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Dialektik der Dimensionen – Friedrich Cerhas „Spiegel“

CR Manu Theobald Ernst von Siemens Musikstiftung

Ende August und Anfang September bietet sich in Luzern und Hamburg die Gelegenheit, Friedrich Cerhas eindrucksvollen Spiegel-Zyklus im Konzert mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra unter Matthias Pintscher zu erleben. Konzipiert als eine Art „Welttheater“ über die „Gattung Mensch“ berühren die sieben Teile des Zyklus‘ auf rein musikalische Art das Verhältnis des Einzelnen zur Menge – und damit ein Lebensthema des Komponisten. Anlässlich der 2011 beim Label Kairos erschienenen CD-Aufnahme der Spiegel mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter Sylvain Cambreling äußerten sich Komponistinnen und Komponisten verschiedener Generationen über ihre persönliche Begegnung mit Friedrich Cerhas Zyklus. Wir veröffentlichen die Zitate mit freundlicher Genehmigung von Kairos.

Pierre Boulez (21.12.2009, Paris)
Ich habe Friedrich Cerha immer als eine der wichtigsten Persönlichkeiten seiner Generation betrachtet. Ich habe seine Werke mit viel Interesse verfolgt, wenn ich sie im Laufe ihrer Entstehung lesen oder hören konnte. Es freut mich, dass sie nun auf einem Album erscheinen, das es erlaubt, diese bemerkenswerte Entwicklung zu überblicken. Und ich hoffe, dass man sich auf diese Weise seiner wahrhaften Bedeutung inne wird.

György Kurtàg (26.1.2010, Salzburg)
Friedrich Cerhas Spiegel haben mich tief beeindruckt. Die impulsive Dramatik, die ständigen - manchmal sehr verlangsamten - Gemütsbewegungen ergriffen mich aber derart, dass es mir beinahe entging, das ich schon 80 min Musik hörte. Ich vergaß völlig nachzuhören, wie das entstanden, wie das gemacht ist, ständig sah ich Bilder vor mir, mal große Rothko'sche Flächen, mal Munch-Gemälde, dann auch Turner oder nur wieder seit langem mir vertraute Landschaften, die ineinander übergingen, manchmal unheimlich beleuchtet, dann wieder sich versöhnend. Ich bin dankbar, dass ich dies erleben durfte; Sylvain Cambrelings Aufnahme ist großartig - und wünsche mir die Gelegenheit zu haben, Spiegel einmal auch im Konzert zu hören.

Helmut Lachenmann (02.02.2010, Stuttgart)
Ich habe endlich Cerha's Spiegel-Zyklus - zweimal - gehört! Ja, das sind eindrucksvolle Klanglandschaften, mit souveränem, gleichsam prophetischem Klangsinn komponiert.

Hans Zender (19.02.2010, Freiburg)
Wenn man heute, 50 Jahre zurückblickend, auf die Spiegel des jungen Cerha stößt, so weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: die Meisterschaft in der Handhabung der damals neuen Mittel, das Erscheinen einer deutlich erkennbaren Individualität innerhalb einer Textur, die geeignet wäre, das Individuelle zu nivellieren, oder die spätere Entschlossenheit des Komponisten, die gefundene – schmale – Basis einer kompositorischen Erkennungsmarke so bald wie möglich wieder zu verlassen. Zu verlassen zugunsten einer stilistischen Öffnung zur vollen Weite und Freiheit der vielen Facetten der Moderne, zu einer auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte ganz selbstverständlich einschließenden universalen Haltung eines großen Musikers, dessen Eigenart sich nicht auf die geltenden Formeln unseres Musikbetriebes bringen lässt. Gerade in der Vielfarbigkeit seiner stilistischen Palette verkörpert Cerha in seinem Gesamtwerk den Geist nicht einer doktrinären, sondern einer die Mittel als solche frei nutzenden und immer wieder neu bestimmenden lebendigen Moderne auf einzigartige Weise.

Brian Ferneyhough (02.03.2010, Stanford)
Camera lucida - camera obscura
Früher habe ich immer gedacht, ein maßstabsetzendes Stück Orchestermusik müsste eigentlich mehr Türen schließen als es zu öffnen imstande sei - in diesem Sinne denke ich an z.B. Gruppen oder auch Atmosphères. Was mich insbesondere bei Cerhas Spiegel-Zyklus interessiert hat, war daher in welchem Maße diese stilistisch doch recht disziplinierten Strukturen einen ganz anderen Eindruck vermitteln. Beim Zuhören hat mich sofort die Akribie der Detailfiguration in ihren Bann gezogen, in dem Maße, als die Clusterhaftigkeit der Gesamttextur diese notwendigerweise aus der Nähe vollzogene Wahrnehmung nicht vereitelt, sondern verschärft und vertieft. Schon in Bezug auf die Betitelung des Zyklus hat sich mir ein Vergleich mit dem sogenannten Claude-Glas, jener aus schwarzem Obsidian fabrizierten Spiegelrequisite des bildenden Künstlers des 19.Jhd., aufgedrängt. Dadurch nämlich, dass alles Farbige aus dem im Glas Widergespiegelten gedrängt wird, entsteht der Eindruck einer erhöhten Perspektive: die gewaltige Einschränkung in dem einen Bereich führt unweigerlich zu einer fast „surrealistischen“ Überschärfe sowohl der Gegenstände wie auch der klangräumlichen Verhältnisse, die sie projizieren. So sehe ich die in diesen Kompositionen geborgene Dialektik der Dimensionen.

Georg Friedrich Haas (24.02.2010, Basel)
Friedrich Cerhas virtuos komponiertes Orchesterwerk Spiegel ist ein Meilenstein der Musikgeschichte. Während eineinhalb Stunden entwickelt sich ein Drama aus wechselnden Klangdichten, Dynamik und kontrastierenden Strukturen. Die rationale Kalkulation des Werkes schafft emotionale Sogwirkungen. 1972 – als junger Mann, zu Beginn meines Musikstudiums – konnte ich die Uraufführung des gesamten Zyklus in Graz erleben. Diese Aufführung zählt zu jenen Eindrücken, die mein musikalisches Denken maßgeblich geprägt haben.

Beat Furrer (5.03.2010, Wien)
Ich habe während meiner Studienzeit kaum eine Gelegenheit versäumt, Cerhas Proben und Aufführungen von Baal, Netzwerk, Monumentum oder den Spiegeln, zu besuchen. Seine Konzerte mit der reihe haben mir Tore geöffnet: zur Musik der Wiener Schule, Varèse u. a. Cerha hat mit Haubenstock-Ramati im Musikleben Wiens eine entscheidende Rolle im Prozess jener Öffnung gespielt, die dann Ende der 80er Jahre zur Gründung von Wien Modern geführt hat. Seine Orchester- und Musiktheaterwerke zeugen von einer großartigen Meisterschaft – insbesondere die in den 60er Jahren geschriebenen Spiegel sind wegweisend und radikal was die Entwicklung der Form aus dem Klang selbst betrifft – sie haben bis heute nichts von ihrer Kraft und Frische eingebüßt.

