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Dirigent am Flügel – François-Frédéric Guy

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Als einen „aufregenden Drahtseilakt“ beschreibt François-Frédéric Guy, Spezialist für das romantische deutsche Repertoire und insbesondere die Werke Beethovens, seine Erfahrungen als Orchesterleiter vom Klavier aus. Seit 2012 widmet er sich dieser besonderen Herausforderung, inzwischen sogar mit den beiden Klavierkonzerten von Johannes Brahms. Die Besonderheiten seiner Doppelrolle und seinen Weg zum Dirigieren schilderte uns der Pianist im Interview. 

Was war Ihre erste Erfahrung mit play/conduct, und was hat Sie bewogen, sich darauf einzulassen?

2012 habe ich erstmals vom Klavier aus dirigiert, und zwar das Orchestre Philharmonique Royal de Liège. Damals wählte ich die Beethoven-Konzerte, mein Kernrepertoire. Aus zwei Gründen zog mich dieses unglaubliche Abenteuer an: Ich wollte den Geist wiederentdecken, der zu Zeiten Mozarts und Beethovens herrschte, als die Solisten vom Instrument aus führten und dabei eine kammermusikalische Haltung bewahrten. Gleichzeitig konnte ich damit meinen Traum verwirklichen, ein Orchester zu dirigieren. Mich begeistert das Orchesterrepertoire, und ich habe das Dirigieren schon immer als natürliche Erweiterung meiner pianistischen Karriere in Betracht gezogen. Und „play/conduct“ ist eine fantastische Möglichkeit, von der Rolle des Solisten in die des Dirigenten zu wechseln. Seitdem habe ich Mozart und besonders Beethoven sehr oft vom Klavier aus geleitet; die Beethoven-Konzerte habe ich nun auch erneut eingespielt, dieses Mal unter meiner Leitung mit der Sinfonia Varsovia. 

Gleichzeitig ein Orchester zu dirigieren und den Solopart zu spielen ist nicht gerade eine alltägliche Übung. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet – gibt es eine Ausbildung dafür? 

Ich habe zunächst mit erfahrenen Dirigenten wie Philippe Jordan und Pascal Rophé gearbeitet, die mir eine Grundtechnik beibrachten. Gleichzeitig beobachtete ich Künstler, die für play/conduct Auftritte bekannt sind, wie Murray Perahia für Mozart oder Daniel Barenboim für Beethoven. Ich fand dann zu meiner eigenen Technik. Man muss natürlich in erster Linie den Orchesterpart minutiös lernen und möglichst exakte, eindeutige Gesten finden, damit sich die Orchestermusiker unterstützt fühlen. Das Klavier ist dann fast nur noch ein Instrument unter vielen. Trotz allem muss ich betonen, dass heutige Orchestermitglieder auf sehr hohem Niveau und mit einem gewissen Grad an Autonomie musizieren. Anfangs versuchte ich, jede kleinste Note, jedes kleinste Ereignis zu dirigieren. Mit wachsender Erfahrung kann man den Musikern mehr Selbständigkeit zugestehen und sich dem Essentiellen widmen. 

Worin bestehen die größten Schwierigkeiten dieser Aufgabe?

Die Hauptschwierigkeit ergibt sich daraus, dass der Gestus des Solisten dem Gestus des Dirigenten gegenläufig ist: Der Arm des Pianisten bewegt sich von oben nach unten zur Klaviatur, während die Dirigierbewegung ein Zurückschnellen von unten nach oben ist. Man darf sich nicht aus seiner solistischen Spielweise herausreißen lassen, obwohl man unentwegt die dirigentischen Gesten antizipiert, damit sich das Orchester gut geleitet fühlt. Ein aufregender Drahtseilakt, der sicherlich mit einer Portion Risiko verbunden ist, dessen musikalisches Resultat aber oft durch Gleichgewicht und Kohärenz verblüfft! Je mehr Erfahrung ich als Pianist, als dirigierender Pianist und als Dirigent gewinne, desto mehr mag ich es, im gleichen Konzert zwischen den Rollen hin- und herzuwechseln. Das ist ein einzigartiges und unerschöpflich reichhaltiges Erlebnis.

Welche play/conduct Projekte möchten Sie als nächstes in Angriff nehmen?

Während der laufenden Saison habe ich meine Erkundungen der letzten großen Konzerte von Mozart mit den Werken KV 482 und KV 488 fortgesetzt; außerdem habe ich im Théâtre des Champs-Élysées erstmals die beiden Brahms-Konzerte vom Klavier aus dirigiert. Zum großen Abenteuer der kommenden Saison wird aber der Kompositionsauftrag für ein play/conduct Konzert, den ich dem französischen Komponisten Aurélien Dumont erteilt habe. Es soll ein Werk im Geiste der Zeit Mozarts und Beethovens entstehen, allerdings in einer ganz und gar im 21. Jahrhundert verorteten Tonsprache! Die Uraufführung findet am 11. Oktober an der Opéra de Limoges statt, und 2020 ist das Stück mit dem Orchestre de Chambre de Paris am Théâtre des Champs-Élysées zu hören.

Interview: Prune Hernaïz
Übersetzung: Nina Rohlfs

Jerusalem Calling – Steven Sloane auf neuen Wegen

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Steven Sloane wird zu Beginn der Saison 2020/21 neuer Music Director des Jerusalem Symphony Orchestra. Schon ab Oktober 2019 wird er als Music Director Designate drei Sinfoniekonzerte des Orchesters leiten und mit der künstlerischen Planung beginnen. Karsten Witt blickt anlässlich der neuen Herausforderung mit dem Dirigenten ein wenig in die Zukunft – und in die Vergangenheit.

„It feels like coming nach Hause.” Nach über 30 Jahren in Deutschland wechselt Steven Sloane immer noch, häufig im selben Satz, seemlessly zwischen Deutsch und Englisch. Der amerikanische Akzent ist bei dem in Los Angeles aufgewachsenen Dirigenten in beiden Sprachen unüberhörbar. In letzter Zeit beginnt er die Konservation auch immer mal wieder auf Hebräisch, bis ich ihn daran erinnere, dass ich diese Sprache – auch nach 15-jähriger Zusammenarbeit – strangely immer noch nicht verstehe.

Wenn er jetzt nach Hause sagt, meint er allerdings nicht Kalifornien, sondern das Land, in das er mit 21, nach Abschluss seines Studiums, emigriert war und in dem er danach zehn Jahre lebte: Israel. Damals nahm er intensiv am Musikleben des Landes teil, half bei dessen Weiterentwicklung, etwa indem er den Chor des Konservatoriums in Tel Aviv aufbaute. Schon in dieser Zeit dirigierte er alle israelischen Orchester – mit Ausnahme des Israel Philharmonic Orchestra, das ihn erst später einlud. Besonders häufig war er beim Jerusalem Symphony Orchestra zu Gast, dessen Chefdirigent damals Gary Bertini war. 1985 hätte er resident conductor der neu gegründeten Israeli Opera werden sollen, aber in diesem Jahr wechselte er stattdessen gemeinsam mit Gary Bertini an die Oper Frankfurt und trat dort seine erste feste Position als 1. Kapellmeister an.

