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Jeremias Schwarzer über alif::split in the wall

CR Nobuyoshi Kawakami

Das Berliner Festival MaerzMusik präsentiert am 18. März eine Uraufführung, die sich gängigen Kategorien entzieht. Als „musical exhibition space“ überschreiben die Macher des Projektes die Konzertinstallation, an der mit dem Zafraan Ensemble, dem Flötisten Jeremias Schwarzer, dem Konzertdesigner Folkert Uhde, der bildenden Künstlerin Chiharu Shiota, den Komponisten Stefan Goldmann und Samir Odeh-Tamimi und der Stimmkünstlerin Salome Kammer vielfältige künstlerische Kräfte mitarbeiten.

alif::split in the wall ist ein mehrschichtiges Wahrnehmungsexperiment für das Publikum wie die mitwirkenden KünstlerInnen. In der Verbindung von Installation, Performance, Clubatmosphäre und Konzertsituation verwandelt sich die Halle des Radialsystems in einen begehbaren, lebendigen Organismus. Eine Landschaft aus pulsierenden Schläuchen kann durchschritten oder umrundet, auf eigene Faust erkundet und von verschiedenen Perspektiven aus erlebt werden. Dramaturgin Ilka Seifert sprach im Vorfeld mit Jeremias Schwarzer, dem Ideengeber und künstlerischen Leiter von alif.

Sie haben die beteiligten Künstler zusammengebracht, Sie werden die Performance am Abend musikalisch leiten und auch selbst mitspielen, von Ihnen stammt die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt. Wie kam es dazu?

Die Idee entstand zunächst in Kyoto/Japan 2012, wohin ich vom Goethe-Institut für einige Konzerte und einen dreiwöchigen Residenzaufenthalt eingeladen worden war. Stefan Goldmann war in dieser Zeit dort Stipendiat in der Villa Kamogawa. Wir lernten uns dort kennen und sprachen über den Zustand der „Trance“, den viele Besucher bei Club-Events oder Konzerten mit elektronischer Musik suchen: einen Bewusstseinszustand, der sich aus dem „persönlichen“ Bewusstsein heraus in etwas Größeres bzw. Kollektives auflösen will. Mich hat in unseren Gesprächen interessiert, wie ein Profi in diesem Bereich diesen Zustand erzeugt, der ja zunächst einmal sehr verschieden von dem ist, was ein „Klassik-Publikum“ sich von einem Konzerterlebnis erwartet. Leute, die in Clubs gehen, besuchen ja nur selten klassische Konzerte: Ich begann zu überlegen, wie eventuell eine Schnittstelle aussehen könnte zwischen dem, was die Clubbesucher möchten und einer Aufführungssituation für klassische oder „neue“ Musik.

Ein weiterer wichtiger Aspekt kam dazu, als ich mich mit den Installationen von Chiharu Shiota beschäftigte, die eine Wirkung auf mich haben, die mich z.B. auch in einigen installativen Arbeiten von Ai Weiwei fasziniert: Diese Kunstwerke sind in einem sehr lebendigen Sinne „symbolisch“, indem sie über ihre jeweilige spezifische künstlerische Identität hinaus zusätzlich für bestimmte gesellschaftliche, politische Zusammenhänge stehen können und gleichzeitig auch persönliche Erinnerungen und intensive psychische Beteiligung beim Betrachter aus der eigenen ganz individuellen Geschichte heraus hervorrufen können. Das heißt, dass das Kunstwerk auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig wirksam ist: Es regt verschiedene Wahrnehmungs- und Beziehungsebenen an. Beim Betrachten einer solchen Installation, wie etwa „The key in the hand“ von Chiharu Shiota tauchen eine Fülle von persönlichen und kollektiven Erinnerungen auf. Man verbringt Zeit mit dieser Installation und wandert gleichzeitig durch verschiedene Aufmerksamkeits- und Assoziationsebenen.

Es interessierte mich als Arbeitsidee sehr, ein musikalischen Kunstwerk zu entwickeln, das in der Aufführungsform eher Prinzipien der Bildenden Kunst folgt: Eine Aufführung, die man betreten und wieder verlassen und wiederkehren kann, die über einen langen Zeitraum geht und die einlädt, sich immer wieder neu in Beziehung dazu zu begeben.

Was möchten Sie in dieser Anordnung künstlerisch erforschen?

Ich nannte dieses Projekt einmal als Arbeitstitel „a theatre of consciousness“. Es wird verschiedene künstlerische Ebenen geben, die gleichzeitig präsent sind und die unterschiedliche Wahrnehmungsebenen ansprechen. Elektronische Musik, komponierte Instrumentalmusik, die Installation von Chiharu Shiota, die Raumgestaltung und die Performance durch die MusikerInnen des Zafraan Ensemble werden eine Fülle von verschiedenen Eindrücken hervorbringen, die sich immer wieder anders ergänzen und verknüpfen werden. Dieses Zusammenführen der verschiedenen Ebenen – also welche Bilder und Assoziationen entstehen, welchen persönlichen „Pfaden“ man in diesen Wahrnehmungsmöglichkeiten folgt – wird sich aber von Besucher zu Besucher stark unterscheiden. Jede(r) wird ein individuelles Erlebnis haben.

Der Titel alif geht auf eine Sufi-Lehrgeschichte zurück. Was ist das für eine Geschichte und in welcher Form findet sie Eingang in die Installation/Performance?

In dieser Geschichte gibt es einen Schüler, der im Schreibunterricht immer nur einen Buchstaben schreibt, nämlich den ersten Buchstaben des Alphabets, das Alif. Der Lehrer ermuntert ihn, auch die anderen Buchstaben zu üben, aber der Schüler sagt: „Ich hab´s noch nicht!“ und übt weiter das Alif. Die anderen Schüler lernen nach und nach alle Buchstaben des Alphabets – nur dieser eine Schüler schreibt immer nur das Alif. Er verlässt irgendwann die Schule und der Lehrer hat ihn fast vergessen, als es eines Tages an die Tür zum Klassenzimmer klopft: Draußen steht der Schüler. Er sagt: „Ich glaube, jetzt hab ich´s!“ Er geht zur Tafel und malt das Alif mit einem einzigen Strich: Die Tafel und die Wand dahinter zerbersten in zwei Teile.