Bernhard Lang (21.12.2009, Wien)
Ich hörte die Spiegel als Musikstudent in den Achtzigerjahren während des Grazer musikprotokolls zum ersten Mal und war davon tief beeindruckt. Ich erinnere mich noch an einen großen, sehr langsam crescendierenden Orchesterklang, der aber in seinem energetischen Zentrum gespiegelt wurde und in ein ebenso langsames Decrescendo mündete. Klang als Fläche, als instrumentales Simulakrum elektronischer Klänge, als Inszenierung von Struktur, das faszinierte an diesen Stücken. Die Programmatik des Spiegels in seiner Mehrdimensionalität verwies auf Webern, aber auch, wie bei Foucaults Diskussion der Hofdamen, auf einen Schritt in Richtung Postmoderne, auf eine Sichtweise des Subjekts als etwas mehrfach gespiegeltes, letztlich Ungreifbares.

Michael Jarrell (24.02.2010, Genf)
Cerhas Spiegel-Zyklus gehört für mich zu den beeindruckendsten Orchesterzyklen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. In seinem Perspektivenreichtum entdecke ich eine große innere Verwandtschaft mit Griseys Les espaces acoustiques. Ein Zyklus von großer Kraft und Eruptivität der in seiner künstlerischen Bedeutung mit Apparitions und Atmosphères vergleichbar ist.

Mark André (30.01.2010, Berlin)
Der Spiegel-Zyklus von Friedrich Cerha ist ein ganz faszinierendes Werk. Schon von Beginn des Werks spürt man einen unvergleichlichen Atem. Die Pulsationen lassen die Struktur des Werks an sich in all ihrer Komplexität entfalten. Die Konsequenz der Komposition erzeugt eine riesige Spannung, deren Kraft sehr direkt auf die Wahrnehmung wirkt. Es geht darum, eine vielschichtige Botschaft zu reflektieren und zu bewundern.

Marcelo Toledo (05.03.2010, Wien)
Manches Mal manifestiert sich das Werk eines Künstlers innerhalb eines Prozesses, der außerhalb des intrinsischen Mechanismus der jeweiligen Kunstform, zum finalen Produkt führt. In diesen Fällen wird uns eine völlig neue Welt präsentiert. Im Spiegel-Zyklus erweckt Cerha den Eindruck, sein monumentales Orchesterwerk nicht auf Basis einer musikalischen Sprache, sondern aus einer, der Tradition der Malerei, Skulptur, Architektur, Geologie oder jedem anderen Gebiet, in dem die visuelle Vorstellung an ihre Grenzen geführt wird, verbundenen Sprache erschaffen zu haben. Die Spiegel sind zeitlich transformierte, fundamentale Klangformen, Texturen, Farben und Klangdichten. Musik, die auf ähnliche Weise in den Raum ragt, wie visuelle Künstler und Architekten Volumen, Texturen, Formen und Proportionen in einer Ebene skizzieren. Die Spiegel sind, auf ihre eigene Art und Weise, der endgültige Ausdruck eines von Varèse bezeichneten organisierten Klanges. Die Tatsache, dass sich Cerha zwei Jahre nach der Entstehung der sieben Spiegel bereits in neue musikalische Welten vorwagte, könnte einen zusätzlich glauben lassen, dass die Existenz dieser Stücke lediglich ein weiterer Aspekt seines Werkes seien. Wir können uns sicher sein, dass diese sieben Stücke jedoch gemeinsam mit Charles Ives’ unvollendeter Universe Symphony, Varèses Arcana, Stravinskys Le sacre du printemps und wenigen anderen Orchesterwerken der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert aus einer Tradition der Utopie der modernen Musik herausragen.

Rebecca Saunders (26.01.2010, Berlin)
Was mich fasziniert, ist die extreme Plastizität, mit Masse und Gewicht des Orchesterklangs umzugehen. Cerha´s Spiegel ist für mich der öffnende Blick auf eine außergewöhnliche Klangwelt. Wir betreten unbekannte Landschaften von visionärer Kraft. Der gesamte Zyklus besitzt in seinem architektonischen Verlauf eine außergewöhnliche Klarheit. Die Aufmerksamkeit des Hörens wird durch eine seltsam, unvergleichliche Qualität gefesselt.

José M. Sánchez-Verdú (24.02.2010, Berlin)
Ein Stern aus der Ferne: Friedrich Cerha
Als Student, in Spanien, war für mich der Name Cerhas wie ein Stern aus der Ferne: viel Glanz, und gleichzeitig sehr weit… Von Cerha als Dirigent hatte ich verschiedenen Aufnahmen mit seinem Ensemble die reihe gehört; das Kammerkonzert von Ligeti bleibt bei mir immer in Verbindung mit seinem Namen. Und gleichzeitig war dieser Name untrennbar mit Alban Berg und Lulu verbunden. Cerha war eine Spiegelung von Wien und seiner Kultur. Und das in vielen Perspektiven. die reihe war für mich eine Referenz von etwas Großem, das dieser Komponist und Dirigent in Wien immer lebendig weiter geleitet hatte. Viel später kam er mir näher, und so habe ich auch einige Kompositionen von ihm kennengelernt und habe endlich mehr über seine Persönlichkeit erfahren, unter anderem als Kompositionslehrer einiger meiner Kollegen, darunter auch ein Spanier. Aber dann war Cerhas Name wie ein Nachbar in meiner eigenen Welt, ein Name der Kultur Österreichs und Europas. Glanz, Bewusstsein, Engagement, Interpretation und Kreativität waren unter diesem Namen Cerha zusammengefasst. Der Stern und sein Schein waren ganz nah. Das Universum der Musik braucht Sterne wie diesen.

Bernhard Gander (15.12.2009, Wien)
... ich hatte das Vergnügen, die Spiegel erst heuer - etwa 50 Jahre nach deren Entstehung - als Gesamtes zu hören. Erschreckend erfrischend wirkt es auf mich. Das Stück erzeugt eine derart klangliche und emotionale Sogwirkung, welche andere Stücke aus dieser Zeit, die mit ähnlichen Materialien arbeiten, nicht imstande sind hervorzubringen. Das ist für mich eine der herausragenden Fähigkeiten von Cerhas Musik, klangliches Material nicht einfach Klang sein zu lassen, sondern es zu formen und sich stets zu Eigen zu machen...