Noch ist Steven Sloane vor allem in Bochum zuhause, wo er seit 1994 als Generalmusikdirektor fungiert. Seine Verdienste um die Musik in der Theater-Stadt Bochum und im gesamten Ruhrgebiet sind unbestritten; vielfach ist er für sie ausgezeichnet worden. Mit seiner phantasievollen und in jeder Richtung offenen Programmgestaltung hat er ständig neue Publika gewonnen. Die gefeierte Produktion von Zimmermanns Soldaten bei der RuhrTriennale, die die Bochumer Symphoniker sogar in die New Yorker Armory Hall brachte, ist ebenso wenig vergessen wie der Day of Song im Rahmen des von ihm verantworteten Programms von Ruhr2010, wo auf Plätzen in der gesamten Kulturhauptstadt gesungen wurde und er allein 60.000 Sänger auf Schalke dirigierte.

Den größten Erfolg feierte er 2016 mit der Eröffnung des neuen Anneliese Brost Musikforums um die zum Foyer umgebaute St.-Marien-Kirche in unmittelbarer Nähe des Bermuda-Dreieck genannten Entertainment-Bezirks von Bochum. In ihm haben die BoSy und alle Musikfreunde, darunter auch die Jugendmusikschule der Stadt, eine neue Heimat gefunden. Mit wieviel Geschick, Hartnäckigkeit, Überredungskunst und Durchsetzungswillen Steven Sloane dieses vielfach totgesagte Projekt in einer bankrotten Stadt geduldig zum gefeierten Erfolg führte, wurde auch überregional und international bewundernd anerkannt.

Zwei Jahre nach der Eröffnung des Konzertsaals und seiner Ernennung zum Intendanten erklärte Steven Sloane 2018, sein Amt drei Jahre später an einen Nachfolger übergeben zu wollen. 2019 wird das 100jährige Bestehen des Orchesters und sein eigenes 25jähriges GMD-Jubiläum gefeiert. „Dann wird es time for a change – fürs Orchester und auch für mich.“ Dabei hat er schon seit Jahren einen zweiten Wohnsitz in Berlin, wo er an der Universität der Künste die International Conducting Academy zur intensiven Förderung ausgewählter junger Dirigenten aufgebaut hat. Und seit der laufenden Saison wirkt er zusätzlich als Principal Guest Conductor and Artistic Advisor am Opernhaus Malmö.

In einem Beruf, der durch den jetset und schnelle Wechsel von einem Orchester zum anderen geprägt ist, stellt Steven Sloane eine Ausnahme dar. Er liebt die kontinuierliche Arbeit mit Freunden und lässt trotzdem keine Routine aufkommen. „Let’s look for something new“ – so könnte sein Wahlspruch lauten. Das gilt für sein Engagement für wenig bekannte Komponisten ebenso wie für junge Künstler, für neue Inszenierungen und Konzertformen ebenso wie für die Entwicklung der Institution Orchester und seiner Räume. Wenn das Jerusalem Symphony Orchestra ihn jetzt zu seinem neuen Music Director ab 2020 ernannt hat, so kann sich das Orchester auf bewegte Zeiten einstellen. Eine Andeutung gibt Steven Sloane schon in seiner ersten  öffentlichen Stellungnahme:  „Wir werden daran arbeiten, neue Kooperationen mit anderen Institutionen einzugehen, um an neuen Orten zu spielen und neue Zielgruppen allen Alters zu erschließen, auch solche, die bisher kaum in Kontakt mit klassischer symphonischer Musik standen.“ Ihm geht es um ein Projekt für die ganze Stadt und alle Bevölkerungskreise. „Our future is open!

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Ein Punkt ist ein Punkt ist ein Punkt

CR Notengrafik

... erfuhren wir beim kürzesten „Betriebsausflug“ der Firmengeschichte von Karsten Witt Musik Management: Nur ein paar Stufen im hinteren Treppenhaus des historischen Fabrikgebäudes am Berliner Engelbecken, in dem wir seit 15 Jahren ansässig sind, ging es hinab zu unseren Nachbarn von Notengrafik Berlin. Werner Wolff nahm sich Zeit, uns in die historische Entwicklung der Musiknotation einzuführen und vom täglichen Geschäft seiner Firma zu erzählen, die sich seit 2001 unter anderem damit beschäftigt, jeden Punkt an die richtige Stelle zu setzen.

Als eines der führenden Büros für Notensatz in Europa ist Notengrafik Berlin auf zeitgenössische Musik spezialisiert und erstellt im Auftrag internationaler Musikverlage unter anderem das Aufführungsmaterial für rund 20 neue Werke im Jahr, vom Streichquartett bis zur abendfüllenden Oper. Dass dafür eine gehörige Portion Expertise vonnöten ist, die auch nicht durch digitale Technik ersetzt werden kann, wird in Werner Wolffs Vortrag schnell klar. Auf einer technischen Ebene geht es besonders um kontextsensitive Zeichen, mit denen sich Computer schwertun – als humoristische Einladungen zum Missverständnis verdeutlicht dies die Bildreihe mit korrekt fehlplatzierten Punkten unmittelbar. „All die Programme, die ab den 90ern Verbreitung fanden und die wir heute benutzen – Finale, Sibelius, etc. – sind eigentlich keine professionellen Anwendungen für Notensatz, sondern Consumer Software. Wie soll ich sagen – Buchdruck macht man auch nicht mit Word“, korrigiert Werner Wolff das Missverständnis, man könne heute am heimischen PC kostensparend auch komplexe Materialien erstellen. Hinzu kommt die musikalisch-technische Expertise des Notensetzers, der auch Lektorats- und Redaktionsfunktion übernimmt, doch dazu später mehr.

