In Vorbereitung ihres neuen Werkes für Mezzosopran, Ensemble und Elektronik arbeitete Isabel Mundry in den vergangenen Monaten mehrfach am IRCAM. Das Klangforum Wien unter Elena Schwarz und die Sopranistin Hélène Fauchère bringen The I's nach der Uraufführung in Witten am 4. Mai im Wiener Konzerthaus zu Gehör, gefolgt von der französischen Erstaufführung mit dem Ensemble intercontemporain unter Pierre Bleuse am 5. Juni in der Philharmonie de Paris.
In einem ausführlichen Werkkommentar beschreibt Isabel Mundry die Grundzüge ihrer Komposition The I's:
"Ein Spannungsverhältnis durchzieht das Werk: zwischen dem Ich und dem Kollektiv, wobei das eine immer auch im anderen wirkt. Wir alle kennen es, wie Kollektive - vergangene, gegenwärtige oder erahnt zukünftige - uns und unsere Körper bewohnen. Wir kennen ihre Bedrohlichkeit, aber auch ihre mögliche Geborgenheit. Und wir kennen den Schrecken, wenn sich Individuen zu einheitlichen Massen formen, wie auch die Erfahrung von Resonanz, wenn sich innerhalb von Gruppen Vielheit zeigt. Das Stück ist eine Meditation über solche Phänomene. Sie alle gibt es - vermutlich schon immer - auch in der Musik.
Zwei Halbkreise und zwei zentrierte Orte umrahmen das Publikum. Der eine besteht aus einem Ensemble und einer Sängerin auf der Bühne, der andere aus Lautsprechern im Saal und einem hervorgehobenen unter ihnen, als Spiegel der Stimme.
Als Klangquellen für die Elektronik dienen vor allem historische Aufnahmen von Menschenmengen, bei Demonstrationen oder Reden auf öffentlichen Plätzen. Es sind Aufnahmen von Ereignissen, bei denen es um den Ausdruck von Macht einer Gruppe gegenüber einer anderen geht oder umgekehrt um das kollektive Aufbegehren gegenüber der Machtausübung durch andere. Manche Ereignisse sind auch ambivalent, indem das eine später in das andere umgeschlagen ist. Mir ist aufgefallen, wie stark die Lautlichkeit solch historischer Momente im Körpergedächtnis haften bleibt. Und wie unterschiedlich der ‚Sound' von Menschenmengen sein kann, je nachdem, ob es um eine Demonstration von Stärke oder eine Artikulation von Ohnmacht geht.
Meine Musik verwebt sich mit diesen Lautartikulationen, geht auf sie zu oder entfernt sich von ihnen, aus verschiedenen Perspektiven. Sie will nichts ausstellen. Vielmehr durchleuchtet sie, wie solch akustische Spuren hängen bleiben und sich mit meinem inneren Ohr verbinden.
An anderen Stellen im Werk blenden sich Aufnahmen von leeren öffentlichen Räumen ein, drinnen oder draußen: Orte des Stillstands und der möglichen Transition.
Der gesungene Text steht eher neben den Aufnahmen als dass er deren Bedeutung verdoppeln oder kommentieren würde. Er formuliert einen Gegenentwurf: die Vision einer anderen Form des Zusammenkommens. Das macht ihn stark und fragil zugleich. Es sind Worte des marokkanischen Künstlers M'Barek Bouhichichi, artikuliert anhand seiner Werkgruppe The Silent Mirror (2021). Ich habe diesen Text schon einmal in einem anderen Stück verwendet, damals in Fragmenten. Diesmal erklingt er fast vollständig. Es ist ein Ausgraben mit der Zeit.
Ich ahne, dass Visionen oder Utopien nur dort entstehen, wo ein gravierender Mangel oder Erfahrungen von Gewalt gespürt bzw. erlebt werden. Visionen sind auch Konzepte, wie zum Beispiel im Werk von Éduard Glissant, dessen Lektüre mein Schaffen ebenfalls begleitet. Sein Entwurf eines archipelischen Denkens ist den Formulierungen von M'Barek Bouhichichi verwandt.
Meine Komposition entfaltet sich entlang von Wahrnehmungen, die Visionen provozieren."
Isabel Mundry
„Ich lasse mich gerne auf jene schwebenden Orte ein, auf die soziale Zwänge noch keine Auswirkungen haben. Diese Nicht-Orte, an denen die Geschichte sich auflöst und der Blick frei schweifen kann. Wie in einer spanischen Herberge [einem Lokal mit Selbstversorgung], in der alles, was von den einen oder den anderen mitgebracht wird, sozusagen ‚vergemeinschaftet‘ wird, zum Wohl aller. Nur in einem parallelen Kontext, so denke ich, könnte eine Transformation möglich und wiederholbar sein. Und wir werden wissen, wie man von einer Realität in eine andere übergehen kann.“
M'Barek Bouhichichi














