Diese Geschichte beschreibt das Prinzip der Wiederholung einer essentiellen spirituellen Praktik als Mittel, eine andere Realität zu erreichen. Durch das immer wieder scheinbar gleiche wird ein leerer Raum erschaffen, durch den irgendwann eine völlig andere Realität machtvoll Zugang erlangt. Für mich beschreibt die Geschichte deshalb auch das Phänomen der Auflösung des individuellen Ichs – das Ziel aller spiritueller Übungen – im Hinblick auf zwei Zeitebenen: Zum einen durch die endlose Wiederholung und zum anderen durch das blitzartige Hereinbrechen der „anderen Realität“. Beide haben eine Beziehung zueinander, aber diese Beziehung ist durchaus sehr rätselhaft: Es ist zum einen völlig unklar, ob und wann sich das Phänomen der „Erkenntnis“ oder der „Erleuchtung“ durch die Wiederholung der spirituellen Praktiken einstellen wird. Andererseits ist es dann, wenn es geschieht, so „anders“, dass die gewohnte Realität, wie man sie kannte – und von der ja auch die Bemühung ein Teil war –  zerbricht und diesen Riss, den „split in the wall“ bekommt.

Sie bringen zwei Komponisten zusammen, die mit Musik aus sehr unterschiedlichen Kontexten und Aufführungsbedingungen arbeiten. Mit welchem Ziel?

So unterschiedlich sind die Backgrounds der Komponisten zunächst einmal gar nicht: Stefan Goldmann kennt sich als Sohn des Komponisten Friedrich Goldmann natürlich hervorragend in der Neuen Musik aus, während Samir Odeh-Tamimi seine musikalische Karriere als Keyboarder in arabischen Tanzbands begonnen hat... In diesem Projekt verkörpert Stefan Goldmanns Musik in ihrer Fähigkeit zur Dauer das  Prinzip der Wiederholung. Samir Odeh-Tamimis Musik mit ihrer intensiven, energetisch geballten Klangsprache beschreibt immer einen „Jetzt-Zustand“ und fordert Aufmerksamkeit für den Moment.

Wie wollen Sie die unterschiedlichen Wahrnehmungszustände zwischen Kontinuum und Eklat, zwischen nach innen und nach außen gerichteter Aufmerksamkeit erlebbar machen?

Es wird unterschiedliche Pendelbewegungen geben zwischen „flächigen“ und „kurzphasigeren“ musikalischen Teilen. Diese werden sehr unterschiedlich platziert und formuliert sein. Außerdem ist man ja permanent in Kontakt mit der im Raum sehr präsenten Arbeit von Chiharu Shiota. Es bleibt den Besucherinnen und Besuchern selbst überlassen, ihre eigenen Wahrnehmungsebenen mir diesen Rhythmen in Verbindung zu bringen und die ganz unterschiedlichen Beziehungen, die sich für sie in der von ihnen frei gewählten Aufführungsdauer daraus ergeben werden, als wesentlichen Teil der Aufführung zu begreifen.

Welche Rolle spielt die Dauer, die Ausdehnung der Performance?

Mit unserer geplanten Aufführungsdauer von vier Stunden bewegen wir uns ja bereits weit außerhalb des Üblichen – wenn man von Wagner-Opern einmal absieht. Wir regen also allein dadurch schon an, Stellung zu beziehen: Will man z.B. nur einen Ausschnitt der Aufführung erleben oder das „Ganze“? Es wird schnell deutlich werden, dass sich in der Aufführung immer wieder Dinge bzw. Musik in ähnlicher, aber niemals gleicher Form ereignen. Es wird also kaum möglich sein, den „Überblick“ zu behalten – man wird das Ganze zwangsläufig immer in seiner Reflektion innerhalb der Teile wahrnehmen. Dadurch wird die Wahrnehmung schon per se aktiviert, denn jede(r) wird natürlich den gewählten Zeitabschnitt, in dem er/sie die Aufführung besucht, nach Beziehungen, nach Bedeutungen und nach „Sinn“ abtasten. So werden sich in der Vielfalt des Angebotenen – oder eventuell auch in der scheinbaren streckenweisen Eintönigkeit der Aufführung, die wir als Wahrnehmungsfeld natürlich auch nicht auslassen werden – die ganz persönlichen Bilder bzw. eine „Geschichte“ herstellen, die die Aufführung für jede(n) Einzelne(n) in dem Moment und während dieser Dauer haben wird.

Welche Rolle wird die Improvisation spielen?

Ich würde das Wort „Improvisation“ im herkömmlichen Sinne hier nicht verwenden. Es wird – vor allem im Kontakt mit der elektronischen Musik von Stefan Goldmann – Material der MusikerInnen geben, das im Laufe des Probenprozesses ohne herkömmliche Partitur entwickelt und aufgeführt wird.

Wie sah bzw. sieht der gemeinsame künstlerische Arbeitsprozess aus?

Seit Frühjahr 2015 haben Samir Odeh-Tamimi, Stefan Goldmann und ich einen „jour fixe“, an dem wir uns über die musikalische Konzeption austauschen; außerdem gibt es alle paar Wochen ein Treffen mit Folkert Uhde, Ilka Seifert und mit Chiharu Shiota. So haben sich die Strukturen des Abends bereits ganz organisch mit der Zeit herausgebildet. Die musikalischen Materialien sind nun zum großen Teil fertig;  jetzt werden die Abfolge und die Proportionen ausbalanciert und es beginnt zeitgleich die konkrete Arbeit mit den MusikerInnen, die ja nicht nur im großen Ensemble, sondern auch teilweise solistisch und in kleinen Besetzungen spielen werden. In zwei finalen Probenwochen, je eine im Februar und eine vor der Premiere im März, werden dann die konkreten Gegebenheiten im Raum im Zusammenwirken mit der Elektronik und der Installation von Chiharu Shiota erarbeitet.