Denn zunächst führte uns Werner Wolff mit einem bebilderten historischen Exkurs durch die Jahrhunderte, angefangen mit früher Notation mittels Buchstaben im antiken Griechenland über mittelalterliche Neumen bis zu den ersten Notendrucken. Weit nach Gutenbergs Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern wurden diese frühen Druckbeispiele mit Holzschnitten gefertigt. „Es zieht sich durch die Geschichte des Notendrucks, dass er immer komplizierter war als der Textdruck und zwei bis drei Generationen hinterherhinkte. Und das ist bis heute so –wir benutzen zwar digitale Werkzeuge, aber die Methoden und Workflows sind analog. Wir haben hier tonnenweise Papier herumliegen“, schiebt Werner Wolff ein. Ebenso wie die im 16. Jahrhundert aufkommenden Versuche, Noten analog zum Bleisatz-Verfahren mit Metalltypen zu drucken, waren die Holzschnitte kaum kommerziell bedeutend. Eine andere Technik dominierte schließlich über 200 Jahre den Notendruck, trotz des großen Aufwands, den das Erstellen des Materials auch in diesem Verfahren bedeutete: Durch den Notenstich konnten, in Verbindung mit der Lithographie als Massendruckverfahren, große Auflagen entstehen. Verleger wie Peters oder Breitkopf beauftragten für den Stich Satzbetriebe wie Carl Gottlieb Röder, dessen Unternehmen in Leipzig zu seiner Blütezeit über 1000 Angestellte beschäftigte. Große Erfahrung erforderte neben dem eigentlichen Stechen in weiche Metallplatten besonders das Erstellen der Stichvorlage. „Händisch wurden die Manuskripte abgeschrieben, alle inhaltlichen Fragen geklärt und das Ganze so eingeteilt, dass ein Stecher sich nicht mehr über das Layout Gedanken machen musste“, erläutert Werner Wolff – und ist damit in der Beschreibung des historischen Berufsbildes bei dem Aspekt angekommen, der auch heute die zentrale Kompetenz seines Berufsstandes ausmacht.

Beauftragt von Verlagen müssen Werner Wolff und sein Team deren Layout- und Budgetvorstellungen einhalten und sich gleichzeitig mit teils eigenwilligen ästhetischen Vorstellungen der Komponistinnen und Komponisten bezüglich des Notenbildes auseinandersetzen, während das Berufsethos gebietet, sich mindestens ebenso für die Belange der Musizierenden in puncto Spielbarkeit zu verwenden. Schließlich soll nicht zu viel Zeit bei ohnehin knapp bemessenen und kostenintensiven Orchesterproben verloren gehen. Zielkonflikte zwischen sorgfältigem Arbeiten und fristgerechter Fertigstellung sind zudem bei Uraufführungen oft vorprogrammiert. Dieses komplizierte kommunikative Geflecht verschiedener Interessen ergibt den Stoff für Geschichten und Anekdoten, die man sich in der Branche gegenseitig erzählen könnte.

Wenn man denn mehr miteinander sprechen würde ... Denn laut Werner Wolff ist die Branche geprägt von Einzelkämpfern, die nicht viel voneinander wissen – Quereinsteiger seien aufgrund des nicht vorhandenen formalen Ausbildungsweges sowieso alle. Eine Firma der Größenordnung von Notengrafik Berlin, in der je nach Projekt Teams aus den angestellten Mitarbeitern und Freelancern beschäftigt sind, ist die Ausnahme „Wir haben ein Netzwerk von 25 bis 35 Leuten, die teils Spezialisten für besondere Probleme sind. Das Tolle in Berlin ist, dass man eben auch die in Sanskrit bewanderte indische Harfenisten oder den koreanischen Flötisten hier findet, wenn erforderlich.“ Bemühungen, die Berufsgruppe stärker zu vernetzen und zu professionalisieren, um gemeinsame Standards zu erarbeiten, werden von dem insgesamt zu kleinen Markt und den Interessen der Auftraggeber erschwert. Auch Anfragen an den Deutschen Musikrat, statistische Daten der Branche zu erfassen, wurden noch nicht berücksichtigt. Im Bereich der musikalischen Ausbildung sieht er ebenfalls Nachholbedarf: „Ich weiß nicht, warum in der Ausbildung von Komponisten, wenn überhaupt, Notation nur als Software-Schulung vorkommt.“, bemängelt er.

Zumindest wir als Team von Karsten Witt Musik Management wissen dagegen endlich viel besser, welche Produkte jahrelang in unserer unmittelbaren Nähe entstanden. Und da auch das Aufführungsmaterial für die Werke einiger von uns vertretener Komponisten bei Notengrafik Berlin erstellt wird – ein Beispiel ist Philippe Manourys monumentales Raumwerke-Triptychon für das Gürzenich-Orchester, dessen abschließender Teil 2019 zur Uraufführung kommt – arbeiten wir hin und wieder an völlig unterschiedlichen Enden auf das gleiche Ziel hin.

Nina Rohlfs, November 2018

Bas Wiegers – Vielfalt und Eigenheit

CR Marco Borggreve

Mit Beginn der Konzertsaison 2018/2019 übernimmt Bas Wiegers als Nachfolger von Sylvain Cambreling die Position des ersten Gastdirigenten des Klangforum Wien. Für die Agenda 2018/19 des Ensembles äußerte sich der Dirigent in einem ausführlichen Essay mit dem Titel „Einige Überlegungen zum Thema Vielfalt und Eigenheit“. Mit freundlicher Genehmigung des Klangforum Wien veröffentlichen wir eine gekürzte Fassung des Textes, der im Blog des Klangforums in ganzer Länge nachzulesen ist.  

Sich auf „Gegenwärtiges“ zu konzentrieren, bedeutet, sich permanent zu verändern. Das „Jetzt“ ist immer anders, stets im Fluss. Vor vierzig bis vor etwa zwanzig Jahren waren Komponisten und ihr unmittelbarer Freundeskreis die treibenden Kräfte hinter der Gründung von Ensembles für Neue Musik, weil sie das Gefühl hatten, dass sie für ihre Musik anders gearteter Organismen und Konstellationen bedurften. Natürlich schreiben junge Komponisten heute eine andere Musik als ihre Kollegen in den 70er und 80er Jahren. Die neue Generation an Zuhörern hat eine andere Erwartungshaltung als jene der letzten Dekaden. Ihre musikalischen Erfahrungen bedürfen eines anderen Mediums.

Das ist alles ganz einleuchtend, aber war bedeutet es für die etablierten Ensembles für Neue Musik? Vor Jahrzehnten gegründet, haben sie sich im Lauf der Zeit perfektioniert und institutionalisiert; und nun besteht die Gefahr, dass sie altern und aufhören, „zeitgenössisch“ zu sein. Wie ihre Vorgänger, die Symphonieorchester, werden sie zu spezialisierten Ensembles für die Musik anderer Generationen. Also müssen die Ensembles (und Orchester!) ihre Dringlichkeit, ihre Notwendigkeit ständig neu unter Beweis stellen; andernfalls verlieren sie früher oder später ihre Relevanz. Und Ensembles laufen – mehr noch als Symphonieorchester und Opernhäuser – Gefahr, von einer gedankenlosen Politik ohne große Umschweife abgeschafft zu werden, wie es meine niederländische Heimat in den letzten zwei Jahren auf so bedauerliche Weise vorgemacht hat.