Klaus Lang (04.02.2010, Wien)
Ich habe die Spiegel als Student im Unterricht zum ersten Mal gehört und war total beeindruckt von der Idee von Klangblöcken, sehr skulptural konzipiert, wie Objekte. Ligeti etwa gibt Atmosphères oder Lontano eine poetische Konnotation. Bei Cerha hingegen genieße ich die pure Musik, das Eintauchen in ein reines Klangerlebnis, wobei es nicht darum geht, dass es irgendwo hinführt, in eine finale Botschaft. Cerha verzichtet konsequent auf die Illustration von Stimmungen.

Elena Mendoza (22.12.2009, Berlin)
Ich habe Cerhas Spiegel dank KAIROS kennengelernt und bin sofort begeistert gewesen. Ich frage mich, warum ich diesem Meilenstein der 60er Jahre - Avantgarde nicht schon viel früher begegnet bin, denn er hätte mir viel klarer einen Weg zu meiner eigenen musikalischen Sprache suggerieren können als die kompositionstechnisch vergleichbaren Orchesterwerke von Ligeti und Penderecki (Atmosphères, Threnos...). Bei Cerha ist das neu erfundene Material kein Thema per se, sondern Mittel zum Zweck, um eine dramaturgisch hoch spannende musikalische Erzählung zu gestalten. Cerha spielt phantasievoll mit dem Material, führt es zu ungeahnten Zielen, sucht expressive Wendungen, er ist genauso ein Meister der organischen Übergänge wie der scharfen Kontraste. Von den kompositorischen Verfahren im Zeitgeist der 60er Jahre nimmt er sich, was er braucht, um Klänge für sein musikalischen Diskurs zu gestalten: innen hoch differenziert, in der großformalen Perspektive dramaturgisch überwältigend. Ein Appell an die Sinfonieorchester: Spielt öfter mal diesen lebendigen, jede Minute spannenden Orchesterzyklus! Er bietet eine reale Chance für viele unbedarfte Hörer, Sprachen der Avantgarde zu verstehen und sich zu Eigen zu machen.

Johannes Maria Staud (31.12.2009, Wien)
Cerhas Spiegel-Zyklus, dieser gigantische Steinbruch der Ideen und Texturen, diese Goldmine entfesselter Klanglichkeit und unerhörter Wendungen, dieses Kaleidoskop schillernder Schattierungen und orgiastischer Klangballungen ist ein Werk, dessen Sogwirkung einen nicht mehr loslässt, wenn man einmal in seine Fänge geraten ist. Wie in einem Spinnennetz umkreist Cerha den Hörer mit seinen verführerischen und suggestiven Klängen und entführt ihn in einen architektonisch großzügig dimensionierten, eigengesetzlichen Kosmos, der zweifelsfrei einen Meilenstein in der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt. Was mich heute nach wie vor verblüfft, ist, wie frisch und unverbraucht, visionär und mitreißend diese Musik rund fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung noch immer klingt. Die kompositorische Kompromisslosigkeit und Ökonomie, die Innovation in Notation und Orchestration gehen einher mit einem unglaublichen Reichtum an zarten und irisierenden, sich zusammenballenden und eruptiven, bizarren und unvergesslichen Momenten.

Hèctor Parra (14.01.2010, Barcelona)
Ein intensives Hören des Zyklus Spiegel von Friedrich Cerha führt uns an die Grenzen unserer Wahrnehmung und unseres Verständnisses aller klingenden Gegenstände. Die Masse von Frequenzen enthält sehr oft modale Spektren, die sich in konstanter Evolution zum Chaos befinden. Oder, im Kontrast dazu, in Richtung von Harmonizität und kraftvoller Abstraktion führen. Eine überwältigende Kraft, die Raum und Zeit vereint, als ob sie die physikalische Realität von Einsteins Relativitästheorie wiederspigeln würde. Eine gekrümmte Welt weitet sich ab dem allerersten akustischen Reiz aus: immens, bewegend, majestätisch, voller Mysterium. Cerhas Spiegel erlauben durch ihre tiefe und weitgreifende Natur, wie auch durch ihre klingende Raum-Zeit, die Emergenz und Interaktion unserer damit verbundenen Emotionen im tiefsten architektonischen Sinn unserer Kreativität.

Brad Lubman: Facettenreichtum in Residence

CR Stephanie Berger

Brad Lubmans offizieller Titel beim diesjährigen Grafenegg Festival lautet “nur” Composer-in-Residence. In Wirklichkeit hat man jedoch im Schloss Grafenegg im August die Möglichkeit, den Musiker in seiner ganzen künstlerischen Bandbreite zu erleben:  In der Rolle als Dirigent leitet er das Abschlusskonzert mit dem Tonkünstler-Orchester, bei dem Waltraud Meier Mahlers Rückert-Lieder interpretiert und bei dem Brahms‘ 1. Sinfonie erklingt – und für das der Komponist Brad Lubman sein neues Orchesterwerk Reflections geschaffen hat. Auch die Rolle des Türöffners, die er im Gespräch mit Sarah Laila Standke erwähnt, hat er selbst als Lehrender für eine ganze Generation von Studenten übernommen. In Grafenegg wird er wieder jungen Musikerinnen und Musikern auf ihrem Weg ins Terrain der neuen Musik zur Seite stehen, wenn er den festivalbegleitenden Kompositionsworkshop INK STILL WET leitet.

Insgesamt sind es drei Kompositionen von Brad Lubman, die in Grafenegg zur Aufführung kommen: Seine Grafenegg Fanfare wird das Festival eröffnen, und neben den schon erwähnten Reflections erklingt am letzten Festivaltag im Prélude-Konzert als Einstimmung auf den Orchesterabend sein Ensemblestück Theater of the Imagination.  Eine eher seltene Gelegenheit also, den gebürtigen US-Amerikaner auch als Komponisten kennenzulernen, tritt er doch im Konzertsaal meist am Pult in Erscheinung: Regelmäßig ist er bei den großen Orchestern und wichtigen Solistenensembles in Europa und den USA zu Gast und konzertiert auch mit dem von ihm in New York gegründeten Signal Ensemble. Seine fünf Kompositionsschüler beim Workshop INK STILL WET, die fünf Tage lang mit dem Tonkünstler-Orchester zusammenzuarbeiten können, profitieren von diesen vielschichtigen Perspektiven – und von Brad Lubmans immenser Unterrichtserfahrung, besonders als Professor an der Eastman School of Music in Rochester. 

Das Gespräch mit Sarah Laila Standke, bei dem er vor allem über seine kompositorische Arbeit und seinen Blick auf die Rolle Neuer Musik in den heutigen Konzertprogrammen Auskunft gibt, können Sie in voller Länge unter www.morgen.at nachlesen. Wir veröffentlichen mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des morgen – Niederösterreichische Kulturzeitschrift  eine gekürzte Fassung.