Interview: Ilka Seifert

18.03.2016 und 19.03.2016,19.00 – 24.00 Uhr
Berlin, Radialystem V

Weitere Informationen und Tickets

Eliahu Inbal: Im Einklang mit der Partitur

CR ZChrapek

Unsere dreiteilige Interviewserie anlässlich des 80. Geburtstages von Eliahu Inbal schließt mit Erinnerungen des Dirigenten an seine Erfolge mit Platten- und CD-Einspielungen großer Werkzyklen sowie mit Betrachtungen über Orchesterklang und Werkinterpretation.

Neben zahlreichen anderen Schallplatten- und CD-Produktionen ist es insbesondere der Bruckner-Zyklus mit dem hr-Sinfonieorchester, damals noch Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, der Ihnen eine große Aufmerksamkeit verschafft hat und noch heute als legendär gilt. Wie gestaltete sich der Beginn der Zusammenarbeit mit dem Orchester?

Ich fand ein Orchester vor, das viele Möglichkeiten, aber auch Probleme hatte. Insgesamt war die Attitüde, dass man sich nicht in der ersten Reihe sah – und ich wollte sofort in die erste Reihe! Ich musste viele Dinge ändern, und das bedeutete leider auch schmerzliche Einschnitte. Ich war damals sehr enthusiastisch und dachte: Das Orchester macht überhaupt nichts – keine Platten, keine Tournee – das geht nicht. Ich begann mit Plattenaufnahmen. Die großen Zyklen, die wir aufnahmen, waren sehr wichtig für das Orchester, da sie auch international auf Resonanz stießen.

Wie hat sich diese Möglichkeit ergeben?

Noch mit Philips hatte ich Aufnahmen mit dem London Philharmonic und Claudio Arrau gemacht, die ein großer Erfolg waren. Mit Bruckner war es so, dass ich als erster die Erstfassungen der dritten, vierten und achten Sinfonie dirigiert habe, die sonst niemand spielen wollte, weil sie so schwierig sind. Teldec wollte das sofort einspielen, und es wurde eine Gesamtaufnahme daraus. Es folgten viele andere Projekte, darunter die Zyklen von Dvořák und Strawinsky. Denon wurde auf mich aufmerksam, weil ich jedes Mal, wenn ich in Japan zu Besuch war, eine Mahler-Sinfonie dirigierte, mit Riesenerfolg. Sie brachten dann den Mahler-Zyklus mit dem RSO Frankfurt heraus. Ich glaube, es war die erste digitale Gesamtaufnahme, und sie hat sich zigtausendfach verkauft. Später habe ich mit Denon auch die Zyklen von Berlioz und Schostakowitsch, Schumann, Webern und Brahms eingespielt. Das alles, erst die Schallplatten und dann die CDs, hat mich sozusagen auf die Landkarte gebracht. Und das ist mir bis heute geblieben.

Wenn ein Dirigent mit einem Aufnahmeteam aufschlägt und solche großen Einspielungen verwirklichen kann, hat das bestimmt auch einen Einfluss auf sein Verhältnis zum Orchester.  

Ja, aber natürlich. Das hat das Orchester enorm entwickelt, auch die Tourneen, die wir mit diesem Repertoire unternommen haben. Als ich zum Orchester kam, herrschte dort eine Provinzstimmung, und das habe ich geändert. Als ich das hr-Sinfonieorchester verließ, war es international bekannt, und sie bewegen sich bis heute auf sehr hohem Niveau.

Auch Ihren Namen als Dirigent haben die Aufnahmen befördert.

Zweifellos. Ich würde es so ausdrücken: Wenn ein Dirigent zum Orchester kommt, ist er entweder unbekannt, dann hängt alles davon ab, wie er sich in den ersten Minuten präsentiert. Oder er kommt mit einer Geschichte an, er hat einen Namen, dann genießt er schon automatisch mehr Autorität. Davon profitiere ich enorm. Es gibt auch natürliche Autorität oder Ausstrahlung, aber die Tatsache, dass ich durch die Schallplattenaufnahmen als ein besonderer Mahler und Bruckner-Interpret gelte, hilft zweifellos.

Ihre Arbeit mit dem hr-Sinfonieorchester in Frankfurt war ja bei weitem nicht Ihr einziger langjähriger Chefposten. Wie ist es nun für Sie, als Gastdirigent diese Orchester zu leiten, mit denen Sie so eng verbunden sind?

Wenn ich zu einem Orchester zurückkehre, mit dem ich lange gearbeitet habe, ändert sich sofort der Klang, sobald ich vor den Musikern stehe. Sie wissen, was ich damals wollte – das geschieht bei La Fenice, beim Konzerthausorchester Berlin, in Frankfurt, beim Tokyo Metropolitan, bei der Tschechischen Philharmonie. Es ist so, als käme ich zu meiner Familie zurück. Dieser Kontakt bleibt. Und man redet dort vom Inbal-Klang.

Diese Orchester unterscheiden sich ja in ihrem individuellen Klang sehr stark. Haben Sie also einen Inbal-Konzerthausorchester-Klang in Ihrem Kopf und einen Inbal-Fenice-Klang, oder möchten Sie bei allen Orchestern das Gleiche erreichen?

Das ist ein interessanter Aspekt, denn jedes Orchester hat seine Eigenheiten. Dazu komme ich mit meiner Vorstellung. Es gibt einen Inbal-Klang. Der kann aber nicht überall derselbe sein, weil ich zum Beispiel in Tokio das Japanische nicht wegnehmen will. Ich möchte die Qualitäten, die Besonderheiten, den Charakter jedes Orchesters erhalten und davon profitieren – und dazu noch meinen Inbal-Klang verwirklichen, und natürlich meine Interpretation.

Wie kommen Sie zu Ihrer Interpretation –  wie finden Sie Ihren Schlüssel zu einem Werk?

