. Und natürlich sind wir Berater unserer Künstler, die wir in der Regel exklusiv weltweit vertreten.

Die Beratungsfunktion leuchtet ein. Aber wozu braucht man denn noch Vermittler, wenn heute jeder mit jedem direkt über das Internet kommunizieren kann?

Die Frage stellen wir uns auch ab und zu – leider gibt es viel zu viel redundante Kommunikation, die unsere Zeit auffrisst. Aber genau deswegen sind vielbeschäftigte Künstler auf ein Büro angewiesen, das ihnen diese Arbeit abnimmt. Die Verhandlung der Bedingungen eines Engagements ist leichter für einen Mittler, der die Interessen beider Seiten überblickt. Und jungen Künstlern mit wenig Erfahrung können wir mit unseren Kontakten helfen, ihren Weg zu finden.

Es geht in Ihrem Metier also in erster Linie um Beziehungspflege.

Stimmt, wir müssen immer schön nett sein. Das hat aber auch etwas mit der Musik selbst zu tun. Musiker wollen ihr Publikum beglücken – oder ihnen zumindest einen neuen Blick auf die Welt verschaffen. Das funktioniert nur mit einer positiven Grundhaltung. Ich denke, die Menschenfreundlichkeit, die alle Teilnehmer an diesem Spiel prägt, das klassische Musik heißt, ist es, was die meisten von uns motiviert, täglich dafür zu arbeiten.

Und wie macht man das: Beziehungen in der ganzen Welt unterhalten?

Ich muss zugeben, dass ich das stark unterschätzt habe, als wir anfingen. Wir haben gleich entschieden, für Künstler nur im Generalmanagement zu arbeiten, weil es uns ja nicht nur um den Verkauf geht, sondern um eine umfassende Betreuung. Und wir haben gleich mit allen möglichen Fächern begonnen: Solisten, Dirigenten, Sänger, Komponisten, verschiedene Ensembles, Touring von Orchestern etc. Erst später ist mir klar geworden, dass es in unserer Klassik-Welt viele verschiedene Netzwerke gibt, die allenfalls über die großen Konzerthäuser und CD-Labels miteinander verbunden sind: Opernhäuser, Orchester, Kammermusik, die Alte Musik, Neue Musik etc. Um alle diese Netzwerke zu bedienen, braucht man ein größeres Team. Hinzu kommen die vielen Regionen, die bereist werden müssen. Während die traditionelle Klassik-Szene in Europa vor großen Herausforderungen steht, gibt es in Asien und Ost-Europa ein starkes Wachstum.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Wir haben vor 15 Jahren zu viert begonnen. Inzwischen sind Maike Fuchs und Xenia Groh-Hu, die von Anfang an dabei waren, Mit-Geschäftsführerinnen unserer GmbH, bei der rund 20 Mitarbeiter angestellt sind, inklusive Teilzeitkräfte und Praktikanten.

Gibt es da verschiedene Abteilungen, oder wie geht das mit so vielen Leuten?

Im Prinzip gibt es für jeden Künstler zwei Mitarbeiter, einen für die strategische Planung und die Akquise, und einen für die Abwicklung der Projekte. Und dann gibt es eine gewisse Spezialisierung auf bestimmte Fächer: Sänger, Instrumentalisten, Dirigenten, Neue Musik, Touring. Schließlich sind da die zentralen Funktionen: Website, IT, Personal, Buchhaltung, Büroadministration, die wir teils intern verteilt und teils mit spezialisierten Mitarbeitern besetzt haben.

Und was muss man draufhaben, um bei Ihnen zu arbeiten?

In erster Linie gesunden Menschenverstand, Organisationsgeschick, Kommunikationsfreude und eine gehörige Portion Perfektionismus. Jeder muss Englisch sprechen und schreiben können. Andere Sprachen sind nützlich für uns; wir haben Mitarbeiter, die Mandarin, Russisch, Französisch, Spanisch sprechen. Und jeder braucht musikalische Grundkenntnisse. Die meisten von uns haben Musikwissenschaft oder Musik studiert und spielen Instrumente, wirken in Amateurorchestern mit oder singen in Chören.

Das hört sich alles sehr logisch und nett an, wie Sie hier arbeiten. Geht es aber nicht in erster Linie darum, Ihren Konkurrenten die Stars abzujagen?

Das ist eine Frage der Haltung. Uns geht es in erster Linie um die Musik. Unter den wenigen Stars der Klassik gibt es nur ganz wenige interessante Interpreten. Und die haben meist keinen Grund, ihre Agentur zu wechseln. Wir sprechen Künstler auch gar nicht aktiv an. Zum Glück gab es von Anfang an immer genügend hervorragende Künstler, die mit uns zusammenarbeiten wollen und den Weg zu uns finden.

Können Sie uns verraten, wie man mit einer solchen Haltung sein Geld verdient?

Unsere Künstler bezahlen uns hauptsächlich in Form von Provision auf Honorare für Auftritte, die wir ihnen vermitteln. Letzten Endes profitieren wir also von den Veranstaltern, die unsere Künstler engagieren und deren Honorare zahlen.

Das heißt also, dass Sie zunächst in Vorleistung gehen, bevor Sie bezahlt werden?

Korrekt. Veranstalter planen normalerweise mit einer Frist von ein bis zwei Jahren. Solange dauert es, bis wir die Früchte unserer Arbeit ernten. Das betrifft nicht nur die Finanzen. Solange dauert es auch, bis wir ein Konzert erleben, das wir vereinbart haben, oder die neue Komposition hören, für die wir einen Auftrag gefunden haben.

Das hört sich aber riskant an.

Der Aufbau einer solchen Firma ist offensichtlich kein sicheres Investment, und man braucht einen sehr langen Atem. Niemand macht das aber in erster Linie wegen des Geldes. Das gilt übrigens auch für unsere Mitarbeiter. Hier zu arbeiten, ist eher eine Entscheidung für eine Lebensform. Wir lieben die Musik und unsere Künstler und tummeln uns gern backstage – immer dienlich und mit dem Ohr an der Bühne.

Was ist denn dann die Perspektive für Ihre Mitarbeiter – wollen die sich eines Tages auch selbständig machen?

Das ist wie gesagt nicht so leicht. Wir arbeiten derzeit an einem Modell, wie unsere Mitarbeiter an der Firma beteiligt werden können. Seit dem Aufbau meiner selbstverwalteten Orchester erscheint mir das der richtige Weg.

Sie sitzen hier in Kreuzberg zwischen lauter Start-ups. Da wäre es doch ganz normal, die Firma eines Tages zu verkaufen?

Ist das wirklich normal? Unternehmen, die ausschließlich von Kommunikation leben, sind doch völlig abhängig von den Menschen, die sie tragen. Soll man die dann mit verkaufen? Zumindest in unserer Branche geht so etwas in der Regel schief.

Wollen Sie als Unternehmer denn nach 15 Jahren nicht mal wieder etwas Neues anfangen?