SLS: Wie kam es, dass Sie sich entschieden, hauptberuflich Dirigent zu werden und das Komponieren eher als Nebenbeschäftigung auszuleben?

BL: Ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr genau erinnern, warum das Dirigieren stets die Hauptrolle gespielt hat. Ich hatte immer diesen Antrieb, der durch die Musik kam. Nach dem Studium arbeitete ich zunächst als Schlagzeuger. Dann kam das Dirigieren Neuer Musik bei verschiedenen Ensembles in New York hinzu und plötzlich war ich mitten drin. Gleichzeitig habe ich immer auch komponiert, nebenher sozusagen. Ich sehe mich selbst hauptsächlich als komponierenden Dirigenten, aber das Komponieren ist für mich ein ernsthafter Teil meines Lebens und begleitet mich ständig.

Das heißt, Sie tragen stets musikalische Ideen im Kopf mit sich herum?

Ja. Es wäre interessant zu wissen, woher diese Ideen kommen. Aus dem musikalischen Denken oder aus einem bestimmten Gemütszustand? Häufig entstehen Ideen während Probenphasen, wenn ich die Musik anderer Komponisten höre. Es gab auch eine Phase in der ich daran dachte, mit dem Komponieren aufzuhören, das war Anfang der 1990er Jahre. Mir fiel nichts ein und ich hatte das Gefühl, ich würde nur andere Komponisten, die ich mochte, in meiner Musik imitieren. Zwei Jahre lang komponierte ich daher gar nichts und hörte stattdessen viel Musik von Komponisten, die ich noch nicht kannte. Ich wandte mich Dingen außerhalb der Musik zu, las Werke von John Cage und Samuel Beckett, schaute Kunstfilme an. Und nach dieser Krise hatte ich auf einmal einen unaufhaltsamen Drang, wieder zu komponieren. Anscheinend habe ich ein angeborenes Bedürfnis, etwas zu kreieren.

Was ist das Faszinierende für Sie an Musik?

Als Komponist wurde ich — neben vielen anderen — besonders von Carter, Boulez, Feldman und Reich beeinflusst. In meinen eigenen Werken der letzten Jahre habe ich immer nach einem nicht narrativen Ansatz, einer surrealistischen Form und nach inkongruenten Drehungen und Wendungen gesucht. Allgemein bin sehr interessiert an Struktur und Logik, die man zum Beispiel in den Werken von Bach und Webern, von Boulez und Carter findet, aber auch an Musik, die eine mysteriöse und emotionale Seite hat wie bei Mahler, Schubert und Debussy. Darüber hinaus faszinieren mich Klangfarben, wie man sie in den Werken von sogenannten spektralen Komponisten wie Grisey und Haas hört, obwohl letzterer sich selbst nicht als solchen bezeichnen würde.

Welche Rolle spielt die Neue Musik heute im Allgemeinen in den Konzertsälen und in den Köpfen der Menschen?

Ich denke, dass Neue Musik eine andere Rolle spielen sollte als sie es tut. Für viele ist sie immer noch eine Art Merkwürdigkeit. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden tag ein, tag aus immer nur Thunfischsalat essen. Das wäre doch schrecklich. Dann würden Sie die italienische oder die indische Küche nie kennenlernen. So ähnlich verhält es sich mit der Musik. Das Standardrepertoire ist toll und erhebend, aber wenn Sie nur das kennen würden, wären Sie doch sehr eingeschränkt. Die Rolle der Neuen Musik sollte sein, die Weltoffenheit der Menschen zu bewahren. Denn wenn man offen ist für neue Musik, neue Kunstformen, wird man auch offen gegenüber den Menschen sein, egal aus welchem kulturellen Hintergrund sie stammen. Ich denke, das ist sehr wichtig und das kann uns die Neue Musik lehren. Die meisten Leute sagen bei Neuer Musik zunächst, dass sie sie nicht hören wollen, dass sie fürchten, sie nicht zu verstehen. Aber vielleicht gibt es gar nichts zu verstehen, man muss einfach nur zuhören. Vielleicht werden sie sie lieben, vielleicht hassen. Vielleicht hören sie die gleiche Musik in zehn Jahren noch einmal und mögen sie dann, wer weiß? Es bedeutet allerdings viel Arbeit. In den 1970er Jahren ging es bereits in die richtige Richtung, aber dann hat die Entwicklung einen Rückschritt gemacht. Heute geht es wieder vor allem um Ticketverkäufe und nicht um L’Art pour l’art. Doch es gibt viele junge, neu gegründete Ensembles, besonders in New York, die alle möglichen Arten von Neuer Musik mit großer Begeisterung aufführen. Ich finde, wir müssen die immer gleichen Konzertprogramme, in denen die Neue Musik vergeblich zu finden ist, aufmischen. Auch die Werke, die in Auftrag gegeben werden, bewegen sich häufig in einer Art Sicherheitszone. Es sind fantastische Werke und Komponisten dabei, aber meiner Meinung nach ist es die Aufgabe der Konzertveranstalter, der Interpreten und der Dirigenten, nicht nur diese Musik, die sozusagen etwas hörerfreundlicher ist, anzusetzen, sondern eben auch die ganzen anderen Strömungen.

Wie könnte man das Ihrer Meinung nach ändern? Wie könnte die Neue Musik wieder Einzug in die regulären Konzertprogramme halten? Müssen sich, provokant gefragt, die Komponisten ändern oder muss sich das Publikum ändern?

Das Publikum muss sich ändern, nur wie kann das gehen? Viele Veranstalter versuchen mittlerweile, ein jüngeres Publikum, zum Beispiel Schulkinder, zu erreichen, und sie mit Neuer Musik vertraut zu machen. Das ist ein großer Schritt in die richtige Richtung und dies könnte das Leben eines Acht- oder einer Fünfzehnjährigen komplett auf den Kopf stellen. Der Komponist Steve Reich hat einmal erzählt, wie ihm mit 14 Jahren ein Freund Strawinskys Le Sacre du Printemps, Bachs 5. Brandenburgisches Konzert und etwas von John Coltrane vorgespielt hat. Und Steve Reich sagte, dies sei für ihn gewesen, als hätte ihn jemand durch sein eigenes Haus zu einer Tür geführt, die er zuvor noch nie wahrgenommen hatte und diese für ihn geöffnet. Wie ein Zimmer, das schon immer da gewesen ist, aber das man nie bemerkt hat. Es hat nur jemanden gebraucht, der einen in die richtige Richtung führte.

Warum, glauben Sie, haben manche Leute eine gewisse Scheu vor Neuer Musik?