Das bedeutet nicht, dass Ensembles sich ihres Repertoires und ihres Wissens entledigen sollen, die sie in all den Jahren ihrer Existenz angesammelt haben – ganz im Gegenteil. Die interessanteste und brauchbarste Option dürfte eine Mischform sein: die Musiker geben dem Publikum nach wie vor die Möglichkeit, Live-Musik aus der näheren und ferneren Vergangenheit zu hören, während sie gleichzeitig neugierig bleiben auf die neuesten Entwicklungen in der Musik und so deren unmittelbare Zukunft mitgestalten. Für mich lauten die zentralen Begriffe, auf die wir uns konzentrieren müssen: Vielfalt und Eigenheit.

Egal, ob es um Rasse geht, um Gender, Einkommen, sexuelle Orientierung, Ernährung oder Kunst: die heutige Welt wird offensichtlich von der Idee der Vielfalt bestimmt. Wenn wir die Welt, die uns umgibt, darstellen und mit ihr kommunizieren wollen, ist Vielfalt in der Programmation, in der Art der Kommunikation, in unserem künstlerischen Schaffen von zentraler Bedeutung. Es gibt Musik, die der fokussierten Konzentration des tiefen Hinhörens bedarf, oder einer nahezu wissenschaftlichen Aufmerksamkeit; manche Arten von Musik benötigen ein informelles Setting und wieder andere sind auf eine theatralische Präsentation angewiesen, um ihr volles Potential zu entfalten. Es ist ganz wichtig für Musiker, Ensembles und Programmgestalter, die Position eines Kurators einzunehmen: Wir lieben das; wir finden, dass es außergewöhnlich ist und wir möchten den Beweis dafür antreten. Das ist wichtig, weil wir uns sonst in dieser enormen Vielfalt verlieren. Jemand muss Entscheidungen treffen, die Notwendigkeit fühlen, sie zu teilen und einen Kontext für das Publikum erschaffen, in dem sie gemeinschaftlich erlebt werden können.

Ab dem Zeitpunkt, an dem Musik niedergeschrieben wurde, war der Komponist immer zugleich auch aufführender Musiker. Im Laufe der Zeit gab es Veränderungen; für eine Weile galt der Komponist als künstlerisches Genie, der seine Partitur an den Musiker weiterreicht, der treulich spielt, was da geschrieben steht. Heute ist die Vorstellung von einem Komponisten-Genie nur eine von vielen Möglichkeiten, Neue Musik zu schreiben. Es gibt interessante Komponisten, die einen traditionellen musikalischen Hintergrund haben – aber auch solche, die von der Improvisation herkommen, aus der Filmmusik oder selbst von der bildenden oder der Konzeptkunst und nicht von der Musik. Auf der einen Seite gibt es immer noch Komponisten, die eine komplett durchdachte Partitur abliefern; andererseits gibt es Komponisten, die kaum Noten lesen können und deren Werke einer fantasievollen Interpretation bedürfen, um ihre musikalischen Ideen zum Leben zu erwecken.

Möchten wir dieses gesamte Spektrum aufführen? Und sind wir dazu in der Lage? Eine Sache ist klar: wenn wir ausschließlich Musik von hoher technischer Qualität der Instrumentierung spielen, wie beispielsweise Stücke in der Nachfolge von Ravel und Lachenmann, lassen wir uns eine ganze Menge an anderen Formen des Musizierens entgehen. Die Musiker-Interpreten versäumen dabei vor allem auch, sich Fertigkeiten auf einer mehr co-kompositorischen, co-kreativen Ebene anzueignen. Aber dies bedarf einer anderen Einstellung, eines anderen Arbeitsprozesses und einer anderen Art von Verantwortung sowohl seitens des Komponisten als auch des Musiker-Interpreten.

Die Ensembles, die in den 70er und 80er Jahren entstanden, wurden aus einem Bedürfnis nach neuen musikalischen und künstlerischen Richtungen heraus geboren. Aber seltsamer Weise haben sie – trotz der damals schon omnipräsenten Popkultur – am traditionellen Bühnenkonzept festgehalten, sowohl, was die Dramaturgie des Konzertereignisses, als auch das Benehmen der Musiker auf der Bühne betrifft.

Die Dramaturgie wird nun zusehends differenzierter. Ein Konzert im Format: Ouverture – Solo-Stück – Symphonie (eine romantische Formel, die auch in viele Konzerte mit zeitgenössischer Musik Eingang gefunden hat), stellt nur eine von vielen Möglichkeiten dar. Eine andere ist es, das Programm in Form eines Bogens zu konzipieren und das Publikum ohne Unterbrechung von einer Erfahrung zur nächsten zu führen. Das hat eine komplett andere Art von Konzentration und Aussage zur Folge. Wiederum gilt es, zu unterscheiden: nicht jede Art von Musik ist für die eine oder andere Herangehensweise geeignet. Eine ganzheitlichere Dramaturgie wird sogar Vorstellungen bezüglich Licht, Klang oder Bühnenbild in den Prozess einbinden. Sich mit anderen Kunstformen zu verbinden, wird nicht nur unsere eigenen Ideen in Bezug auf eine mögliche Aufführungsgestaltung bereichern, es wird auch Publikumsschichten die Tore öffnen, die sich für diese anderen Kunstbereiche interessierten, nicht nur für die Musik.

Im Rahmen von Musikaufführungen über Bühnenpräsenz zu sprechen, bedeutet nicht, dem Musiker zusätzliche Interpretations-Kriterien aufzubürden. Es gilt nur anzuerkennen, was immer schon Bestandteil unserer Kunst war, jedoch oft übersehen oder für selbstverständlich genommen wird. Ein Symphonieorchester im Frack ist Theater. Vielleicht ein sehr formalisiertes, einheitliches Spektakel, aber gleichwohl Theater. Wir sind niemals anonym; alles wird gesehen, registriert, ist Teil der Erfahrung des Publikums. Das heißt nicht, dass wir auf der Bühne alle modisch gekleidet und instagrammbar sein müssen. Unterschiedliche Situationen erfordern unterschiedliche visuelle Botschaften, aber auch unterschiedliche Verhaltensweisen. Sind wir auf der Bühne entspannt oder sehr konzentriert? Gibt es eine Distanz zwischen Interpret und Publikum oder versuchen wir, diesen Abstand so gering wie möglich zu halten?

Das Publikum direkt anzusprechen gilt immer noch als etwas, dessen “seriöse” Musiker nicht bedürfen und das die Größe der Kunstform schmälert. Ich habe einmal in einem frei zugänglichen Nachmittagskonzert ein sehr komplexes und verstörendes Stück von Birtwistle dirigiert. Das war eine Situation, in der man ein uninformiertes Publikum mit den „herben“ Klängen Neuer Musik sehr leicht hätte abschrecken können. Aber ich liebte das Stück und wollte den Hörern einen Zugang eröffnen, sie in diese Welt einladen – in eine Welt, die ich viele Monate lang erkundet hatte und die sie in 20 Minuten begreifen sollten! Ich musste die Veranstalter immer wieder darum bitten, bevor sie mir gestatteten, einige einfache Worte an das Publikum zu richten. Diese Angst vor Kontaktnahme muss verschwinden.