Ich denke eher an neue Projekte, z. B. das Veranstalten eigener Konzertreihen. Für mich ist diese „Arbeit“ in erster Linie Selbstzweck. Natürlich ist sie manchmal anstrengend. Das ständige Reisen geht einem auf die Nerven. Aber wenn wir abends im Konzert oder in der Oper sitzen, sind wir dankbar, dass wir ein so privilegiertes Leben führen dürfen.

Mit freundlicher Genehmigung des Monats-Magazins Kreuzberg Welten (KW).

KREUZFAHRTSCHIFF PHILHARMONIE – Philippe Manourys Köln-Trilogie

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Das großangelegte Raumwerke-Triptychon für das Gürzenich-Orchester Köln kommt in diesem Frühjahr zur Vollendung: In Lab-Oratorium, inszeniert von Nicolas Stemann und besetzt mit Orchester, Chor, Sängersolisten und Schauspielern, fährt Komponist Philippe Manoury noch einmal ein breites Spektrum musikalischer und theatralischer Mittel auf. In einem Gastbeitrag für unser Magazin umreißt Patrick Hahn die Grundfragen des neuen Werkes, das an den Philharmonien von Köln, Hamburg und Paris zur Aufführung kommt, und seine Position innerhalb der Trilogie.

Mauer an Mauer mit der ältesten christlichen Kathedrale von Strasbourg liegt das Atelier von Philippe Manoury. Stein an Stein mit der Geschichte entsteht auf seinem Schreibtisch eine radikal zeitgenössische Musik, die doch den Kontakt mit ihrer Vergangenheit niemals aufgibt. Tritt man ein in sein Atelier, liegen große Blätter im Raum ausgebreitet, mit feiner Schrift sorgfältig beschrieben. Im Zentrum des Raumes stehen nicht etwa Computer oder Lautsprecher, wie man es vermuten würde für einen Komponisten, der Bahnbrechendes geleistet hat auf dem Gebiet der elektronischen Musik. Ein Flügel dominiert das Bild, darauf die Werke Debussys, die Manoury auch schon einmal sensibel orchestriert hat.

An den Wänden seines Arbeitszimmers finden sich gegenwärtig auch die Bühnenpläne bedeutender moderner Konzertsäle wie der Kölner Philharmonie, der Elbphilharmonie und der Pariser Philharmonie. Darin eingezeichnet Fernpositionen für Musiker und Sänger – und, selbstverständlich, zahlreiche Lautsprechermarkierungen. Die Pläne sind eine wichtige Arbeitsgrundlage für sein gegenwärtiges Projekt – das Lab.Oratorium, das er im Auftrag des Gürzenich-Orchester Köln, des IRCAM, der Elbphilharmonie und der Pariser Philharmonie schreibt. Es ist kein Zufall, dass sich diese Institutionen zusammengefunden haben: teilen die Philharmonien von Paris, Hamburg und Köln, wo das Gürzenich-Orchester beheimatet ist, doch ihre alternative, andersartige architektonische Anlage. Nicht schuhschachtelförmig, sondern ansteigend und rund um das Podium herum ist das Publikum in diesen Sälen platziert.

Ein willkommener Anlass, zu lange nicht hinterfragte Gewohnheiten neu zu bewerten. „Gibt es nicht eine andere sinnvolle Art, die Musiker in einem Orchester anzuordnen als die, die wir seit zweieinhalb Jahrhunderten kennen?“, fragt der Komponist Philippe Manoury kritisch. „Müssen wir ad infinitum den hierarchisierten ‚philharmonischen Klang’ kultivieren, den uns die Tradition der Klassik und Romantik hinterlassen hat? Sollte man sich nicht in einer radikal zeitgenössischen Ästhetik ausdrücken und endlich jene Codes aufgeben können, die auf die soziale Ordnung von damals bezogen sind?“ Diese Fragen stellt Philippe Manoury nicht nur theoretisch. In seiner Köln-Trilogie, die er gemeinsam mit dem Dirigenten François-Xavier Roth entworfen hat, geht er ihr systematisch mit einem Zyklus von Raum-Kompositionen auf den Grund.

Manoury schafft damit nicht weitere, monolithische Raumkompositionen, welche die Dimensionen gewöhnlicher Konzertsäle sprengen: In seiner Trilogie lotet Manoury die akustischen, strukturellen und ästhetischen Möglichkeiten moderner Konzertsaalarchitekturen aus. Stellte Manourys in situ noch ein Solistenensemble auf der Bühne acht in einem akustischen Trapez platzierten Gruppen gegenüber, wählt RING die Form eines kreisförmig um das Publikum aufgebauten Orchesters: dessen 14 Gruppen korrespondieren mit einem Orchester in der Größe eines „Mozart-Orchesters“ auf der Bühne. Durch die Komposition eines rund 20-minütigen Vorspiels, in dem sowohl komponierte als auch freie Passagen während des Publikumseinlasses und des parallelen Orchesterauftrittes erklingen, unterminiert Manoury in RING das klassische Konzertritual und hält den Beginn des Werkes in der Schwebe.

Inspiriert durch die Inszenierungsstrategien im zeitgenössischen Theater, namentlich durch die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Nicolas Stemann, intensiviert er dieses Zusammenspiel von musikalischer und theatralischer Idee im Schlussstein der „Köln-Trilogie“, dem Lab.Oratorium. Im Lab.Oratorium ist – anders als im modularen „Thinkspiel“ Kein Licht – die Form „komponiert“. Und dennoch hat Manoury sich auch hier auf einen intensiven Dialog mit dem Regisseur eingelassen und gemeinsam mit ihm Form und Stoff definiert. Inhaltlich kreist das Werk um eine Tragödie unserer Gegenwart: das Sterben Tausender Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. Im Gespräch mit Seenotrettern und Geflüchteten haben Stemann und Manoury ihr Bewusstsein für diese aktuelle Krise geschärft und entwickeln ein Werk, in dem die Aporien, in welche unsere Gesellschaft im Umgang mit den Folgen von Flucht und Vertreibung gerät, verhandelt werden. Das Projekt umkreist die Spannungslage einer Wohlstandsgesellschaft auf der Suche nach Unterhaltung und der Unmöglichkeit, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen. Texte von Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek und Georg Trakl bilden die Grundlage für die Komposition. Die Philharmonie wird zu einem Kreuzfahrtschiff, auf dem sich schon bald die Frage stellt: Wer ist Zuschauer, wer ist Akteur in diesem Geschehen? Sind wir alle im selben Boot? Das Gedicht Reklame von Ingeborg Bachmann führt mitten ins Herz des Lab.Oratorium: „Wohin aber gehen wir?“ fragt darin das lyrische Ich. „ohne sorge sei ohne sorge“ antwortet eine zweite Stimme, „heiter und mit musik“. Die zweite Stimme verstummt angesichts der „Totenstille“, die einbricht in die unverwüstliche Heiterkeit der „Traumwäscherei“.