Ich denke, der Mensch ist grundlegend ängstlich. Es gibt diese Grundzüge des Menschlichen. Die Menschen möchten ein Teil von etwas sein, sie möchten dazugehören. Und wenn dies fehlt, dann sagen sie: Ich möchte nicht in ein Konzert mit klassischer Musik gehen, ich verstehe einfach nicht, was da passiert. Warum haben die Musiker im Orchester diese uralten Anzüge an und was muss ich da überhaupt tun? Dann geht diese Person vielleicht lieber in einen Nachtclub. Vielleicht sollte der klassische Konzertbesucher einmal mit dem im Nachtclub tauschen, um die dortige Energie zu spüren und keine Angst zu haben, etwas Neues zu wagen. Wer weiß, ob wir einen Weg dorthin finden. Ich denke jedoch, dass wir diese Grenzen zunächst überwinden müssen.

Blick durchs Prisma: Mark Andre im Gespräch

CR Katrin Schander

Der Juli startete für den Komponisten Mark Andre mit einer ereignisreichen Woche: Im Rahmen des musica-viva-Wochenendes erhielt er die alle zwei Jahre von der Hans und Gertrud Zender-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Akademie der Künste, musica viva und BR Klassik verliehene Auszeichnung „Happy New Ears“, betitelt nach der bekannten Aufforderung von John Cage zu vorurteilsfreiem Hören. Tags zuvor hatte das Arditti Quartet Miniaturen zur Uraufführung gebracht, ehe am Tag der Preisverleihung die Uraufführung des Orchesterwerkes woher … wohin durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Matthias Pintscher folgte. Im Gespräch mit Jeffrey Arlo Brown spricht der Komponist über Lehrer und Wegbegleiter, über seine deutsch-französische Familie und über die Zerbrechlichkeit als ästhetische Qualität.

Wir veröffentlichen das Gespräch mit freundlicher Genehmigung des VAN Magazins, wo es unmittelbar vor der Preisverleihung erschienen ist.

VAN: Du hast von 1987 bis 1993 am Pariser Konservatorium studiert, unter anderem bei Gérard Grisey. Dies war eine Zeit, in der Pierre Boulez einen besonders großen Einfluss auf die Musik in Frankreich ausübte. Wie hast du sie erlebt?

Mark Andre: Bei Grisey habe ich nur ein Jahr studiert, das war ein bisschen zufällig. Er sprach viel über Scelsi und Ligeti. Er war natürlich extrem gegen andere … sagen wir: „Fraktionen“ (lacht). Es war schwierig, diesen Streit zwischen ihm und Boulez nicht mitzubekommen. Ich hatte großen Respekt vor Pierre Boulez, mit dem ich viel später arbeiten durfte. Ich hatte auch großen Respekt vor den Spektralisten – aber beide waren nicht meine Familie. Ich war mit keiner Fraktion richtig einverstanden. 

War es schwer, jung zu sein und nicht zu wissen, wohin man gehört?

Natürlich. Aber Claude Ballif, mein anderer Lehrer, war großartig für mich. Er hat uns auf Iwan Wyschnegradsky aufmerksam gemacht, mit dem er eng befreundet war. Claude hatte zu Hause Wyschnegradskys Klavier mit den zwei Tastaturen stehen. Er hatte Wyschnegradsky unterstützt, weil der offenbar am Ende seines Lebens in Paris sehr isoliert war. Leider ist Claude jetzt ein bisschen in Vergessenheit geraten, das geht schnell.

Im Anschluss bist du dann zum Studium bei Helmut Lachenmann nach Stuttgart gegangen. Lachenmann redet bekanntlich nicht nur deutsch, sondern ein sehr kompliziertes Deutsch. Konntest du am Anfang überhaupt verstehen, was er gesagt hat?

Er redet ja auch noch im schwäbischen Dialekt (lacht). Aber ich komme aus dem Elsass. Bei uns wurde nicht Französisch geredet, sondern Alemannisch, was geholfen hat. Für mich war es eigentlich eher eine Rückkehr nach Hause. Ich fühlte mich wegen der Sprache und der Kultur in Stuttgart wohler als in Paris. Später auch wegen der persönlichen Nähe zu Helmut Lachenmann.

War er ein strenger Lehrer?

Ihm ging es primär um eine Typologie des Beobachtens: Wie und was beobachtet man? Wann bin ich authentisch? Wo steckt das Potential in dem, was ich mache? In dieser Art war er schon extrem streng. Man wurde dann sehr nachdenklich. Es war eine Herausforderung, eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Was hat sich in deiner Musik dabei verändert?

Es ging in die Richtung, die ich mir wünschte. Vielleicht hatte ich in Paris nicht die Kraft, das allein zu machen. Ein Beispiel: In Paris wurden wir permanent gefragt, „Wie lautet Ihre kompositorische Sprache?“ Ich bemühte mich um eine vernünftige Antwort, aber innerlich dachte ich, „Ich habe keine Sprache. Es geht nicht um eine Sprache in Musik.“ Bei Helmut ging es im Gegenteil um den Atem der Situation. Er hat immer gesagt, „Die Lehre als Leere.“

Du hast deinen Namen von Marc André in Mark Andre umändern lassen. Warum?

Ich komme aus einer deutsch-französischen Familie, unser ursprünglicher Nachname war eigentlich Andress. Wir wurden 1924 umbenannt, weil meine Großeltern damals in Frankreich lebten. Mein Großvater hatte zwei Brüder, die während des Zweiten Weltkrieges gestorben sind. Einer starb in Stalingrad (auf deutscher Seite, d. Red.), der andere im Konzentrationslager mit den Franzosen. Aber beide sind zusammen begraben. Wir sind weder Franzosen noch Deutsche noch Elsässer. Es ist eine fluktuierende, schwebende Identität.

Du wurdest von deinen Großeltern aufgezogen. Inwiefern hat dich das geprägt?

Mich prägte die permanente Nähe zu alten, zerbrechlichen Menschen, die oft krank sind, Medikamente nehmen und Geschichten aus einer anderen Zeit, aus ihrer Kindheit, erzählen. Ich habe gespürt, dass sie durch den Krieg viel über die Schwierigkeit der Identität erfahren haben. Es wurde zwar nicht so viel erzählt – eher tabuisiert – aber es prägte trotzdem stark. Ich komme auch aus einer sehr religiösen Familie, besonders meine Großmutter, was mich ebenfalls sehr geprägt hatte.

Gehst du regelmäßig in die Kirche?

Ja. Ich gehöre einer Gemeinde der Evangelischen Kirche Deutschlands in Friedrichshain an. Als Kind bin ich jeden Sonntag zum Religionsunterricht in die Kirche gegangen. Entscheidend für mich war, dass es dort einen Unterricht über den Heiligen Geist gab. Er gilt zwar für viele Christen als sehr abstrakt, unbegreiflich. Aber für mich war das genau andersrum. Es ist fast so, als ob ich das gespürt hätte, als Präsenz, als Kraft. Irgendwie spürte ich, dass etwas in mir bläst - Wind und Blasen sind das selbe Wort auf Hebräisch. Es ist immer geblieben. 