Es gibt dabei Dinge, die leicht zu verstehen sind: Dass man die Partitur analysiert, die Struktur, das ist für alle Dirigenten gleich. Aber dann kommt der spirituelle und emotionale Gehalt. Der Sinn der Musik: was will die Musik erzählen, was will sie bedeuten. Hier kommt die Person Inbal ins Spiel, und ich muss im Einklang mit der Partitur sein. Nehmen wir zum Beispiel die 4. Sinfonie von Bruckner. Die habe ich oft dirigiert, aber jetzt nehme ich die Partitur wieder von neuem und erforsche, was sie mir sagt und was das für mich bedeutet. Jedes Mal treten neue Aspekte hervor, weil die Zeit sich verändert, weil ich mich verändere, weil die Probleme der Welt andere sind. Das findet sich in der Musik wieder. Und natürlich gibt es da nicht richtig und falsch. Das ist individuell, und das macht die Interpretation aus. Ein anderer Dirigent wird etwas anderes in der Musik entdecken. Das ist gut so, sonst wäre es langweilig.

Wir haben indirekt auch über die Orte Ihres Lebens geredet – heute leben Sie in Paris. Das erscheint nicht unbedingt selbstverständlich: Ihre Frau ist Deutsche, Ihre Kinder sind teilweise in Deutschland aufgewachsen.

Das ist vielleicht etwas Sentimentales. Studentenjahre sind sehr wichtig, sehr prägend – damit verbinden sich Liebeserlebnisse und natürlich die Materie selbst, die man studiert hat. Der Wunsch, irgendwann wieder in Paris zu leben, war sehr stark. Ich war lange in Deutschland, bis 1990. Ich wäre danach vielleicht nach Israel zurückgegangen, aber das war nicht im Sinne meiner Frau. Deswegen also Paris.

Sie geben rund um Ihren Geburtstag sehr viele Konzerte. Erfüllen Sie sich oder erfüllen die Orchester Ihnen damit besondere Wünsche?

Ich bin glücklich über meine momentanen Erfahrungen. Dass ich neuen Orchestern begegne, die ich noch nicht kannte, und dass ich immer wieder zurückkehre zu vielen Orchestern, das macht mir Freude. Was ich mir noch wünsche, ist ganz banal: Gesundheit und ein langes Leben –  dass ich noch lange meine Kinder sehen kann, und Enkelkinder...

Das wünschen wir Ihnen auch von Herzen!

Nina Rohlfs 01/2016

Eliahu Inbal – Meine Inspiration und meine Schule

CR Philips (1970)

Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Interviewserie anlässlich des 80. Geburtstags von Eliahu Inbal erinnert sich der Dirigent an seine Lehrjahre in Israel und Europa, in denen er wichtigen Lehrern und Musikerpersönlichkeiten begegnet ist.

Herr Inbal, als junger Dirigent in Israel haben Sie Leonard Bernstein kennengelernt. Wie lief diese Begegnung ab?

Ich war damals Konzertmeister des Sinfonieorchesters der Armee und habe als Assistent des Dirigenten gearbeitet, das war mein Militärdienst. In dieser Rolle hatte man schon von mir gehört, ich hatte einen Ruf als talentierter Junge. Plötzlich bekomme ich einen Anruf vom Israel Philharmonic: Ich soll am nächsten Tag kommen und vor Bernstein dirigieren. Ich hatte Grippe mit Fieber, bin aber trotzdem hingegangen und habe Coriolan dirigiert. Bernstein hat mich zu sich genommen und gesagt: „Aus Dir kann ein großer Dirigent werden. Du musst ins Ausland gehen und studieren!“ Aufgrund seines Empfehlungsbriefes habe ich ein Stipendium erhalten. Bernstein war also extrem wichtig für meine Karriere. Ich kann nicht sagen, was wäre, wenn ich ihm nicht begegnet wäre. Vielleicht hätte ich trotzdem irgendwie meinen Weg als Dirigent gemacht, aber dass ich ins Ausland kam und dort studierte, verdanke ich ihm. Er war für mich auch als Vorbild wichtig: Als Dirigent, der genauso wie Karajan ein Modell für andere war. Zu der Zeit habe ich in Israel außerdem eine Prozession großer Dirigenten erlebt.

Und Sie haben die Proben besucht.

Ja, inoffiziell. Es war nicht erlaubt. Ich bin durch ein Fenster in den Saal geschlüpft und habe mich versteckt. Ein paar Jahre später, als ich selbst das Israel Philharmonic dirigierte, habe ich ihnen das Fenster gezeigt, durch das ich mich immer eingeschlichen hatte. So habe ich Bernstein, Kubelik, Markevitch, Fricsay erlebt, viele große Dirigenten, und große Solisten natürlich. Das war meine Inspiration und meine Schule, denn in den Proben lernt man. Und die noch bessere Schule ist, selbst im Orchester zu spielen. Da merkt man genau, wie es läuft – was wichtig ist, was falsch ist, was effizient ist oder was eher behindert. Ich kam also von der Praxis.

Ich habe gelesen, dass Sie schockiert waren, als sie nach Paris kamen und französische Orchester hörten.

Schockiert ist vielleicht übertrieben, aber sie klangen ganz anders, ohne diese Patina, diese Fülle des Klanges. Ich war eher im wienerischen Klang aufgewachsen. Und wenn ich französische Orchester dirigierte, habe ich schon als Student am Conservatoire versucht, ihnen diesen Klang beizubringen. Orchester sind sehr verschieden, manchmal sogar innerhalb einer Stadt oder eines Landes. Ich bringe ihnen bei, was ich für das Repertoire, das ich dirigiere, brauche. Wenn ich bei einem deutschen Orchester Debussy oder Ravel dirigiere, muss ich andere Dinge verlangen als in Frankreich. Und umgekehrt, wenn ich Bruckner bei französischen Orchestern dirigiere, verlange ich andere Dinge als bei deutschen Orchestern, die mir durch ihre Kultur automatisch einiges mitbringen. Das gilt bis heute.

Die Studentenzeit in Paris war sehr prägend für Sie, besonders durch einige Begegnungen, die sie hatten.