Patrick Hahn, 2/2019

Eine schöne Jacke tut es auch – Christoph Prégardien

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Christoph Prégardien spricht mit Eleonore Büning über Empathie und Lampenfieber, die Grenzen des Stimmfachs, das Gerede von der Liederkrise und die Sünden der Konzertveranstalter.

Herr Prégardien, wie geht es dem deutschen Liederabend heute?

Nicht so schlecht, wie man’s ihm nachsagt!  Aber sicher nicht mehr so gut, wie das noch der Fall war in den sechziger und siebziger Jahren. Nur, dass der Liederabend heute die Krise hat und kurz vor dem Aussterben steht, kann ich nicht recht glauben, wenn ich sehe, wie viele junge Sänger und Pianisten es gibt, die dieses Repertoire heiß und innig lieben. Auch das Niveau ist wesentlich höher heute, quantitativ und qualitativ, als es das noch zu meiner Studienzeit war. Das gibt mir die Hoffnung, dass man ein Publikum neu generieren könnte, das die Konzertsäle wieder ein bisschen voller macht.

Sie singen doch nicht vor leeren Sälen! Auch bei der Schubertiade in Schwarzenberg ist es rappelvoll, da muss man sich, ähnlich wie in Bayreuth, schon Monate vorher um Karten anstellen. In Heidelberg spricht man vom „Neuland Lied“. Wo bitte ist da die Krise?

Ja, stimmt, das wirkt alles sehr lebendig. Eine gewisse Liedkrise gibt es trotzdem. Schauen Sie sich um in den großen deutschen Städten, in München, Hamburg, Frankfurt, Köln, da gab es überall, als ich anfing, zu singen, eigene Konzertreihen für den Liederabend. Jetzt gibt es das nicht einmal mehr in Wien – und Wien ist doch die eigentliche Heimat der Liedkunst. Ich frage Sie: Wenn es ausgerechnet in London, in der Wigmore Hall, möglich ist, ein neues, junges Publikum zu begeistern für das deutsche Lied – wieso dann nicht in Wien?

Okay, es gibt diese Abo-Reihen nicht mehr. Aber einzelne Liederabende, die gibt es schon…

… ja, für mich. Für unsereins, für die Bekannten. Nicht für den Nachwuchs. Die Konzertveranstalter gehen ungern Risiken ein. Sie programmieren am liebsten das immer gleiche Repertoire, in der gerechten Annahme, dass das Klassikpublikum konservativ ist. Und sie engagieren außerdem ungern junge Künstler, die man noch nicht kennt. Den Liederabend haben sie deshalb viel zu früh zu Grabe getragen.

Was macht John Gilhooly in der Wigmore Hall richtig, was die Veranstalter hierzulande falsch machen?

Die Wigmore Hall bietet zur Zeit über 150 Liederabende jährlich an. Aber nicht nur Gilhooly, auch schon sein Vorgänger, William Lyne, hat dort eine wirklich tolle Mixtur programmiert, aus Altem und Neuem, Bekannten und Unbekannten, Liederabenden, Klavierabenden, Kammermusik. Die Mischung macht es. Für all dies gibt es bekanntlich jeweils ein Spezialpublikum, aber in der Wigmore Hall gibt es inzwischen ein Stammpublikum, das man sich selbst erzogen hat. Natürlich, so etwas dauert. Das Publikum muss erstmal ein Vertrauen in den Veranstalter entwickeln. Doch es nützt nichts, wenn man immer wieder nur dieselben Stücke programmiert und immer die gleichen Künstler holt, um das alte Publikum zu halten. Das alte bleibt irgendwann weg, jeder neue Künstler baut sich früher oder später sein neues Publikum auf. Den Fehler hatte man mit meiner Generation auch schon gemacht. Wenn heute meine Nichte Julia Kleiter, die eine wunderbare Liedsängerin ist, einen Liederabend singt, dann ist der Run auf die Karten erst mal etwas moderater. Na und? Ähnlich ist es mit dem Repertoire. Schubert laufe und Brahms laufe gerade noch, höre ich oft. Aber sobald man Hugo Wolf anbiete, verkaufe man sofort weniger Karten. Dazu sage ich auch: Na und?

Warum gilt das Liedpublikum als so besonders konservativ? Liegt das daran, dass The German Kunstlied mit seinen Blümelein, Bächlein und Mägdelein so schön altmodisch ist?

Das ist ganz großer Quatsch. Wir gehen doch auch ins Kino und sehen uns Robin Hood oder den Krieg der Sterne an. Das hat etwas zu tun mit Fantasie und mit Empathie. Wir lesen Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert, wir lieben die Maler des siebzehnten Jahrhunderts und sehen uns Kunstwerke an, die noch viel älter sind. Am David von Michelangelo, diesem unsterblichen Stück Marmor, kann man sich jedes Mal wieder neu erfreuen. Ein Schubertliederabend ist wie eine Zeitreise zurück ins Biedermeier. Man darf gerne an so einem Abend ein bisschen vor sich hinlächeln, wenn dann der Junge da am Bach sitzt neben dem Mädchen und kein Wort rauskriegt. Das ist tragisch für ihn, aber auf der anderen Seite ist es ganz süß und irgendwie normal. Nicht, dass das heute anders wäre, in der Liebe. Ich denke manchmal, dass die Präsentationsform des Liederabends vielleicht ein bisschen mehr Lockerheit vertragen könnte.

Wie? Wollen Sie sich jetzt auch ein buntes Hütchen aufsetzen? Sollte man die „Winterreise“ noch öfter vertanzen und veropern?

Nein, bloß nicht. Aber der übliche Liederabend sah früher so aus, dass da einer reinkommt im Frack und dann wird es feierlich. Diese Zeit ist vorbei. Die Künstler selbst sollten runter vom Sockel und den Kontakt mit dem Publikum suchen. Es gibt wunderbare Aktionen dazu, wie das Projekt „Rhapsody in School“. Ich mache das sehr gerne. Ich trage übrigens auch schon lange keinen Frack mehr beim Liederabend. Eine schöne Jacke tut es auch. Bei „Rhapsody“ sind dann da diese Fünfzehn-, Sechzehnjährigen. Solchen Jugendlichen etwas vorzusingen und zu spielen ist toll. Sie merken plötzlich, das Lied findet hier und heute statt, es hat uns was zu sagen. Diese Musik ist genauso aktuell und genauso viel wert wie das, was sie sonst so hören. Auch in den Popballaden geht es ja hauptsächlich um Liebe und Tod. Es sind amplifizierte Schubertlieder, mit Beat. Nur sind die echten eben noch schöner.

Haben Sie eigentlich Lampenfieber?

Ja. Früher mehr als heute.

Schlimm?

Sehr schlimm. Weil man es nicht berechnen kann vorher. Weil es dazu führen kann, dass man seine Leistung nicht mehr bringt und die Atmung nicht mehr kontrolliert. Und das kommt vor. Darin bin ich ganz anders als mein Sohn Julian. Der ruht in sich selbst, der sagt sich: ‚Ich gehe jetzt da raus, und mir macht das Spaß‘. Das Schlimmste für mich ist immer die letzte Viertelstunde vor dem Konzert. Die ist nicht schön.