Das heutige Christentum wird oft auf politische Standpunkte wie Abtreibung reduziert. Wie gehst du damit um?

Danke schön für die Frage. Besonders als Protestant wird man mit den Geboten Moses’ einerseits und der Lehre des Evangeliums anderseits, die an sich sehr komplex ist, konfrontiert. Man muss für sich eine individuelle Entscheidung treffen. Für mich bleibt die Episode der Ehebrecherin sehr wichtig. Jesus gibt diese unglaubliche Aussage: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Und die Menschen werfen keinen Stern [sic] …

Stern! Das ist doch ein schönes Bild!

(Lacht) Stein! Stattdessen fahren sie nach Hause und denken nach. Diese Lehre erlebe ich als kompositorische Lehre, weil das Nachdenken sehr zentral beim Komponieren ist – die Episode beschreibt den kreativen Prozess im Innersten. Für meine Arbeit ist das Verschwinden oder das Entschwinden die zentrale Kategorie. Ich meine das nicht pathetisch oder negativ, sondern intuitiv. Es gibt im Evangelium Episoden, wo Jesus von Nazareth verschwunden ist, immer wenn er erkannt wurde. Beim Komponieren verschwinden Strukturen, Klänge, Zeittypen.

Was meinst du mit „verschwinden“?

Zum Beispiel habe ich neulich ein Stück für Jörg Widmann geschrieben. Wir haben verschiedene Mehrklänge mit doppelten Trillern entwickelt, sehr pianissimo. Das heißt, das Ergebnis wird immer fluktuieren, es wird immer an der Schwelle zum Verschwinden präsentiert.

Bei deinen Stücken hij I und hij II höre ich eine Zerbrechlichkeit. Du hast dieses Wort in Zusammenhang mit deinen Großeltern benutzt. Ist das auch etwas, wonach du in deiner Musik suchst?

Ich glaube, dass die Zerbrechlichkeit ein Raum der Intensität sein kann. Es ist kein Manierismus, kein Ambiente, keine Dramaturgie, sondern das Ergebnis von strukturellen, klanglichen, zeitlichen, organisatorischen Entscheidungen. Es entfalten sich immer Situationen, die zu beobachten sind. Alle Menschen können mit ihren Antennen, ihrer Individualität, beobachten. Ich verehre die Musikwissenschaft, aber man braucht nicht darin zu promovieren, um das zu erleben.

Vor einigen Jahren habe ich mit Freunden ein Stück von dir gehört, die noch nie vorher auf einem Konzert mit zeitgenössischer Musik gewesen waren. Und die Musik hatte eine sehr große Wirkung auf sie.

Das ist mir eine Ehre. Ohne pathetisch sein zu wollen, aber wenn man im Innersten angesprochen und berührt wird, passiert etwas. Aus meiner Perspektive ist das das Ergebnis eines sehr anspruchsvollen Beobachtens. Ich habe großen Respekt davor, wenn man ein Konzert intensiv beobachtet. 

Der Guardian schreibt 2011 in einer Konzertkritik, dass deine Musik noch nicht in Großbritannien oder den USA angekommen sei. Weißt du warum?

Nein, aber ich bedauere es.

Hängt es vielleicht mit der Verortung in einer zentraleuropäischen Tradition zusammen?

Weißt du, ich war mal in Finnland und hatte ein Interview im Radio. Die Journalisten sagten, „Sie gehören zu der Post-Krieg-Traumatisierten-Deutschen-Musik“ (lacht). Man weiß nicht, wie die Menschen das beobachten, aber da war ich ein bisschen überrascht.

Wie sieht dein Kompositionsalltag aus?

Ich arbeite sehr, sehr viel. Mindestens acht Stunden oder bis zur Erschöpfung. Vielleicht klingt es pathetisch, aber das ist mein Leben. Ich sehe alles durch dieses Prisma. Es bestimmt alles. Das ist vielleicht nicht ungefährlich. Es lässt wenig Platz für andere Sachen. Ich arbeite auch in meiner Wohnung. Ich brauche die Nähe zum Rechner, zu den Skizzen, ich brauche ihre Präsenz. Das atmet, es lebt weiter wie ein Organismus. Und vielleicht brauche ich auch diese Gefahr. 

Versehrte Mythen – Jeremias Schwarzer über 'Tre Volti'

CR Sandra Hamm

Die Auftaktproduktion der diesjährigen Schwetzinger SWR Festspiele kombiniert ausgehend von Monteverdis Madrigal Il Combattimento di Tancredi e Clorinda alte und neue Klänge und lauscht gleichzeitig dem Bedeutungsecho uralter Mythen und Symbole im krisenhaften 21. Jahrhundert nach. Konzipiert wurde Tre Volti – Drei Blicke auf Liebe und Krieg von Jeremias Schwarzer, der im Folgenden Auskunft über die vielschichtigen Bedeutungsebenen des Musiktheaterstücks gibt.

Der Ansatz für mein musikalisch-künstlerisches Konzept von Tre Volti war, das Combattimento von Monteverdi als Ausgangspunkt für eine Versuchsanordnung zum Thema „Liebe und Krieg“ zu begreifen und in mehrere Teile zu zerlegen um die verschiedenen Schichten dieses Werkes erfahrbar zu machen. Monteverdi verwendet in diesem Stück musikalische Formeln und Affekte, die er als seine eigene neuartige Erfindung bezeichnet, die uns aber seitdem durch hundertfache Wiederholung vertraut sind und gleichsam unter unserer Wahrnehmungsschwelle durchrutschen: Liebe, Krieg, Battaglia- Effekte, Lamento-Takte: abgehakt, fertig, oft gehört. Rezeptionsmodus: safe, wir sind nicht unmittelbar betroffen von diesem Stück Geschichte.

Aber so vieles ist seltsam an diesem Werk, wenn man genauer hinschaut, dreht und wendet, versucht, an die Rückseite zu kommen. Irritierend ist, wie kurz, nur angetippt die „farbigen“, musikalisch dramatischen Stellen erscheinen angesichts des ausführlichen, hermetischen Erzähltextes, der zumeist mit musikalisch vergleichsweise kargen Mitteln vorgetragen wird. Zum Zeitpunkt des Entstehens des Combattimento waren z.B. L´Orfeo und das Lamento d´Arianna schon längst geschrieben. Was trieb den alternden Komponisten dazu, einen über weite Stellen dermaßen kriegstreiberischen und frauenfeindlichen Text quasi im Stile eines Nachrichtensprechers oder Hauslehrers zu vertonen und im Vorwort zu seinem 8. Madrigalbuch damit anzugeben, er sei der Beste, um die Brutalität des Krieges mit musikalischen Mitteln darstellen zu können?  Wir wissen es nicht – vielleicht gab es im Venedig des frühen 17. Jahrhunderts einfach einen guten „Markt“ für solche brutalen Ritterstories.