Wir sollten nie die Kraft einer Live-Aufführung unterschätzen. Ich habe meinen Weg als Dirigent des niederländischen Ricciotti-Ensembles begonnen – einem Studenten-Orchester, das in den wilden, unruhigen 70er Jahren in Amsterdam gegründet wurde, um die Musik dem Volk näherzubringen, frei nach dem sozialistischen Motto: Musik für alle, überall. Das Orchester existiert heute noch; es spielt auf öffentlichen Plätzen, in Spitälern und Schulen. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass ich die meisten Gefängnisse der Niederlande und auch etliche im Ausland von innen kenne. Ich kann mich ganz deutlich daran erinnern, wie ich in einer Haftanstalt für Frauen den zweiten Satz von Schuberts Unvollendeter dirigierte. Die Atmosphäre war angespannt und die Frauen wussten nicht so recht, wie sie sich uns gegenüber verhalten sollten. Aber am Ende der Symphonie hatte die Stimmung sich verändert. Und in der Stille, die auf die Musik folgte, in diesem Augenblick, bevor ich die Spannung löste, seufzte eine Frau direkt hinter mir und sagte leise: „Das ist Leben.“ Ich werde für diesen Moment ewig dankbar sein. Das war einer dieser raren Augenblicke, in dem man eine völlig ehrliche Rückmeldung zu dem erhält, was man gerade auf dieser seltsamen Bühne getan hat. Mir wurde die Kraft einer Gruppe von Menschen bewusst, die sich gemeinsam konzentrieren und denen es gelingt, zusammen mit dem Publikum (ja – wir brauchen dazu auch das Publikum!) etwas zu erschaffen, das tatsächlich, wenn auch für kurze Zeit, das Leben eines Menschen verändert hat.

Die Gegenwart ist sehr aufregend. In der Musik befinden wir uns in einem wahren Ozean an Möglichkeiten und Entwicklungen. Unsere Präsenz auf der Bühne kann zugleich theatralischer und informeller sein als je zuvor. Es ist alles ganz wunderbar verwirrend. Innerhalb dieser vielfältigen Realität liegt die Aufgabe für uns Musiker-Interpreten darin, die ungezählten Möglichkeiten all dieser unterschiedlichen Arten von Musik wahrzunehmen, unsere Vorlieben zu schärfen und die jeweils beste Methode zu finden, für unsere Liebe Zeugnis abzulegen. Komponisten können „monogam“ in ihrer Liebe, in ihrer Auswahl sein. Aber die ausübenden Musiker und Programmgestalter müssen die Vielfalt lieben und flexibel sein. Wir müssen Mittel und Wege finden, mit dieser Komplexität umzugehen und unsere Liebe mit den Zuhörern zu teilen – in der Hoffnung, dass etwas von unserer Verwirrung und unserer Faszination sich auf sie überträgt. Jeder Schritt, den wir in diese Richtung setzen, macht die Welt vollkommener, verständnisvoller, besser.

Bas Wiegers, 2018

Noam Sheriff, 1935 – 2018

Noam Sheriff

Als Komponist, Dirigent und Lehrer sowie als Gründer und musikalischer Leiter mehrerer Orchester hat Noam Sheriff wie kaum ein anderer das Musikleben Israels geprägt. Am 25. August ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. Auf dem Weg zur Beisetzung in Tel Aviv sprach der Dirigent Steven Sloane mit Karsten Witt über seine Erinnerungen an den großen Künstler, der für viele Jahrzehnte der wichtigste Mentor israelischer Dirigenten der nachfolgenden Generationen war.

Karsten Witt: Steven, Du warst Noam Sheriff seit langem eng verbunden. Wann fand Eure erste Begegnung statt?

Steven Sloane: Ich kannte ihn fast vom ersten Moment an, als ich in Israel ankam, das war 1981. Das Konservatorium in Tel Aviv gab mir damals die Chance, einen Jugendchor aufzubauen, und kurze Zeit später wurde ich von der Stadt Tel Aviv mit der Gründung eines Jugendorchesters betraut.  Noam war Direktionsmitglied des Konservatoriums und kam zu meiner allerersten Probe. Von diesem Tag an stand er mir nahe – er war wie ein Mentor für mich, sogar wie ein Vater oder Bruder. Natürlich trifft der Verlust vor allem seine Familie, seine Frau Ella und seine Söhne. Es fühlt sich wie das Ende einer Ära an, für die Noam stand, wenn man bedenkt, was er für die Musikszene bedeutete. Jemanden wie ihn gibt es wirklich kein zweites Mal.

Er wurde 1935 geboren, war bei Gründung des Staates Israel also 13 Jahre alt. Nachdem er in Berlin studiert hatte, kehrte er nach Israel zurück…

Er war Kompositionsschüler von Boris Blacher an der Hochschule der Künste, der heutigen Universität der Künste. Nach seiner Rückkehr formte er, gemeinsam mit Gary Bertini und anderen wichtigen Musikern, das israelische Musikleben der 50er Jahre und der folgenden Jahrzehnte.

Du hast viele seiner Werke häufiger zur Aufführung gebracht, einschließlich großer Werke wie Akeda, Mechaye Hametim (Auferweckung der Toten) oder die Sephardische Passion. Auch wenn man sie nur vom Hören kennt, spürt man gleich, dass es sich um israelische Musik handelt. Kannst Du erklären, was diese Musik so wichtig für Israel macht?

Noam ist, wenn nicht der letzte, so doch einer der letzten Repräsentanten des sogenannten „mediterranen Stils”. Man stelle sich die massenhafte Einwanderung von Juden aus zwei verschiedenen Kulturen, der aschkenasischen und der sephardischen, in den 30er und 40er Jahren und der Nachkriegszeit vor. Ganz bewusst versuchte man damals, eine neue israelische Musik zu schaffen, die auf der Synthese der beiden Traditionen beruhte. Es gibt hier also europäische Instrumente, das Orchester, das der westlichen Tradition entspringt, kombiniert mit Motiven, Tonleitern und Harmonien, die mit der sephardischen Tradition, der arabischen und spanischen Linie, verknüpft sind. Ich denke an Paul Ben-Haim, der Noams Lehrer war, über Mordecai Seter, Ödön Pártos und eine Reihe anderer Komponisten. In vielen Kompositionen von Noam Sheriff hört man diese Suche nach einem neuen israelischen Stil – manchmal auch durch den Gebrauch arabischer Instrumente wie der Oud oder durch Sängerinnen und Sänger, die in Sprachen wie Ladino, Arabisch oder Ivrit singen und in ganz anderen vokalen Stilen, als man sie aus westlichen Kulturen kennt. Aber andererseits ist die Wurzel von Noams Schaffen natürlich seine tiefe Verbindung zur westlichen Musik – er ist ein europäischer Komponist. Er war fasziniert vom frühen 20. Jahrhundert, von Ravel, Debussy, Strawinsky, Mahler, auch Strauss, und das spiegelt sich in seiner Musik. Was sein Werk außerdem ausmacht ist seine absolute Meisterschaft der Orchestrierung, sein Wissen um Farben, sein Verständnis der Möglichkeiten jedes Orchesterinstrumentes – darin übertraf er jeden anderen israelischen Komponisten.