Sie singen neuerdings auch Baritonpartien. Und Sie haben mit dem Dirigieren angefangen. Gab es dazu einen Anlass? Beginnt jetzt das Alterswerk von Christoph Prégardien?

Jetzt reden Sie auch schon so daher! Ich bin doch erst 62 (lacht). Und, nein: Ich habe keinen Fachwechsel vor, ich bleibe Tenor. So lange die Stimme noch ist, wie sie ist, sehe ich keinen Grund, aufzuhören.  Aber es gibt andere Partien, für die ich mich interessiere. Zum Beispiel: Mendelssohns Elias, eine relativ hohe Baritonpartie, die wollte ich schon immer mal gerne singen. Inzwischen habe ich das mehrmals getan. Wenn man das mit historisch informiertem Orchester macht, in kleiner Besetzung, dann kann das eine Stimme wie meine sehr gut singen. Ein modernes Orchester wäre bei Mendelssohn sowieso falsch. Ich habe einmal das Verdi-Requiem gesungen, weil ich es so sehr liebe, natürlich habe ich gemerkt: Das ist nicht meins. Aber es hat Spaß gemacht. Um zu wissen, wo man seine Grenze hat, muss man diese Grenze auch ab und zu überschreiten. Im falschen Stimmfach zu singen, davon geht die Stimme nicht kaputt.

Wovon dann?

Bei den meisten Sängern, weil sie zu laut singen. Vielmehr, weil sie in Konzert und Oper so laut singen müssen. Seit es Stahlsaiten gibt, sind die Orchester immer lauter und die Säle immer größer geworden. Viele Dirigenten denken gar nicht mehr darüber nach, dass achtzig oder neunzig Mann einen unheimlichen Krach machen können, wohingegen oben auf der Bühne nur ein Menschlein mit zwei Stimmbändern steht. Wenn Sie in die Partituren schauen, dann staunen Sie, wie viele pp oder p oder mp da drinstehen. Man hört aber immer nur: laut.

Nicht nur Dirigenten, auch andere Musiker verwechseln oftmals Leidenschaft mit Lautstärke. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall.

Was man von Schubert lernen könnte, unter anderem.

Singen Sie deshalb keine Oper mehr?

Oper habe ich schon seit zwölf Jahren nicht mehr gemacht. Das verträgt sich nicht mit meiner Lehrtätigkeit. Ich kann nicht acht Wochen lang von den Studenten wegbleiben.

Vermissen Sie die Oper?

Ja, sehr. Oper ist immer ein Teamwork, immer ein Riesenprojekt – und wenn alles passt, das Ensemble, der Regisseur, das Casting, der Dirigent, dann macht das einen Riesenspaß. Und auch vom rein Sängerischen her ist Oper ungeheuer wichtig. Jeder junge Sänger sollte auch Oper singen, um auszuprobieren, was man mit einer Stimme alles machen kann, wie man den Körper als Instrument einzusetzen hat. Und abgesehen davon, dass man hinter dem Orchester singt und nicht vor dem, ist es viel einfacher Oper zu machen als Lied.

Wieso?

Es gibt zwischendurch Pausen. Man geht immer mal wieder runter von der Bühne, kann ein Glas Wasser trinken, mit Leuten reden, Fernsehen gucken. Bei einem Liederabend stehe ich relativ alleine im Fokus, über einen langen Zeitraum. Das ist anstrengender.

Gibt es eine Oper, die Sie gerne noch mal machen würden?

Früher habe ich immer gesagt, ich würde gern mal Britten singen auf der Bühne. Aber das ist jetzt wohl zu spät.  Zuletzt habe ich mit Julian und Kent Nagano den Idomeneo konzertant gemacht, vor zwei Jahren, den würde ich gern nochmal singen. Und den Pelleas würde ich sehr gern singen. Ob das eines Tages noch mal was wird, weiß ich nicht. Ich muss ehrlich sagen, ich vermisse die Oper. Es macht unglaublich viel Freude, auf der Bühne zu stehen.

Außer die letzte Viertelstunde, bevor es losgeht.

Ja, die könnte man gerne streichen.

Ich bin das Netz: Peter Rundel über Musiktheater

CR_Astrid Ackermann

Er liebt musikalisch Komplexes, seine Rolle im Zentrum großer Opernproduktionen – und den Gesang: Peter Rundel ist seit langer Zeit als Partner von Orchestern, Komponisten und Regisseuren mit neuem und traditionellem Repertoire zu Gast an den großen Häusern wie bei ungewöhnlichen Projekten der freien Szene. Demnächst steht wieder eine große Uraufführung auf seiner Agenda, denn mit Hèctor Parras Les Bienveillantes ist er erstmals am Pult der Opera Vlaanderen zu erleben. Einige Wochen vor der Premiere des Stückes sprachen wir mit ihm über das neue Werk und seine Erfahrungen im Opernbetrieb.

Was war Ihr erster Zugang zu dem kommenden Opernprojekt, Hèctor Parras Les Bienveillantes?

Als ich wusste, dass das als Arbeit für mich ansteht – und das weiß ich seit etwa zwei Jahren – habe ich mir sofort das Buch von Jonathan Littell besorgt. Ich hatte vorher nur darüber gehört: Es gab ja in Frankreich einen Riesenskandal darum, ob es erlaubt ist, in Form eines Ich-Romans über die Naziverbrechen zu erzählen. Es ist mir noch nie in meinem Leben so schwergefallen ein Buch zu lesen wie in diesem Fall, denn es hat etwas mit mir gemacht, das wahrscheinlich unter anderem die Skandalwirkung ausmacht: Nämlich dass man als Leser anfängt, sich mit dieser Erzähler-Hauptfigur zu identifizieren, einem SS-Mann, der ideologisch überzeugt und philosophisch gebildet in diese Maschinerie gerät und sie aktiv mitgestaltet. Das ist absolut erschreckend und sehr quälend – und auf der anderen Seite auch faszinierend. Die große Frage ist natürlich, wie man die Essenz des Romans, diese Identifikation und Auseinandersetzung des Lesers mit dem Erzähler, mit Musik auf die Bühne bringt. Der erste Schritt war, dass jemand gefunden werden musste, der diese gigantisch lange Geschichte eindampft und sprachlich komprimiert. Wie schon in der Oper zuvor, die ich in der gleichen Besetzung gemacht habe – das war Wilde in Schwetzingen – hat Hèctor Parra sich für das Libretto an Händl Klaus gewandt.

Das heißt, Sie waren schon über Hèctor Parras Vorhaben informiert, noch ehe klar war, wer überhaupt das Libretto schreibt – das ist ja für Dirigenten eher ungewöhnlich.