Erst einmal bin ich auch dort zu vielen Proben gegangen und habe interessante Dirigenten erlebt, von denen ich sehr viel gelernt habe. Messiaen hat mir etwas Wichtiges beigebracht: Sein Musikanalysekurs war völlig anders als das, was ich vorher kannte, weil er nicht von der motivischen Struktur ausging, sondern von Farben, von Klangkombinationen. Das war ein anderer Aspekt, eine andere Perspektive. Nadja Boulanger war zu der Zeit vielleicht schon älter als ich heute bin, und sie hat anstatt praktische Übungen zu machen eher über die Philosophie der Musik geredet, über ihre Gedanken und ihre Vorlieben. Richard Strauss zum Beispiel mochte sie nicht, auch Wagner war nicht ihr Fall. Aber sie hat uns unter anderem interessante Sachen über Strawinsky beigebracht. Auch bei Louis Fourestier, meinem Lehrer am Conservatoire, ging es mehr um die Sicht auf die Musik: Was man beachtet, wenn man eine Partitur nimmt, wie man sie wahrnimmt und so organisiert, dass man die Musik dirigieren kann. Dann kam ich nach Siena zu Celibidache, und der war in seiner Art sehr wissenschaftlich. Sogar die Bewegungen sollten bestimmten Prinzipien folgen. Alle machten seine Übungen, die ganze Klasse mit 20 aktiven Studenten und 40 passiven. Das ist natürlich absurd, weil die Dirigierbewegung etwas Persönliches ist. Aber es bringt Disziplin und Struktur, dass man sich in der Bewegung organisieren kann. Auch zur Partituranalyse hatte Celibidache eine ganz dezidierte Meinung. Im Kontrast dazu war mein anderer Dirigierlehrer Franco Ferrara in Hilversum, bei dem ich schon Unterricht hatte, bevor ich zum Konservatorium kam, ganz spontan. Er ging vom Instinkt aus. Wenn er einen Studenten beobachtete, wusste er, was er mitbringt und was ihm fehlt, und er hat mit jedem anders gearbeitet.

Es waren also äußerst verschiedene Lehrer, von denen Sie Ihr Dirigierhandwerk erlernten.

Ja, die beiden Extreme, Ferrara und Celibidache, waren für mich sehr gut. Zusammen mit Fourestier, der eine sehr gute didaktische Methode zum Lernen von Partituren vermittelte, ergab das eine umfassende Ausbildung. Und am nützlichsten war, dass ich immer ein Orchester zur Verfügung hatte. In Hilversum zum Beispiel gab es damals fünf Radioorchester – für jede politische Partei eines. Ein Pianist kann am Klavier üben, ich als Geiger konnte Geige üben, aber was macht ein Dirigent? Man kann vor dem Spiegel meiner Meinung nach nicht üben. Ich habe nie in meinem Leben Bewegungen und Gesten des Dirigierens geübt, sondern ich habe die Partitur genommen und überlegt, was ich erreichen will, und dann kam alles andere von allein. Es muss in der Natur der Dinge liegen, was ein Dirigent mit seinem Körper macht.

Um so aus sich selbst heraus zu dirigieren, müssen aber sicherlich erst viele Voraussetzungen erfüllt sein.

Ich hatte von Anfang an tolle Professoren, von der Grundschule bis hin zum Conservatoire und zu den Klassen von Celibidache und Ferrara. Ich hatte schon Blumenthal in der Grundschule erwähnt, und Josef Tal, Edith Gerson-Kiwi, Abel Ehrlich in Israel – sie alle waren herausragende Lehrer. Solchen Unterricht zu haben war ein Glück ohne Gleichen, denn ich glaube, Professoren können viel bewirken. Ein Lehrer kann dafür sorgen, dass der Schüler eine gute Technik bekommt, und wenn er musikalisches Talent hat, wird er das durch diese Technik auch herausbringen. Andere Lehrer können die interpretatorischen Wurzeln anlegen. Ich habe leider später durch meinen Sohn, der Bratsche studiert hat, beobachtet, dass es auch viele Lehrer gibt, die nichts Vernünftiges beibringen können, die gar keine wirkliche Methode haben.

Haben Sie irgendwann darüber nachgedacht, selbst intensiver zu unterrichten?

Nein, dnn ich betrachte mich noch immer als Schüler. Ich lerne jedes Mal dazu. Vielleicht werde ich mit 90 Jahren sagen: Gut, jetzt weiß ich etwas, jetzt kann ich es weitergeben.

Nina Rohlfs 01/2016

Eliahu Inbal – zwei Jahre jünger als alle anderen

CR Jugendorchester Jerusalem 1950/51 (Eliahu Inbal vorne rechts)

Erster Teil der dreiteiligen Interviewserie anlässlich des 80. Geburtstags von Eliahu Inbal.

Wohl kaum ein Dirigent kann heute auf mehr Erfahrung zurückblicken als Eliahu Inbal: Schon mit Mitte 20 avancierte er zum international gefragten Gastdirigenten, und in den folgenden Jahrzehnten prägte er in der Chefposition das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks Frankfurt, das Orchestra del Teatro la Fenice, das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI, das Konzerthausorchester Berlin, die Tschechische Philharmonie und das Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra.

Dirigate bei diesen eng mit ihm verbundenen Orchestern sind heute fester Bestandteil seiner nach wie vor intensiven Konzerttätigkeit, und so konnten wir Eliahu Inbal einen Monat vor seinem Geburtstag in Berlin treffen, wo er drei Konzerte mit dem Konzerthausorchester leitete. Im ersten Teil unseres Interviews gibt er Auskunft über seine Kindheit und die Anfänge seiner musikalischen Karriere in Palästina und Israel.

Herr Inbal, am 16. Februar werden Sie 80 Jahre alt. Mir ist allerdings zu Ohren gekommen, dass Sie zwei Geburtstage haben. Wie kam es dazu?