Dieses enorme Wissen teilte er natürlich auch in seiner Arbeit mit Orchestern.

Es war äußerst interessant, ihn am Pult zu erleben – wie gut er Orchestern vermitteln konnte, was Musik bedeutet, vor allem die, an der er gerade arbeitete. Später in seinem Leben wurde es wegen seines schwindenden Augenlichtes immer schwieriger für ihn, zurechtzukommen und an Partituren zu arbeiten. Aber ich erinnere mich gut an das letzte Mal, als er als Gastdirigent nach Bochum kam: Er machte Schönbergs Verklärte Nacht und lernte dafür die ganze Partitur auswendig – jede Note, alle Probenziffern – so dass er, obwohl er kaum noch sah, ohne Einschränkungen dirigieren konnte.

War er in seinen letzten Lebensjahren noch imstande zu komponieren?

Er hatte immer noch Pläne für neue Werke. Noch vor Kurzem schrieb er ein kurzes Stück mit dem Titel Lenny, eine Art Collage, die durchaus humorvoll Leonard Bernsteins Werke in den Blick nimmt. Ich dirigiere das Stück in Bochum und dann in San Diego, in Gedenkkonzerten für Leonard Bernstein, der ein geschätzter Kollege und enger Freund von Noam Sheriff war. Er starb an Leonard Bernsteins 100. Geburtstag.

Vielen Dank für dieses Gespräch – es ist sehr berührend zu hören, was Noam Sheriff für Dich und viele andere bedeutete.

Was mich an Noam immer wieder verblüffte war sein unerschöpflicher Optimismus und seine unendliche Neugier. Selbst neulich noch führten wir eine hitzige Debatte über Mahlers 4. Sinfonie. Er lebte für die Musik, und er war voller Liebe für die Menschen, voller positiver Energien. Sicher war er der wichtigste Lehrer für alle Dirigenten, die Israel hervorgebracht hat. Das verraten auch die Kommentare, die nun in den sozialen Medien zu lesen sind. Ein israelischer Dirigent nach dem anderen würdigt ihn dort ausführlich und beschreibt, wie viel Noam ihm persönlich als Musiker bedeutete. Es gibt ein Wort auf Hebräisch, Nedivut – das bezeichnet jemanden, der bedingslos gibt. Und das war Noam. Noam hat unermüdlich anderen Menschen geholfen, wann immer er konnte.

Interview: Karsten Witt
Übersetzung: Nina Rohlfs
August 2018

Steven Sloane dirigiert Werke von Noam Sheriff:

Lenny
27., 28. und 29.9.2018, 20.00 Uhr
Bochumer Symphoniker
Anneliese Brost Musikforum Ruhr

Lenny
16. und 17.11.2018, 20.00 Uhr
San Diego Symphony
Copley Symphony Hall, San Diego

Mechaye Hametim / Revival of the Dead
9.11.2018, 20.00 Uhr
Konzert für die Nationen, Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht
Symphonieorchester der Universität der Künste Berlin
Konzertsaal der UdK Berlin

Claire Huangci: Mit Rachmaninow im Studio

Claire Huangci: Mit Rachmaninow im Studio

„Ich werde sehr nervös bei Einspielungen (...). Wenn die Schlussaufnahme ansteht und mir bewusst wird, dass dieses Ergebnis jetzt genügen und von Dauer sein soll, beginnen meine Hände sich anzuspannen“, sagt – nein, nicht etwa Claire Huangci, deren Einspielung von Sergei Rachmaninows gesamten Préludes gerade beim Label Berlin Classics erschienen ist. Zu solchen Nerven bekannte sich vielmehr der Komponist selbst, der als einer der größten Pianisten seiner Zeit bedeutende Aufnahmen eigener und fremder Werke schuf und dabei stets ein gewisses Misstrauen  gegenüber der Konservierung seiner Kunst auf Tonträgern – damals sowohl Schallplatte als auch Musikrollen – beibehielt.

Aufregend und herausfordernd ist eine Aufnahme, nun für CD, auch ein knappes Jahrhundert später. Das gilt erst recht für die Préludes, deren Einspielung wahrlich kein Spaziergang für die Finger ist. Einerseits wegen der enormen technischen Herausforderungen und andererseits wegen der unterschiedlichen Popularität der einzelnen Préludes haben bisher erstaunlich wenige Pianisten den gesamten Zyklus vorgelegt. Claire Huangci bestätigt: „Es gibt einige Lieblingsstücke, die jeder spielt und jeder kennt, und diese Handvoll Préludes, die auch von Rachmaninow selbst eingespielt wurden, überschatten den Rest des Zyklus’. Das finde ich unheimlich schade – für mich gibt es kein einziges Prélude, das im Vergleich zu den anderen abfällt. Jedes für sich ist völlig einzigartig, und ich konnte in jedem ein eigenständiges Meisterwerk entdecken“, erklärt sie zur Frage, wodurch Rachmaninows Zyklus für ihre vierte Solo-CD, die im Sommer erscheinen soll, prädestiniert war.

„Ich wähle mein Repertoire stets sehr genau”, erläutert sie weiter. „Meistens sind es Stücke, die ich noch nicht ausführlich in Konzerten gespielt habe und mit denen mich ein persönliches Interesse verbindet. Und ja, ich möchte der Musik meinen eigenen Stempel aufdrücken, etwas finden, das ich aus meiner persönlichen Perspektive anders als andere ausdrücken kann. Einfach schon aus dem Grund, dass mir sehr bewusst ist, wie groß der CD Markt für Klaviermusik inzwischen ist. Nahezu alles ist ja schon vielfach eingespielt worden, also muss man aufpassen, dass man nicht eine CD herausbringt, die als eine von tausenden anderen untergeht.“

Bei ihren bisherigen CDs hat das hervorragend geklappt: Nach der Debüt-CD mit Solowerken von Tschaikowski und Prokofjew legte sie 2015 eine Auswahl aus den 555 Sonaten von Domenico Scarlatti vor. Mit Scarlattis besonderer Position in der Musikgeschichte im Sinn entwickelte sie dafür eine Gliederung, die sich teils an der barocken Suitenform, teils an der klassischen Sonate orientiert – ein Konzept, das musikalisch aufging: Ausgezeichnet wurde die Aufnahme mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik sowie als „Editor’s Choice“ vom Magazin Gramophone. Ihre 2017 erschienene Einspielung der Nocturnes von Chopin wurde ebenfalls hoch gelobt: „Braucht es noch eine Aufnahme von Chopins Nocturnes? Eigentlich nein! Aber wer die brandneue Doppel-CD von Claire Huangci hört, sagt dann doch: Ja!“, urteilte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung.