Zu vielen Komponisten habe ich freundschaftliche Beziehungen und weiß dadurch früh von ihren Plänen. Manchmal versuche ich auch, Produktionsmöglichkeiten für bestimmte Ideen zu finden. Das ist eine Sache, die mich sehr beschäftigt und interessiert: Als Dirigent nicht nur der musikalische Geburtshelfer zu sein, sondern auch mit meinen Kontakten dazu beizutragen, dass bestimmte Visionen Wirklichkeit werden. Und insgesamt ist es natürlich die befriedigendste Form der Zusammenarbeit, wenn man von Anfang an beteiligt ist.

Sie haben wie gesagt schon einmal mit dem gleichen Team gearbeitet, auch Regisseur Calixto Bieito war bei Wilde mit von der Partie. Ist der Arbeitsablauf dadurch etwas vorhersehbarer?

Dadurch, dass der Stoff so ein völlig anderer ist: Nein. Aber natürlich ist es ein gutes Gefühl, dass wir uns kennen; es gibt ein Vertrauensverhältnis sowohl zu dem Komponisten als auch zum Regisseur.

Welche Unterschiede nehmen Sie in der Arbeit mit verschiedenen Regisseuren wahr?

Ich hatte das Glück mit vielen bedeutenden Regisseuren zusammenzuarbeiten. Ganz am Anfang meiner Karriere schon mit Konwitschny, was extrem faszinierend war. Willy Decker ist großartig, und ganz anders jemand wie Heiner Goebbels, der auf seine Weise einzigartig ist. Es ist ein wenig so wie bei den Dirigenten: Jeder hat sein Geheimnis. Es gibt kein Rezept. Der eine arbeitet im Team und lässt eine Sache entstehen, der andere hat alles schon durchkonstruiert und es geht in der Probe nur noch darum, die Beteiligten davon zu überzeugen und anzuleiten. Dabei gibt es alle möglichen Ausprägungen vom tyrannischen Egozentriker bis zum Teamworker, und beides kann funktionieren.

Was ist für Sie das Wesentliche an der Rolle, die Sie in diesem Prozess einnehmen?

Mich fasziniert an der Kunstform Oper immer wieder, dass so viele Künste und Künstler aus unterschiedlichen Richtungen mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen beteiligt sind. Als musikalischer Leiter stehe ich mit dem Regisseur zusammen quasi im Zentrum. Dabei begreife ich mich erst einmal als Anwalt des Komponisten und der Musik, auch der Sänger, und ich muss gleichzeitig einen Blick haben für die unterschiedlichen Perspektiven und Notwendigkeiten der anderen beteiligten Künstler. Das ist vielleicht sogar eine Art von beispielhafter Utopie der Zusammenarbeit an einem Großen und Ganzen: Jeder möchte seinen Teil einbringen, jeder möchte vertreten sein im Endergebnis. Dabei gestaltend, wenn nötig auch vermittelnd zu wirken, ist eine phantastische Möglichkeit. Es ist ein Riesenluxus, dass sich unsere Gesellschaft diese Spielwiese immer noch erlaubt – anscheinend gibt es aber nach wie vor ein Bedürfnis, Geschichten zu erzählen und sich über deren Nachvollzug zu definieren. Ich glaube, das ist eine Sache, die unsere Kultur überhaupt ausmacht.

Finden Sie diesen Gestaltungsspielraum auch an größeren Häusern, oder ist Ihre Rolle dort eingeschränkter?

Es gibt natürlich im Musikbetrieb das ganze Spektrum von Arbeitsweisen: Dass man von Anfang an beteiligt ist, sich mit dem Regisseur zusammensetzt und jeden Takt durchgeht, oder dass jeder arbeitsteilig beginnt und man alles zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt zusammenführt. In größeren Häusern hat man es mit hierarchischen Strukturen zu tun; da geht es teils darum, diese Hierarchien auch zu benutzen. Aber dadurch, dass ich in der freien Szene musikalisch großgeworden bin, habe ich sehr oft Arbeitsbedingungen gesucht, die mir das Miteinander ermöglichen. Ich war ja jahrelang musikalischer Leiter bei der Wiener Taschenoper. Das ist inzwischen lange her, aber es gab dort ein paar exemplarische Arbeiten, die mich geprägt haben. Wir hatten von Anfang an ein enges, kleines Team, und dies hat zum Teil zu wunderbaren Ergebnissen geführt. Zum Beispiel die Produktion von Michaels Reise von Stockhausen, die wir damals zusammen mit der Musikfabrik und La Fura dels Baus gemacht haben, war für mich besonders befriedigend sowohl in der Arbeit als auch im Ergebnis.

Es fällt gar nicht so leicht, aus der großen Liste Ihrer Opernengagements Highlights herauszuheben – das Etikett „ungewöhnlich“ trifft sowieso auf viele der Produktionen zu. Gibt es neben Michaels Reise weitere besonders prägende Stücke?

Eine einschneidende Erfahrung war für mich die Uraufführung von Das Märchen in Lissabon. Das war ein Beispiel einer auf höchstem Niveau missglückten Inszenierung, hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass der Komponist Emmanuel Nunes erst im allerletzten Moment das ganze Stück vorlegen konnte. Es war eine mörderische Arbeit, überhaupt die Uraufführung zu retten. Für die Regisseurin war es geradezu unzumutbar, eine Inszenierung zu schaffen, ohne das Ende der Oper zu kennen. Diese Geschichte hängt mir immer noch sehr nach, weil die Oper seitdem nie mehr aufgeführt wurde und die Musik grandios ist. Auch der Stoff – das späte Goethesche Märchen: Eine rätselhafte Geschichte, ein bisschen Zauberflötenwelt, mit Schlangen und Prinzen und sehr vielen Deutungsmöglichkeiten. Ich halte es für ein Meisterwerk und hoffe, dass sich endlich mal ein Haus daran macht, das Stück anzupacken.

Das klingt fast so, als sei es für das Werk besser gewesen, wenn die Uraufführung geplatzt wäre.

Das ist schwer zu sagen. Inzwischen ist Emmanuel Nunes leider gestorben, und ich bin froh, dass er das Stück noch gehört und es im Nachhinein etwas gekürzt hat. Aber die Produktionsbedingungen und auch sein Protest gegen die Inszenierung haben nicht unbedingt dazu beigetragen, dass das Stück so bald eine zweite Chance bekommt.

Auch, wenn das ein Extrembeispiel ist – die Grundsituation, dass Kompositionen erst in letzter Minute fertig werden, ist ja wahrscheinlich fast Alltag am Pult.

So ist es. Das erlebt man auch im Konzertbereich, wenn ich zum Beispiel an Donaueschingen denke, das gerade hinter mir liegt. Das ist natürlich eine extreme Belastung für den ganzen Apparat, und im Falle von Oper ist es vor allem für die Sänger eine harte Situation. Als Dirigent ist man dann gefragt, einfach die Nerven zu behalten, für die Anderen Ruhe auszustrahlen und durch die Arbeit auch tatsächlich Sicherheit zu schaffen. Aber natürlich gibt es Grenzsituationen, wo man den Ball zurückspielen muss und dem Komponisten sagt: Entweder reden wir jetzt über Kürzungen, oder es ist nicht zu machen in der Zeit.