Mein offizieller Geburtstag ist der 16. Februar. Eine Bratschistin an der Scala, die auch die Sterne deutete, wollte wissen, wann genau ich geboren wurde, um welche Uhrzeit. Ich habe meine Mutter gefragt, und die sagte: „Oh, das ist leicht, das war am Abend des Schabbat bei Sonnenuntergang.“ Ich habe eine Uhr, mit der ich feststellen kann, welcher Wochentag ein bestimmtes Datum ist. Die Uhr zeigte Sonntag. Da habe ich noch einmal meine Mutter angerufen und gesagt: „Ich bin am Sonntag geboren.“ Und sie sagte: „Nein, am Samstag Abend, aber nach jüdischer Tradition ist nach Sonnenuntergang schon der nächste Tag.“ Deshalb habe ich nun zwei Geburtstage: Der Kalendertag wäre eigentlich der 15., aber die Uhrzeit ist Sonnenuntergang. Mein Onkel, der ein großer Rabbiner war, sagte: „Das ist ein Zeichen, dass er ein spiritueller Mensch wird.“

Ich habe im Vorfeld dieses Gespräches einiges über Sie gelesen, aber ich habe nicht sehr viel über Ihre Herkunft, über Ihre Familie in Erfahrung gebracht.

Meine Eltern kamen aus dem Orient, meine Mutter aus Damaskus, also Syrien, und mein Vater aus Aden, damals britisches Mandat und heute Teil des Jemen. Mein Vater hat in der britischen Administration in Palästina gearbeitet. Ich habe dadurch auch etwas Kontakt zur britischen Kultur bekommen und besitze bis heute einen britischen Passport.

Stimmt es, dass auch Ihr Name eine besondere Geschichte hat?

Ja. Mein ursprünglicher Familienname war Josef. Und da Josef auch ein Vorname ist, gab es immer Verwirrung. Als ich mich definitiv entschieden habe, Dirigent zu werden, habe ich gedacht, ich brauche einen Familiennamen, der kein Vorname ist. Ich habe dann Inbal gewählt. Inbal hat eine Bedeutung: Das ist der Klöppel in der Glocke, und das passt gut zu einem Dirigenten. Ich bin der Klöppel, und das Orchester klingt, nicht ich.

Wie haben Sie Musik für sich entdeckt? War sie in Ihrer Familie von vornherein ein großes Thema?

Ja, absolut, allerdings liturgische Musik, in der Synagoge, im Chor, beim alleine Singen. Die ganze musikalische Seite kam daher. Als ich dann allerdings in der Schule war – und das war sehr viel früher als normal, ich war zwei Jahre jünger als alle anderen in der Klasse – da kam einmal ein Musiklehrer als Ersatz für einen anderen Lehrer. Er hat uns Noten beigebracht, und ich begann zu komponieren; ab da ging es zu weltlicher Musik über.

Wie sind Sie dann zur Violine gekommen?

Ich habe schon im Alter von etwa sieben Jahren mit Hilfe von einem meiner Onkel eine Art Gitarre oder Geige aus Sperrholz und Saiten gebastelt und begann zu spielen. Meine Schwester hat mich daraufhin zum Konservatorium gebracht, dort wurde mein Gehör geprüft und so weiter. Sie haben mir sofort ein Stipendium verschafft und mir auch eine Geige mitgegeben. So begann es.

Die 40er und 50er Jahre in Israel waren ja sowohl politisch als auch musikalisch eine ungeheuer dichte Zeit – allein, wenn man an die Gründungsgeschichte des Israel Philharmonic Orchestra denkt.

Bronislaw Huberman, der große Geiger, wusste im Voraus, was kommen wird. Er ist schon 1932/33 in die großen Orchester in Mitteleuropa gegangen und hat den jüdischen Musikern gesagt, ihr habt keine Zukunft hier, ihr müsst nach Israel. Und so kam es, dass das Palestine Symphony Orchestra, später umbenannt in Israel Philharmonic Orchestra, mit den besten Talenten aus Mitteleuropa gegründet wurde, in meinem Geburtsjahr 1936. Auch die Mitglieder des Radioorchesters von Jerusalem waren, so kann man es heute nennen, Flüchtlinge – Musiker, die vor der Naziherrschaft flohen.

Und die ihre ganze musikalische Tradition von Europa an einen anderen Ort verpflanzt haben.

So ist es. Wie gesagt, ich habe orientalische Eltern, und man mag sich wundern: Wieso habe ich diesen Draht zu Bruckner, zu Mahler? Tatsächlich bin ich aus musikalischem Blickwinkel inmitten der absoluten Fülle mitteleuropäischer Tradition aufgewachsen! Alle meine Lehrer, sei es für Harmonie, Kontrapunkt, Komposition, alle kamen aus Deutschland. Mein Violinlehrer Lorand Fenyves, ein ganz großer Geigenlehrer und Konzertmeister der Palestine Symphony, kam aus Ungarn. Musikanalyse lernte ich von dem großen Komponisten Josef Tal, Kontrapunkt bei Abel Ehrlich. Schon in der Grundschule gab es viele Lehrer, die aus Deutschland kamen, wie mein Englischlehrer Blumenthal, eine ganz große Persönlichkeit. Der hat uns nicht nur Shakespeare beigebracht, sondern die Prinzipien des Lebens.

Sie sagen, das Orientalische ist Ihre familiäre Herkunft. Spielt das denn auch musikalisch eine Rolle bei Ihnen?

Sehr! Das hat mir extreme Sensibilität für Farbe, für Intonation gegeben, und das habe ich natürlich mitgenommen. Wir hatten allerdings auch damals schon dieses wunderschöne Grammophon, das war ein richtiges Möbelstück und es funktionierte noch rein mechanisch, mit einer Feder, die man aufziehen musste. Damit hatte ich meine frühen großen Musikerlebnisse, und mehr noch mit dem Radio. Ich habe jeden Tag, bevor ich zur Schule ging, Kol Israel, den Jerusalemer Sender, gehört. Ich war hingezogen zu dieser westlichen symphonischen Musik, und sie wurde zu meiner Musik.

Der zweite Teil unseres Interviews erscheint an Eliahu Inbals Geburtstag und erzählt von seinen Lehrjahren als junger Dirigent in Israel und Europa.