Aus diesen Erfolgen lässt sich jedoch kein CD-Patentrezept ableiten, und auch die Arbeit im Studio ist immer wieder neu. „Die letzte Aufnahmesession für die Chopin CD fand ich ebenfalls extrem herausfordernd, aber auf eine komplett gegensätzliche Art und Weise als bei den Préludes“, vergleicht die Pianistin. „Die Nocturnes sind physisch nicht so anspruchsvoll; es ging vielmehr darum, für jedes Einzelne die komplette Ruhe zu finden, die perfekte Stimmung, den perfekten Klang, und dabei wegen der langsamen Tempi alles in sehr langen Takes einzuspielen.“

Während Chopins Musik sie zudem schon seit sehr langem begleitet – als junge Künstlerin gewann sie den 1. Preis beim Internationalen Chopin-Wettbewerb in Darmstadt 2009 und beim Chopin-Wettbewerb in Miami 2010 – hat sie sich Rachmaninows Werke erst später erobert. „Für lange Zeit war das einfach zu weit weg, ich konnte die Préludes nicht spielen. Ich habe in meinem Leben alle Chopin und Liszt Etüden gespielt und eine Menge anderer Werke, die alle auf ihre eigene Art und Weise herausfordernd sind. Aber zu erreichen, dass die Préludes für mich funktionieren, war die größte technische und körperliche Herausforderung, der ich bisher begegnet bin.“ Allein schon für die Logistik der Finger muss die zierliche Pianistin tief in die Trickkiste greifen. „Rachmaninow hatte legendär große Hände – er konnte eine Oktave plus eine Quarte greifen, was unglaublich ist – und ich habe extrem kleine Hände. Auch wenn er natürlich nicht exklusiv für seine riesige Fingerspannweite komponiert hat, muss ich oft an der Platzierung der Hände tüfteln und verändern, welche Noten von welcher Hand gespielt werden, um wirklich alles erwischen zu können, was notiert ist. Ich fände es absolut inakzeptabel, einzelne Töne zu verändern oder wegzulassen.“

Neben den im Wortsinn „handfesten“ technischen Fragen hat sich die Pianistin für den Weg zu ihrer Interpretation auf verschiedenen Pfaden in das Universum von Rachmaninows Musik begeben. „Ich habe mir natürlich einige Aufnahmen angehört, aber je tiefer ich in meinen eigenen Lern- und Gestaltungsprozess eintauche, umso mehr halte ich davon Abstand, um nicht zu direkt beeinflusst zu werden. Es gibt eine Handvoll sehr guter Referenzaufnahmen, vor allem von russischen Pianisten und natürlich Rachmaninow selbst. Ich schätze an ihnen verschiedene Aspekte und finde dann zu meiner eigenen Lesart.“ Die Frage, ob sie ihre Entscheidungen bewusst mit dem Ziel trifft, sich von anderen Interpretationen abzusetzen, verneint sie. „Ich muss nicht absichtlich alles ganz anders und neu machen, sondern das passiert von selbst – dadurch, dass ich meine eigenen musikalischen und persönlichen Erfahrungen mitbringe und zum Beispiel nicht diesen russischen Hintergrund habe.“

Bereichernd für ihr Eintauchen in Rachmaninows Denken fand sie auch die Lektüre seiner Lebenserinnerungen, die der Musikwissenschaftler Oskar von Riesemann seinen Gesprächen mit dem Komponisten folgend niederschrieb. Vor allem war es aber ihre Hör- und Spielerfahrung mit anderen Werken Rachmaninows, die als interpretatorischer Kompass dienen konnte: „Ich habe inzwischen all seine Klavierkonzerte aufgeführt. Und obwohl ich seine Solowerke noch nicht viel im Konzert gespielt habe, kenne ich viele recht gut, zum Beispiel die Études-tableaux. Außerdem habe ich die beiden Piano-Suiten mit verschiedenen Freunden vom Blatt gespielt und ich liebe seine Orchestermusik“, zählt sie auf und erläutert: „Rachmaninow verband mit jeder einzelnen Tonart verschiedene Stimmungen und Klangtexturen. Wenn man viele seiner Werke kennt, hört man, wie er zum Beispiel in d-Moll oder h-Moll komponiert – es gibt da vielleicht eine gewisse Atmosphäre, die er in einer Tonart immer heraufbeschwört. Das ist sehr interessant.“

Mit ihrer neuen CD im Gepäck hofft Claire Huangci, Rachmaninows Werke für Klavier Solo bald häufiger im Konzertsaal zu spielen – einen Vorgeschmack davon kann man im Juli bei ihrem Solorezital im Beethoven-Haus Bonn bekommen, wo sie eine Auswahl der Préludes ins Programm integriert. Ihr nächstes CD-Projekt soll dann wieder in eine ganz andere Richtung gehen: Im Januar 2019 nimmt sie eine Kammermusik-CD auf. „Früher, als sehr junge Musikerin, stellte ich mir vor, dass der Erfolg als Pianistin bedeutet, immer solistisch zu spielen. Sehr schnell begriff ich, wie falsch ich damit lag“, erklärt sie „In Deutschland hatte ich die Möglichkeit, gleichaltrige Musiker zu finden, Freundschaften zu entwickeln und gemeinsam zu spielen, einfach, weil es Spaß macht. Und ich merkte, wie das gemeinsame Aufführen, Experimentieren, Interpretieren meinen Blick erweitert.“

„Ich gehöre zu den Menschen, die immer Neues entdecken wollen, deshalb beschäftige ich mich so gern mit verschiedenem Repertoire“, führt die Pianistin, die gerade mit dem ersten Preis beim Concours Géza Anda ausgezeichnet wurde, fort. Und so reist sie im Sommer von Kammermusikauftritten zu Solorezitalen, startet mit Orchesterauftritten wieder in die Saison und profitiert dabei – so sehr sie inzwischen als Musikerin erwachsen geworden ist – indirekt ein wenig von ihrem alten „Wunderkind“-Leben: „Ich habe schon früh einen ganzen Berg Repertoire gelernt – wenn ich jetzt etwas Neues mache, habe ich dadurch einfach einen Vorsprung.“

Toshio Hosokawa: Erdbeben. Träume

CR Kaz Ishikawa

Am 1. Juli steht eine Uraufführung auf dem Spielplan der Oper Stuttgart, die im wahrsten Sinne des Wortes erschüttern könnte: Toshio Hosokawas neue Oper Erdbeben. Träume entstand nach Heinrich von Kleists Novelle Das Erdbeben in Chili. Marcel Beyer, Kleist-Preisträger des Jahres 2014 und Büchner-Preisträger 2016, verwandelte die Parabel über eine haltlose Menschheit angesichts bedrohlicher Extremsituationen in ein Libretto, in dem auch die Verführbarkeit der Massen eine wichtige Rolle spielt. Dieser Aspekt inspirierte Toshio Hosokawa zu einer bedeutenden Partie für den neun Mal als „Opernchor des Jahres“ ausgezeichneten Staatsopernchor Stuttgart. Intendant Jossi Wieler, der Toshio Hosokawas Werk mit seinem Regiepartner Sergio Morabito in einem Bühnenbild von Anna Viebrock zur Darstellung bringt, verabschiedet sich mit dieser besonderen Produktion vom Stuttgarter Opernpublikum, ebenso wie der langjährige Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, der am Vorabend seines 70. Geburtstages die Uraufführung dirigiert.