Viele der Produktionen, an denen Sie beteiligt waren, haben den Rahmen des normalen Opernbetriebs gesprengt – für die Ruhrtriennale haben Sie zum Beispiel Stücke wie Die Materie, Prometheus und Leila und Madschnun geleitet und damit einen riesigen Raum bespielt. Faszinieren solche monumentalen Aufführungen Sie auf besondere Art?

Natürlich besteht ein großer Reiz darin, diesen enormen Apparat in den Händen zu haben, der Chor, Sänger, das Orchester, unter Umständen Elektronik umfasst, eventuell noch räumlich aufgesplittert. Das handwerklich zu meistern ist sicher faszinierend. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Was mich am meisten an die Oper fesselt, ist der Gesang. Ich liebe den Gesang. Vielleicht liegt es daran, dass ich Geiger war, und das Klangideal, das Vorbild für ein Melodieinstrument, ist das Singen. Ich habe einen irrsinnigen Respekt vor Opernsängern, weil ich in der Arbeit erlebe, was es bedeutet, auf einer Bühne zu stehen, auswendig zu singen – unter Umständen, bei der Neuen Musik, Dinge, die nie zuvor gehört wurden – und das Ganze dann auch noch in einer Rolle zu verkörpern. Für mich entsteht durch diese Ungeschütztheit, diese Verletzlichkeit der Sänger etwas, das noch über das hinausgeht, was im Konzert passiert: Gerade vor dem Hintergrund des Risikos, dieses Gefälles, das in der Oper extrem ist, kann eine besondere Art von Zauber oder Schönheit aufscheinen. Für mich sind die Sänger dann wie Hochseilartisten. Und ich kann derjenige sein, der mit ihnen atmet, der ihnen eine Sicherheit vermittelt, der sie trägt, der sie stützt. Ich bin sozusagen das Netz. Von dem ganzen Budenzauber abgesehen, der zur Oper gehört, ist es letzten Endes dieser Moment, der Musiktheater für mich ausmacht. Es geht sogar noch über die Sänger hinaus, weil so viele Elemente ineinander spielen: Wenn nur eines herausbricht, droht das Ganze wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Und obwohl man natürlich alles dafür tut, das zu verhindern, muss man im entscheidenden Moment loslassen können, damit trotz allem ein Gefühl von Freiheit entstehen kann. Und wenn dies gelingt, ist es das Allerschönste.

Nina Rohlfs

1/2019

… und alle Fragen offen: Dietrich Henschels große Rollen

CR Susanne Diesner

Er stand auf der Bühne als Karl V., als Walter Benjamin, als Prinz von Homburg, als Friedrich Hölderlin – und mit der Rolle des Martin Luther fügt Dietrich Henschel der eklektischen Liste von ihm verkörperter Größen der Geistesgeschichte und Politik nun ein Schwergewicht hinzu. Im Mai 2019 ist der Bariton in der Uraufführung von Bo Holtens Oper Schlagt sie tot! an der Malmö Opera in der Rolle des Reformators zu erleben.

Doch wie nähert man sich einer Figur, über die man womöglich schon im Vorfeld mehr weiß als das, was im Libretto explizit deutlich wird? „Am liebsten ist es mir, mich mit der Musik soweit vertraut zu machen, dass ich sie parat habe, aber inhaltlich ein weißes Blatt zu bleiben“, so Dietrich Henschel. „Vor den Probearbeiten möchte ich noch gar nicht wissen, wer ich bin. So ist ein sich Herantasten und das Entwickeln des Stückes mit den Kollegen und mit der Regie möglich.“ Trotzdem halte er sich im ersten Anlauf auch allgemein bekannte historischen Fakten vor Augen. „Mit dem Blick der Geschichte ermögliche ich es mir, auch den Blick der Autoren und Komponisten zu erkennen. Ich bin ja ein nachschaffender Interpret. Ich erfinde nicht einen Luther, sondern sehe eine Figur, die jemand anders auf eine bestimmte Art darstellen wollte, um damit unter Umständen auch Stellung zu einer modernen Situation, zum heutigen Geschichtsbild zu beziehen.“

Im Falle des Luther, als der er nun in Malmö auf die Bühne kommt, sei diese Stellungnahme eine sehr kritische. „Das Stück entwickelt die Figur als Menschen mit Schwächen und Stärken, aber vor allem als eine zutiefst narzisstische, egozentrische Person. Luther wird in seinen Eitelkeiten und seiner Starrköpfigkeit genauso gezeigt wie in seiner ganz klaren Haltung zu dem, was er verändern wollte“, beschreibt Dietrich Henschel. „Er hat sich nicht vereinnahmen lassen von gesellschaftlichen Strömungen und hat sich sogar scharf gegen sie positioniert: Mit seinem Gutheißen sind die Bauernkriege eröffnet worden, deswegen heißt diese Oper Schlagt sie tot. Das hat er tatsächlich über die aufständischen Bauern gesagt – aufgrund einer unglaublichen Drucksituation, in der er sich befand. Es ist also ein ganz komplexer, vielschichtiger psychischer Block, mit dem man sich als Interpret hier auseinandersetzen muss.“

Mit einem Wohlfühl-Lutherbild wie es sich vielfach durch das zurückliegende Reformations-Jubiläumsjahr zog, dessen erfolgreichstes Maskottchen die in Millionenauflage verkaufte Playmobil-Figur des Reformators war, hat die Oper also wenig zu tun. Für Dietrich Henschel bedeutet dies, dass er auch seine eigene Vorstellung der geschichtlichen Figur hintanstellen muss. „Ich bin lutherisch getaufter Christ und in der Hinsicht natürlich traditionell vorgebildet“, räumt er ein. „Dieses Wissen muss ich in dem Moment, in dem ich in dem Stück die Lutherrolle entwickle, wieder vergessen, um ein anderer Luther zu werden.“ Dieser Luther habe mit viel Enthusiasmus und Vorschusslorbeeren begonnen, dann jedoch einen tiefen Riss mitverursacht. „Es gab ja Versuche, die gesamten reformatorischen Strömungen als eine Kraft gegen die vorherrschende päpstliche Seite zu vereinen. Das scheiterte an Luthers Auffassung – jedenfalls in dieser Oper wird es auf ein einziges Argument zurückgeführt – es handele sich beim Abendmahl nicht um ein Symbol für den Leib Christi, sondern um den Leib Christi selbst. Was für ein winzig kleiner Aspekt innerhalb dieses Religionsgefüges es ist, über den hier bis aufs Blut gestritten wurde, mag heute unverständlich und aufgebauscht erscheinen“, findet Dietrich Henschel. „Und genau hier bin ich gefordert, mich in die Rolle hineinzuversetzen, damit ich diese Gewalt, die Entscheidung zu einem gewaltauslösenden Widerspruch tatsächlich aus einer inneren Wallung herausholen kann. Ich muss einen Zugang finden, eine Wahrheit empfinden und erfahren.“ Für diese Auffassung einer inneren Wahrheit habe er oft Widerspruch geerntet – trotzdem hält Dietrich Henschel an der Idee fest. „Ich finde, es gibt eine Wahrhaftigkeit auf der Bühne, die sich aus der Figur erschließt. Die findet man natürlich nicht im Vorfeld, sondern nur in der Arbeit selbst, und darauf bin ich gespannt.“