Nina Rohlfs 01/2016

Samir Odeh-Tamimi: Arabische Apokalypse

CR Thomas Kujawinski

Am 10. März kommt Samir Odeh-Tamimis neue Komposition L’Apocalypse Arabe I beim Klara Festival in Brüssel zur Uraufführung, interpretiert vom Ensemble für Alte Musik B’rock und dem Philharmonischen Chor Wroclaw. Eingebettet in die von Regisseur Pierre Audi entwickelte Musiktheaterfassung von Bachs Johannespassion And You Must Suffer entwickelt das Stück eine eigene musikalische Welt, die sich keineswegs an Bachs Klanglichkeit oder den religiösen Bildern der Passion orientiert.

In Pierre Audis Bühnenfassung der Johannespassion fließen die historische Zeit der Kreuzigung Christi, die Entstehungszeit der Passion und der heutige Blick auf die darin aufgeworfenen Themen zusammen: Mit in historischer Aufführungpraxis versierten Musikern, mit dem Künstler Wim Delvoye und dessen im Bühnenbild benutzte moderne Version der Via Crucis und mit der Einbeziehung neuer Kompositionen (auch Annelies Van Parys hat für das Projekt komponiert) inzeniert der Regisseur eine Betrachtung über Religion und Konflikt, über Leid und Mitleid, über Wahrheit und Identität.

Nachdem Samir Odeh-Tamimi bei ersten Besprechungen zu dem Kompositionsauftrag andere Textideen Pierre Audis mit deutlichem religiösen Bezug verworfen hatte und die Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan ins Spiel brachte, stellte sich heraus, dass beide Künstler eine gemeinsame Faszination für deren dichterisches Werk verbindet. „Ich wusste vorher nicht, dass Pierre Audi Etel Adnan seit 30 Jahren kennt und ihr Werk außerordentlich schätzt. Er reagierte enthusiastisch und gab mir sofort grünes Licht“, erinnert sich der Komponist.

Auch Samir Odeh-Tamimi kennt die Autorin, die 1925 als Tochter einer Griechin und eines Syrers im Libanon aufwuchs, dort eine französische Schule besuchte und später zeitweise in den USA lebte, seit Jahren persönlich. „Ihre Art, Dinge zu schildern, zu formulieren, spricht mich sehr an. Ich finde sie extrem scharfsinnig in ihren Beobachtungen.“ Eines ihrer als Kommentar auf Ereignisse in der arabischen Welt verfassten Gedichte hat er schon 2007 im Auftrag des Festspielhauses Hellerau vertont: Jenin entstand als literarisches Echo auf den israelischen Einfall in das palästinensische Flüchtlingslager. „Die Arabische Apokalypse ist ein Werk, das sie zwischen 1979 und 1980 geschrieben hat – in einem Atem, wie sie sagt“, erklärt er zu dem neuen Projekt. „Es fasziniert mich, wie sie es schafft, in sprachlich abstrakten Bildern diese Apokalypse, damals bezogen auf den libanesischen Bürgerkrieg, zu beschreiben. Die ganze Geschichte des nahen Ostens wird in dem Buch sichtbar, in einer unglaublichen Sprache, die gleichzeitig sehr verständlich ist.“

Besonders die musikalische Kraft der Sprache habe ihn bewogen, sich mit Etel Adnans Werk zu befassen. „Ich mag Texte, die einen Rhythmus und einen Klang in sich tragen. Die kann ich mit meiner Musik durchleuchten“, erklärt Samir Odeh-Tamimi. „In diesem Teil lasse ich die Texte nur sprechen, auf Französisch, der Originalsprache des Buches, und auf Arabisch. Es gibt im Textverlauf hochkomplexe arabische Wörter, die sehr schwer auszusprechen sind. Deswegen habe ich mich entschieden, mit dem Französischen fortzufahren und das Arabische vom Anfang zu wiederholen. Es ist mir quasi eine Collage gelungen aus dem ersten Gedicht und dem Gedicht Nummer 13.“

Angesprochen auf die Bedeutung des Sprachklangs in den verschiedenen Übersetzungen ergänzt der Komponist: „Für die nächsten Teile dieses Werkes, die ich komponieren möchte, werde ich das Gedicht ins Griechische übersetzen lassen. Ich bin sicher, dass das aus klanglicher Sicht ein großer Gewinn sein wird. Das hat auch mit der Dichterin zu tun, die ja eine griechische Mutter hat und diese Sprache selbst spricht.“ Das poetische Verfahren von Etel Adnan sieht Samir Odeh-Tamimi dabei als Reminiszenz an die Mutter-Sprache. „ Was sie sagen will, drückt sie mit ganz einfachen Mitteln aus, die sich immer wiederholen. Dieses Reduzierte ist für mich das Griechische an ihr, das mich persönlich sehr anspricht. So ist auch die Musik von Xenakis entwickelt: Es gibt ein Element, das ständig variiert wird, aber immer seine Eigenheit behält.“

Aus dieser Sicht erscheint es folgerichtig, dass sich Samir Odeh-Tamimis Werk trotz der Einbettung in Bachs Johannespassion aus seinem eigenen Vokabular erwächst. „Ich habe zunächst in meinem Kopf experimentiert, ob ich meine Musik vielleicht aus Elementen von Bach entwickeln kann. Aber ich habe gemerkt, dass mir dies sehr fremd ist. Ich möchte meine eigene Musik schaffen und mir treu bleiben“, erklärt der Komponist. Dies gilt auch auf der textlichen Ebene: „Die Johannespassion ist eine Botschaft der Hoffnung, und ich kann sie als solche verstehen. Aber ich muss nicht aus religiöser Sicht daran glauben. Überhaupt fasziniert mich die Idee der Götter, im alten Babylon oder im Pharaonenreich oder bei den Griechen – wo auch immer. Ich finde auch die Erfindung von dem einem Gott faszinierend. Ich bin ein spiritueller Mensch, aber Spiritualität hat nicht unbedingt mit einer herkömmlichen Religion zu tun.“