Die Darstellung des Themas durch Monteverdi ist jedenfalls dermaßen plakativ und einseitig, dass sie zum Widerspruch geradezu herausfordert: was genau ist da los in diesem Propagandatext, in dem eine sich als gleichberechtigte Kriegerin gebärdende muslimische Frau völlig zu Recht umgebracht werden darf (sie selbst hält es perfiderweise ebenfalls für gerechtfertigt!), wie funktioniert die „Affektmaschine“, die hier zum Bedeutungstransport angeworfen wird, und wie würde als Gegensatz dazu die Geschichte aus dem Blickwinkel der Frau erzählt klingen? Die künstlerische Bearbeitung dieser Fragen bedeutete, Monteverdi zwar respektvoll, aber auch schonungslos zu beleuchten, ihn liebevoll zu ‚entkleiden’ und nicht als historisches Artefakt unangetastet zu lassen. So freigelegt und gleichzeitig in der Begegnung mit einer neuen, heutigen Lesart von Ulrike Draesner und der Klangwelt von Annette Schlünz haben wir eine Versuchsanordnung, die uns eine Tiefenbohrung in die Welt unserer Zeichen, Symbole und Mythen erlaubt.

Die Geschichte des Combattimento ist sehr alt und Stoff vieler Mythen. Es ist die Geschichte von Gegensätzen, die sich bekriegen und gegenseitig auslöschen, weil sie es nicht schaffen zur Harmonie zu finden. Wenn also keine Kultur, kein Ritual entwickelt wird, mit dem die aggressive Energie der Gegensätze akzeptiert und integriert wird, passiert das Fatale und der Mann tötet die Frau, die er am meisten liebt. Eine Geschichte, deren symbolische Wahrheit unmittelbar in unsere Zeit hineinreicht: es lässt sich nicht länger verleugnen, dass wir Formen einer ungefilterten Aggression im zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontext wahrnehmen, durch die die Errungenschaften unserer zivilisierten Welt bedroht werden.

Auf der Ebene von Ulrike Draesner und Annette Schlünz reden wir von einer Drohnenpilotin, die bewegungslos am Computer, also ohne jede physische Bedrohung Menschen tötet und von einem Handyvertreter, der im Nahen Osten ein scheinbar nützliches Kommunikationsinstrument verkauft, dabei aber vollkommen kommunikationsunfähig ist, sich nur über ausprobierte Identitäten erleben kann und dessen Handys durch das Zünden von Sprengsätzen ebenso zu Mordwerkzeugen werden können. Wir reden also auch von Schuldigen, von Schuldigen wie Du und ich.

Draesner/Schlünz reflektieren die ’toxische Umgebung’, in der ein Paar sich innerlich abhandenkommt. Im Verhältnis zu Tasso/Monteverdi versuchen sie eine moderne Symbolik zu finden, die Affekte darstellt – aber eben die versehrten Affekte des 21. Jahrhunderts. Die Chiffren funkeln bei Ulrike Draesner je nachdem, wie man sie dreht. Die sehr genauen, kleinteiligen musikalischen Elemente in der Musik von Annette Schlünz ergeben in dieser Kombination ein Geflecht, eine verdrahtete Fläche, in der Monteverdi wie ein Gemäuer aus verschiedenen Architekturen steht.

Für mich liegt die Aktualität eines künstlerischen Projekts darin, dass man mit Themen umgeht, die eine bestimmte Symbolkraft haben. Die zentralen Symbole einer Kultur benennen und fokussieren etwas substantiell Menschliches, das durch verschiedene Stile, Epochen und Zusammenhänge durcherzählt wird. Ein Symbol ist unmittelbar „lesbar“, erfahrbar, aber nicht unbedingt in Sprache zu bringen – es trägt eine Kraft in sich, mit der man sich verbinden kann. Der von mir sehr verehrte Komponist Rolf Riehm hat dazu einmal einen sehr wichtigen Satz von Alexander Kluge zitiert, der sinngemäß lautet: „In Zeiten der Krise müssen sich die Menschen zusammenfinden und sich die alten Geschichten erzählen“. Das bedeutet, dass die gegenwärtigen Krisen auch vorher schon da waren und dass man sich an die Geschichten erinnern muss, die Lösungsmöglichkeiten aufzeigen.

Katastrophal wird es also, wenn die Menschen die alten Symbole, die alten Geschichten nicht mehr verstehen und keine Anbindung an die ihnen innewohnende Kraft mehr finden. Was aber geschieht mit einer Gesellschaft, mit einer Kultur, wenn sie ihre Mythen vergisst? Da die Moken, das Volk der „Seenomaden“ in Burma aus einer alten Geschichte wussten, dass man weit aufs Meer hinausfahren muss, wenn das Wasser sich vom Strand zurückzieht, überlebten sie als einzige den Tsunami im indischen Ozean – andere Anwohner wollten auf diese alte Geschichte nicht hören und starben. An wie vielen alte Geschichten sind wir bereits vorübergegangen, weil wir ihre Bedeutung nicht mehr lesen können? Letztens erwähnte ich in einem Seminar den Orpheus Mythos. Nur etwas ein Siebtel der anwesenden Musikstudierenden hatte „mal davon gehört“ – von einem zentralen Mythos unserer Geschichte, der einen tiefen psychologischen Initiationsprozess widerspiegelt!

Je weniger wir verstehen, umso mehr stehen wir vor unserer eigenen Kultur wie vor einer verlassenen Stadt, deren Wände mit Hieroglyphen bemalt sind, von denen wir nur wissen, dass sie einmal bedeutsam waren. Vielleicht gibt es irgendwo immer noch ein paar Weise und Sterndeuter, die wir um Rat bitten können. Wir können in der archäologischen Fülle der Chiffren überprüfen, was noch lesbar ist, was noch ahnbar ist, womit wir uns identifizieren können oder was uns in seiner Zeichenhaftigkeit anregt, ohne dass wir wissen können, ob wir „richtig liegen“.