Die Musik weise ihm dabei in aller Regel den Weg: „Sie gibt der Figur eine Taktung, einen Rhythmus vor und auch eine Expressivität. Guten Stücken muss man sich nur hingeben.“ Sein Vertrauen darin, sich immer wieder durch ein eher intuitiv entstehendes Verständnis einer Figur leiten lassen zu können, gründet sich nicht zuletzt auf einen großen Erfahrungsschatz. „Man ist ja immer wieder gefordert, eine Symbiose mit den Bühnenfiguren einzugehen, eine Identifikation durchzuführen“, beschreibt er. „In der Rolle Karls V. zum Beispiel geschah es mir, dass ich mich bei einer Probe auf einmal mit Stühlen nach meinem Widersacher werfen sah, so wütend hat er mich tatsächlich gemacht in dieser Bühnensituation. Da stieg eine Aggressivität in mir auf, die ich vorher gar nicht kannte.“

Bezüglich ihrer Härte in der Konfrontation mit einer Gegenseite empfindet er die Titelrolle in Ernst Kreneks Karl V., die er bei den Bregenzer Festspielen 2008 verkörperte, als schlüsselhaft für die Entwicklung der Lutherfigur. Das Stück ist für ihn zudem ein Beispiel dafür, wie sehr man als Darsteller auf den gesamten Rahmen der Produktion angewiesen ist, um glaubwürdig zu bleiben. „Die Inszenierung war so angelegt, dass die Rolle erst in die Figur hineingeführt wurde: Es begann als eine Geschichtsstunde, und ich mutierte vom Lehrer immer mehr zu Karl V. Ein genialer Schachzug vom Regisseur Uwe Laufenberg, der dieses sehr schwüle und schwulstige Libretto überhaupt erst spielbar gemacht hat“, erklärt er. „Krenek hat sich hier in einer Kunstsprache verloren, die mit einem gehobenen geschichtlichen Zeigefinger agiert. Durch den Regieeinfall wurde das Ganze geschickt umgemünzt, und dann hat es funktioniert: Vor einer Schulklasse kann man diesen Tonfall anschlagen, und der skurril-komische Effekt, der sich einstellt, wird mit dem Schulmeister und nicht mit der historischen Figur verbunden.“

„Historisch 1:1 zu spielen ist immer schwierig, weil man so dicht am Klischee ist“, fährt er fort. „Bei Stücken, die so abstrakt sind wie damals Hölderlin oder jetzt Benjamin, behalten dagegen die einzelnen Figuren ihr Rätsel.“ Mit der Benjamin-Oper von Peter Ruzicka feierte Dietrich Henschel im vergangenen Jahr in Hamburg einen großen Erfolg, knapp zehn Jahre nachdem er in Ruzickas Oper Hölderlin einen weiteren großen Philosophen verkörpert hatte. „Ich kann in solchen Stücken aus dem vorhandenen Material eine Figur entwerfen. Ich musste zum Beispiel nicht Hölderlin werden, sondern ich musste nur eine Figur werden, die innerhalb dieses abstrakten Rahmens funktionierte.“ Auf die Rolle des Walter Benjamin habe er sich durch die Lektüre seiner Schriften vorbereitet. „In diesem Fall muss jeder sowieso seinen eigenen Apparat in Gang schalten, um einen Zugang zu dieser komplexen Persönlichkeit zu finden, die menschlich schwach ist“, erklärt er über die Figur, die in Ruzickas Oper in ihrem wohl schwersten Moment, auf der Flucht und kurz vor dem Suizid, gezeigt wird.

Doch gibt es für einen Sänger genau an diesem Punkt der Schwäche, der inneren Zerrissenheit nicht auch Grenzen der Identifikation, damit die Stimme präsent bleibt? „Wenn man emotional berührt ist, muss man aufpassen, dass die Stimme klar bleibt und man die Kontrolle behält“, bestätigt Dietrich Henschel, „aber dafür ist man ja Künstler. Zudem geht das Gebrochene auch immer aus der Musik selbst hervor. Benjamin hat dann keine heroischen Passagen, sondern das Ganze ist auch auf musikalischer Ebene eher ein Infragestellen dieses Charakters.“

Überhaupt steht für Dietrich Henschel bei kaum einer Rolle das Heroische im Vordergrund. „Auf der Bühne ist eine Figur ja vor allem dann interessant, wenn sie schwach ist“, findet er und nennt Beispiele aus seinem Erinnerungsschatz von ihm verkörperter, vermeintlich „großer Männer“. Immer würden diese aus ihrer Gebrochenheit, ihrer Schwäche heraus auf der Bühne glaubhaft – angefangen bei Hans Werner Henzes Prinz von Homburg, einer seiner ersten wichtigen Titelpartien: „Die Figur ist aus ihrer Jugend heraus begreifbar, und in dem jugendlichen Alter, in dem ich sie zum ersten Mal spielte, konnte ich mich mit ihr wunderbar identifizieren. Der Doktor Faust von Busoni ist genial als Oper, weil diese Figur wütend und stark beginnt, dann Stück für Stück zerbricht und erst angesichts der Mosaiksteine ihres zerbrochenen Daseins im letzten Moment die Kurve kriegt. Auch Don Giovanni ist überhaupt kein starker Mann. Wenn er so blöde präpotent wäre, wie ihn früher alle gesehen haben, dann wäre er niemals zu einer solchen Legende geworden“, zählt er auf. „Was ist ein Held, der immer stark ist? Langweilig!“

Dass alle Beteiligten – auf der Bühne und im Zuschauerraum – angesichts dieser Figuren gefordert sind, einen eigenen Blickwinkel zu finden, empfindet Dietrich Henschel als Idealfall. „Ich entwickele meine darstellerische Folgerichtigkeit für die Rolle, und jeder im Publikum muss seine eigene Wahrheit damit in Einklang bringen, seine Fragen selbst entwickeln und innerhalb dessen, was er sieht, selbst suchen. Es geht nicht darum, dass man etwas erklärt. Ich hoffe sehr, dass es auch bei der Luther-Oper wieder gelingen wird, in erster Linie Fragen aufzuwerfen anstatt Antworten zu geben.“

Nina Rohlfs
Dezember 2018

BRAD LUBMAN: REICH UND RICHTER IN MANHATTAN

CR_Stephanie Berger

Auf Manhattans West Side am Hudson River, wo die High Line nach ihrer Fahrt durch Chelsea endet, nimmt ein dynamisches Gebäude Form an: The Shed, der „Schuppen“ heißt der architektonisch spektakuläre Ort, sprachlich passend zu der Stadt, deren Hipster schon vor 70 Jahren alles Faszinierende in anerkennendem Understatement als „bad“ bezeichneten. Als ein offener Kunst-Ort für alle will sich das non-profit-Haus etablieren, und es vergibt dafür unter anderem Aufträge für neue Werke in verschiedensten Disziplinen von Musik über Theater bis zur bildenden Kunst.