Das Prinzip der Hoffnung möchte Samir Odeh-Tamimi durch seine komponierte Apokalypse nicht ausgetilgt sehen. „Ich glaube nicht im religiösen Sinne an die Auferstehung. Meine Hoffnung ist aber, dass ich auf diese Tragödie aufmerksam mache, von der eigentlich ja ohnehin jeder weiß, und auch auf Etel Adnans Poesie. Adonis, der syrische Lyriker, sagt, er glaubt an ihre Arabische Apokalypse insofern dass er der Meinung ist, die arabische Welt sei eine dem Untergang geweihte, eine tote Kultur. Aber das glaube ich nicht. Es wird eine neue Form geben. Der nahe Osten ist voll von Kulturschätzen, man kann überall auf der Welt Spuren davon sehen. Auch das ist meine Hoffnung: Dass der Geist dieser Kultur wiedergeboren wird. Ich weiß, dass es nach dieser Katastrophe auch wieder Blumen geben wird.“

Doch von einer Blumenwiese sind Text und Komposition weit entfernt – Lichtjahre sozusagen. Sie werden für die Besucher der Uraufführung spürbar durch die Schilderungen der gleißenden Sonne, die Etel Adnans literarisches Tableau durchziehen. „Von einem Moment zum nächsten hat diese Sonne immer wieder ein anderes Gesicht“, beschreibt Samir Odeh-Tamimi. „Mal ist sie schön, mal ist sie hässlich, mal ist sie rot, mal sitzt sie in einem Boot, mal ist sie in der Hand von einem Menschen. Das ist sehr stark.“

Nina Rohlfs 03/2016

Pablo Rus Broseta: Graswurzeln und große Werke

CR Nina Reinsdorf Photography

Pablo Rus Brosetas neue Stelle liegt einen Ozean plus einen Kontinent entfernt: Zum Saisonbeginn wird der junge spanische Dirigent als Assistant Conductor beim Seattle Symphony beginnen. Und während er momentan seinen Lebensmittelpunkt in das Zentrum des Pazifischen Nordwesten der USA verlegt, ist schon klar, dass er Kontinent und Ozean oft wird überqueren müssen. Denn auch in Europa möchten ihn immer mehr Orchester, die ihn als herausragenden Nachwuchsdirigenten sowohl für das klassische Repertoire als auch für Zeitgenössisches kennengelernt haben, als Gast auf dem Podium sehen.

„In Seattle werde ich zwei verschiedene Rollen erfüllen“, erklärt Pablo Rus Broseta. „Ich bin in meinem ersten Jahr dort bei allen Orchesterkonzerten als Einspringer eingeteilt, das bedeutet, dass ich das gesamte Repertoire der Saison beherrschen muss. Und außerdem dirigiere ich sämtliche community concerts, also alles, was mit pädagogischen Projekten, mit Angeboten für Familien und Schulen etc. zu tun hat.“

Auf den ersten Teil seines neuen Tätigkeitsfeldes ist Pablo Rus Broseta als einer der beiden ersten Absolventen der International Conducting Academy Berlin bestens vorbereitet. Das letzte Jahr verbrachte er in dem neu entwickelten Postgraduiertenprogramm für junge, schon im Berufsleben stehende Dirigentinnen und Dirigenten zum großen Teil damit, sehr viel Repertoire in sehr kurzer Zeit mit verschiedenen professionellen Orchestern zu erarbeiten – parallel zu seinen regulären Engagements, die ihn beispielsweise zu den Sinfonieorchestern des SWR, des WDR, der BBC und des Spanischen Rundfunks führten. „Das Programm hat mir sehr viel Routine darin vermittelt, mich in kurzer Zeit effizient vorzubereiten“, sagt Pablo Rus Broseta.

Auch sein zweiter neuer Aufgabenbereich ist keineswegs klein, denn wie viele nordamerikanischen Orchester engagiert sich auch das Seattle Symphony aus tiefster Überzeugung dafür, alle gesellschaftlichen Gruppen in der Stadt anzusprechen. „Dieser ‚American way of being an orchestra’ interessiert mich sehr: dass man sich wirklich als eine Institution für die Menschen vor Ort begreift“, sagt der Spanier. Bei den so sogenannten side-by-side-Konzerten wird er zum Beispiel gemeinsame Auftritte des Seattle Symphony mit Orchestern örtlicher Highschools und Universitäten leiten, bei denen sich die Nachwuchsmusiker mit den Profis ein Pult teilen.

Dass diese Auftritte keine lästigen Pflichtaufgaben sondern eine Herzensangelegenheit für ihn sind, erklärt sich aus Pablo Rus Brosetas eigenen musikalischen Anfängen. „Ich komme aus der Nähe von Valencia, und dort gibt es eine riesige Blasorchestertradition. Diese Orchester spielen alle möglichen Sachen – mediterrane Stücke, Klassisches, Modernes“, erläutert er. „Dabei geht es auch um Gemeinschaft, um Geselligkeit. In dem Dorf, aus dem ich komme, spielt fast jeder ein Instrument.“ Pablo Rus Brosetas erstes Studienfach an der Musikhochschule in Valencia war folglich das Saxophon, ehe er in Lyon Komposition studierte und sich in Amsterdam, in Frankfurt bei der Ensemble Modern Akademie und schließlich der ICAB in Berlin zum Dirigenten ausbilden ließ.

„Durch die Jahre im Blasorchester habe ich sehr viel über die Psychologie von Musikern gelernt“, ist Pablo Rus Broseta überzeugt. „Amateurmusiker möchten Freude am Musizieren haben, und als Dirigent muss man dafür sorgen, dass sie diese Freude erleben können. Das kann man auch auf die Arbeit mit professionellen Musikern übertragen. Viele große Dirigenten, zum Beispiel Abbado, sagen ja, dass sie die Arbeit mit Studenten lieben, weil sie so offen sind und so viel Energie mitbringen. Manchmal geht diese Energie in der professionellen Welt leider etwas verloren, aber man kann sie wieder anfachen.“

Nina Rohlfs, 09/2015

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