Durch die Ereignisse in Fukushima bekam die Beschäftigung mit dem 1806 entstandenen Text, der sich auf die historische Naturkatastrophe von 1647 bezieht, eine neue Aktualität, die das Produktionsteam zu einer filmisch festgehaltenen Reise in die Sperrzone am Unglücksort veranlasste. Toshio Hosokawa selbst gestaltete als Reaktion auf diese Ereignisse seine 2016 überaus erfolgreich uraufgeführte Oper Stilles Meer, die in dieser Spielzeit erneut in Hamburg zu sehen war.

Schon in früheren Opern wie Hanjo (2004) und Matsukaze (2011) rekurrierte der Komponist häufig auf Stoffe des No-Theaters. Dass er auch für sein neues Werk eine Verbindung zu dieser Tradition sieht, ohne dass diese in der Stuttgarter Inszenierung unbedingt augenfällig werden muss, erklärt Toshio Hosokawa in seinem Text zur Oper.

In No-Theatern gibt ein schmales, brückenartiges Bühnenelement namens Hashigakari, das die Darsteller überqueren, wenn sie die Hauptbühne betreten. Viele No-Stoffe handeln vom Außerordentlichen, von Traumgeschehen. Der Hauptdarsteller (Shite) verkörpert einen Geist und passiert auf dem Weg auf die Bühne diese Brücke. Dort erzählt, singt und tanzt der Shite über das Leid und die Reue, die er oder sie im Leben erfahren hat, und durch den anderen Darsteller, der die Rolle eines Priesters übernimmt und zuhört, kann das tief verwurzelte Trugbild losgelassen werden – der Geist kehrt, wieder über jene Brücke, in die andere Welt zurück.

Diese Grundstruktur des No, bei der eine Figur zwischen der Wirklichkeit und dem Raum außerhalb der Wirklichkeit hin und her pendelt, schwebt mir für die Erfahrung meiner Oper vor. Anders ausgedrückt, durch das Erleben einer in der Sphäre des Außerordentlichen angesiedelten Geschichte, genannt „Oper“, könnte das Publikum eine tiefe Erfahrung machen, die in unserem Alltag in Vergessenheit geraten ist. Musik ist die klangliche Brücke, die diese und jene andere Welt verbindet – Träume und Realität. Musik zu hören könnte bedeuten, den Klangtunnel dieser Brücke zu betreten, und meine Aufgabe als Komponist könnte sein, eine Hashigakari aus Tönen zu schaffen.

Marcel Beyers Libretto zu Erdbeben. Träume basiert auf dem klassischen Meisterwerk Das Erdbeben in Chili von Kleist, in dem es um ein Kind geht, dessen Eltern ermordet wurden. Es wächst bei Stiefeltern auf und begibt sich auf eine Reise, um seine wahren Eltern zu finden. Es fragt sich: „Wo sind meine richtigen Eltern? Wer bin ich?“. Das Libretto lässt die Interpretation zu, dass das Kind unter einer Sprachentwicklungsstörung leidet. Die Oper Erdbeben. Träume ist die klangliche und visuelle Reise des Kindes, die auch ein Initiationsritual darstellt: Das Kind bereitet sich auf das Erwachsensein vor, indem es die Initiation durchlebt. Der Weg ist alles andere als sicher, Gewalt lauert in der Natur (Erdbeben und Tsunami) und in menschlichem Massenverhalten. Auf der anderen Seite gibt es die Liebesgeschichte seiner Eltern, gibt es menschliche Solidarität. Die Reise führt zur erschreckenden, tief im menschlichen Herzen verborgen Bereitschaft zu Massengewalt, zur grausamen Unerbittlichkeit der Natur und gleichzeitig zu deren heilender Kraft und Schönheit.

Meine Kompositionsweise basiert stets darauf, einen bestimmten Klang in seiner ganzen Tiefe wahrzunehmen, sich in diesen Klang hineinzubegeben und seinen inneren Klängen zu lauschen. In meiner Oper kann man die Verwandlung eines dieser inneren Klänge verfolgen. Sein Verlauf hat die Gestalt eines Klangtunnels, der während seiner Veränderung verschiedene kaleidoskopartige Aspekte offenbart. In diesem Tunnel leben Monster, und es gibt Fallgruben aus Stille. Verschiedene Stimmen klingen fort, und der Chor drückt die Welt des kollektiven Unbewussten aus. Ich wünsche mir, dass das Publikum sich mit auf diese klangliche Initiationsreise begibt, in diesen Klangtunnel, gemeinsam mit dem Kind, das nicht sprechen kann – und dass es die Hashigakari des Klanges überquert, wo die Figuren zwischen Träumen und Wirklichkeit pendeln.

Toshio Hosokawa
Übersetzung: Nina Rohlfs

Aufführungstermine:
1.7.2018
, 19.30 Uhr (Uraufführung)
6. und 11.7.2018, 19.00 Uhr
13., 18. und 23.7.2018, 19.30 Uhr
Oper Stuttgart

Neu bei uns: Das Castalian String Quartet

CR Kaupo Kikkas

Herzlichen Glückwunsch Sini Simonen, Daniel Roberts, Charlotte Bonneton und Christopher Graves: Die vier jungen Europäer gewinnen mit ihrem in London beheimateten Castalian String Quartet den ersten Merito String Quartet Award und Valentin Erben Prize, verliehen am 23. April im Wiener Konzerthaus. „Es war beeindruckend, wie klar die Entscheidung für das Castalian String Quartet ausgefallen ist“, betonen die Initiatoren, Wolfgang Habermayer und Valentin Erben. Vor allem das wunderbar ausgewogene instrumentale Können und die überzeugende Interpretation gaben den wesentlichen Ausschlag für die Bewertung der hochkarätig besetzten Jury, die das Quartett über einen längeren Zeitraum ohne Wissen der Musiker in Konzerten beobachtete. Das Castalian String Quartet, das zuvor schon bei Wettbewerben in Lyon, Banff und Hannover überzeugen konnte, stellt sich selbst im Video vor.

Mehr Informationen zum Merito String Quartet Award und Valentin Erben Prize: http://www.meritosit.at/string-quartet-award/

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