Entsprechend können auch die Veranstaltungen, mit denen der Schuppen im Frühjahr erstmals seine Pforten öffnet, interdisziplinärer kaum sein. Mit von der Partie ist Dirigent Brad Lubman und sein Ensemble Signal. Vom 6. April bis zum 2. Juni verwandeln sie drei- bis viermal täglich einen Teil des Gebäudes in eine Klang- und Kunstinstallation. Große Namen der Musik- und Kunstwelt vereint das Reich Richter Pärt Projekt: Komponist Steve Reich hat hierfür in Kollaboration mit Gerhard Richter ein neues Werk geschaffen, und Filmemacherin Corinna Belz steuert ein Video bei, das die Strukturen von Richters Bildserie Patterns und die minimal-music-Formeln von Steve Reich ineinanderwebt. Das Publikum kann sich mit den Aufführenden durch den Galerieraum bewegen und dabei in die Werke des großen Malers, in die Architektur und die Musik eintauchen.

Viele Komponisten vertrauen Brad Lubman ihre Werke zur Uraufführung an, doch mit Steve Reich verbindet ihn eine besonders lange und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Der Dirigent und sein Ensemble Signal „haben viele der besten Aufführungen meiner Musik vollbracht, die ich gehört habe“, so der Komponist. Kennengelernt haben sich die beiden Künstler 1995. Seitdem hat Brad Lubman Reichs Kompositionen für die Label harmonia mundi und Nonesuch aufgenommen, die Uraufführungen von Werken wie Three Tales, Daniel Variations, Runner, Radio Rewrite und Variations for Vibes, Pianos and Strings geleitet und diese Musik auf vier Kontinenten dirigiert. Das Ensemble Signal ist weiterhin entschlossen, der Musik des Komponisten einen besonderen Stellenwert einzuräumen. „Für Signal ist Steve nicht nur ein Komponist, dessen Musik wir lieben, sondern er ist auch ein Mentor und geschätzter Kollege“, so das Ensemble, das sich seit seiner Gründung 2008 als führendes Neue-Musik-Ensemble New Yorks etabliert hat. Die Aufführungs- und Produktionspraxis, die Steve Reich selbst seit den 70er Jahren entwickelt hat, möchte Signal dabei weiterführen, nicht zuletzt, um neue Publikumsgruppen weltweit zu erreichen. Dafür nutzen sie vielfältige mediale und technische Möglichkeiten – und spielen sogar ab und zu in einem Schuppen.

Trio Mediaeval: Ars antiqua in Kastilien

CR_TRIOMED

„Die Zisterzienserinnenabtei von Las Huelgas zählte zu ihrer Glanzzeit zu den größten Klöstern Europas und zu den mächtigsten kirchlichen Institutionen in Spanien. Um 1320 entstand dort eine der umfangreichsten Sammelhandschriften polyphoner Musik, die heute erhalten sind. Der Codex Las Huelgas umfasst Musik aus ganz Europa”, erklärt das Trio Mediaeval zu seinem neuen Programm The Conductus in Castile, das im Frühjahr bei den Schwetzinger SWR Festspielen erstmals in einem größeren Rahmen zur Aufführung kommen wird.

Wenn Anna Maria Friman, Linn Andrea Fuglseth und Jorunn Lovise Husan dieses für mittelalterliche Verhältnisse äußerst kosmopolitisch-eklektische Repertoire des Codex Las Huelgas rund sieben Jahrhunderte nach seiner Entstehung zu Gehör bringen, können sie dabei auf eine enorme Erfahrung zurückgreifen. Seit mehr als 20 Jahren graben sie alte Manuskripte aus, erforschen historische Fakten rund um die mittelalterliche Aufführungspraxis und machen Musik, die vor langer Zeit entstanden ist, wieder hörbar. Die Sängerinnen des Trio Mediaeval kennen sich also aus in allen Belangen, die die Entstehung und Aufführung alter Vokalmusik betreffen – soweit man das kann.

Denn die Präsentation mittelalterlicher Sakralmusik in unserer heutigen Welt sei immer zugleich ein Akt der Bewahrung und der Neuschöpfung. „Wir stellen die Musik in einen völlig anderen Kontext: Weder wurden die Stücke ursprünglich als Teil eines Konzertprogrammes komponiert, noch waren sie für die Aufführung vor einem Publikum vorgesehen“, erklärt Anna Maria Frimann und betont, wie stark sich die heutige Aufführungspraxis vom religiösen Kontext gelöst hat. Bezüglich des Klanges und der Gesangstechnik, die man einst verwendete, tappen heutige Interpreten ohnehin im Dunkeln. „So sehr wir uns das wünschen – historische Authentizität können wir nicht erlangen. Gleichzeitig gibt uns der Mangel an Information die Freiheit, unsere Vorstellungskraft und Intuition in ähnlicher Weise zu benutzen wie bei der Uraufführung zeitgenössischer Musik.“

Entsprechend liegt die Miteinbeziehung neu komponierter Musik – im ‚Conductus‘ Programm sind es drei für das Trio komponierte Stücke von Ivan Moody – musikalisch weniger fern als man denken mag. Das Trio Mediaeval hat diese Praxis in vielen Projekten erprobt, in denen zeitgenössische Werke ihr Repertoire ergänzen, das im Kern aus Eigenbearbeitungen mittelalterlicher Balladen und Lieder aus Skandinavien und aus polyphoner mittelalterlicher Sakralmusik besteht. In letzter Zeit sind es zudem häufig Musiker und Ensembles der Jazz- und World-Szene, die mit den Sängerinnen wiederum neuartige Klangwelten entstehen lassen. Rolf Lislevand, Nils Økland, Sinikka Langeland, Arve Henriksen und das Mats Eilertsen Trio sind inzwischen bewährte musikalische Partner des Trios.

Man kann und muss also auch für das Konzert bei den Schwetzinger SWR Festspielen davon ausgehen, dass selbst das Alte ganz neu ist – und dass es wohl für immer ein Rätsel bleiben wird, wie der im 13. Jahrhundert rund 100 Frauen umfassende Chor in Las Huelgas tatsächlich geklungen haben könnte. Es ist noch nicht einmal klar, ob im damaligen Kloster tatsächlich alle Werke des Codex‘ erklangen, weist doch einiges darauf hin, dass polyphone Musik, zumindest solche mit mehr als zwei Stimmen, im Zisterzienserorden nicht geduldet wurde. Definitiv erlaubt ist es hingegen, sich als Zuhörer im 21. Jahrhundert für die Zeitdauer eines wunderbaren Konzertes ins Mittelalter versetzt zu fühlen.

Nina Rohlfs, 4/2109

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