Ich glaube, wenn wir ehrlich sind, ist unsere Sehnsucht nach der Schönheit Alter Musik  der Traum von der Lesbarkeit der alten Chiffren, als unsere Kultur noch einen Sinn hatte, als die alten Symbole unser Leben noch mit Bedeutung versorgen konnten. Daher steckt Tre Volti voller Chiffren, Zeichen, die auf Symbole und Mythen verweisen. Aber die alten Mythen sind verdorrt und man sollte das meines Erachtens nicht verheimlichen, sondern die Mythen in ihrer Versehrtheit zeigen.  Dann werden wir zu bewussten Begleitern dieses ‚Absterbeprozesses’ – wie bei einem geliebten Baum, von dem wir wahrnehmen, dass er in einer toxischen Umgebung leidet. Das heißt, es reicht nicht bei Monteverdi zu sagen, dass es wahnsinnig schöne Musik ist. Man muss gleichzeitig erkennen, dass wir die dargestellten Affekte nicht mehr verstehen und auch, dass z.B. im Combattimento eine kriegstreiberische, frauenfeindliche  und christliche Propaganda proklamiert wird. Wir suchen nicht die Idylle und die Illusion einer künstlerischen Unversehrtheit, und darin liegt vielleicht auch die Radikalität der Idee von Tre Volti.

Was vermittelt sich davon? Wir als Künstler*innen haben die Aufgabe, die jahrhundertealten Flechtwerke in den heutigen Raum hinein aufzufalten, den Setzkasten der vielen Chiffren zu ordnen und mit einer gewissen Portion Humor und Herzensleichtigkeit ihre Lesbarkeit und auch Unlesbarkeit aushalten. Und vielleicht entsteht aus der Gleichzeitigkeit von Zeichen-Fülle und menschlicher Verletzlichkeit ein innerer Raum voller Lebensrisiko, den wir betreten können.

Text: Jeremias Schwarzer

mit Tatjana Beyer

Ist jetzt der Tod tot? - Ligetis 'Grand Macabre' in London und Berlin

CR CoBroerse

Inszeniert von Peter Sellars, besetzt mit einem Staraufgebot an Sängern und umgesetzt mit zwei der weltbesten Orchester: Die halbszenischen Aufführungen von György Ligetis aberwitziger Oper Le Grand Macabre mit dem London Symphony Orchestra respektive den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle haben in London und Berlin zu Begeisterungsstürmen geführt. In unserem Dossier zur Oper haben wir einen Trailer der Produktion, ein Video, in dem Regisseur und Dirigent über ihre Arbeit sprechen, sowie die wichtigsten Pressestimmen zusammengestellt.

Die groteske Parabel auf den Krieg, angereichert mit Elementen aus absurdem Theater, mittelalterlichem Totentanz und wildem Jahrmarktsspektakel und angesiedelt im fiktiven Breughelland, stellt den Tod auf den Kopf. Das 1978 uraufgeführte und 1996 vom Komponisten komplett überarbeitete Werk ist geprägt von grotesker Verfremdung, comicartiger Übertreibung und manieristischem Exzess. Musikalisch zündet die Oper ein Feuerwerk ironisch gebrochener und gleichzeitig äußerst virtuos übersteigerter Bezüge zur Operntradition und zur musikalischen Formensprache verschiedener Jahrhunderte bis hin zur Popkultur.

Le Grand Macabre wurde im Januar und Februar 2017 an der Barbican Hall London und der Berliner Philharmonie in einer halbszenischen Fassung präsentiert, die auf die schauspielerischen Qualitäten der herausragenden Sänger baut und durch Video und Bühnenbild dem Geschehen weitere Ebenen hinzufügt.

PRESSE

Packend: Ligetis Oper wird in dieser Produktion eindrucksvoll aktualisiert. (...) die atemberaubende Virtuosität der Partitur war umso effektvoller angesichts der straffen, disziplinierten Ausführung des LSO unter Rattle.

Evening Standard, Barry Millington, 16.01.2017 (LSO)

Von der auf Autohupen gespielten eröffnenden Toccata, die die Intrada aus Monteverdis Orfeo parodiert, bis hin zur strahlenden Passacaglia, die die Schlussszene trägt: Man hört alles in Ligetis Partitur lebhafter, als man es je in einem Opernhaus könnte, und das LSO spielt verblüffend gut.

The Guardian, Andrew Clements, 16.01.2017 (LSO)

Das Wunder der Partitur besteht ja darin, dass Ligeti hier die kalauernde Trivialität und die höchste Tonkonstruktivität, die pralle Sinnlichkeit und die surrealistische Farce ebenso abenteuerlich wie komplex und gelenkig miteinander verbunden und musikalisiert hat. Emphatischer, präziser als hier ist das vielleicht noch nicht realisiert worden.

Süddeutsche Zeitung, Wolfgang Schreiber, 20.02.2017 (Berliner Philharmoniker)

Das beginnt mit einer Kakophonie von Autohupen, steigert sich zu Explosionen, Exekutionen, Insinuationen, Provokationen, serviert auch Koloratur, Kanon, Choral, Geschrei, Geplärr und Geräusch (...). „Le Grand Macabre“ ist so komplex gebaut und so barock überladen, zugleich so leicht durchhörbar; originell erfunden, geistreich instrumentiert; so tief verwurzelt in den Formenwelten und Klangreden der Tradition, so erfrischend bissig, raffiniert zitatreich, unverschämt ulkig und blutig ernst, dass jede Generation sich einen neuen Reim darauf machen kann. Bis heute ist dieses Meisterwerk nicht aus den Spielplänen verschwunden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Eleonore Büning, 22.02.2017 (Berliner Philharmoniker)

Trailer der Produktion

Gespräch zwischen Peter Sellars und Sir Simon Rattle

Weitere Informationen:

London Symphoy Orchestra - Ligeti Le Grand Macabre

Berliner Philharmoniker - Ligeti Le Grand Macabre

Four & More

CR Alexander Banck-Petersen

Wie so oft unterwegs in Europa, wie meistens mit vorwiegend frisch komponierter amerikanischer Musik im Gepäck, und dieses Mal zusätzlich mit einem zwei Monate alten Säugling (ein Reisebaby, das, wenn Ferneyhough geprobt wird, sofort einschlafe, wie die Eltern versichern): Die Musiker des Mivos Quartet gehen in jeder Lebenslage der Mission nach, aktuelle Musik aus der neuen Welt in den Rest der Welt zu bringen. Auf der jüngsten Konzertreise, die unter anderem zum Stuttgarter Eclat Festival führte, machten die vier Streicher auch in Berlin Station – Anlass für ein Gespräch über transatlantisches Kulturhopping und die befreiende Wirkung neuester Musik.

„Das Publikum in Europa ist oft überrascht, was in Amerika musikalisch passiert, selbst in Neue-Musik-Kreisen“, erklärt Bratscher Victor Lowrie, und Geigerin Olivia De Prato ergänzt: „Ich glaube, dass viele Europäer neue Musik aus Amerika mit Minimalismus, mit Steve Reich und Philipp Glass gleichsetzen. Dabei gibt es definitiv eine Menge junger Komponistinnen und Komponisten, die stilistisch andere Wege beschreiten. Alex Mincek, Kate Soper und Sam Pluta zum Beispiel, die sich im New Yorker Wet Ink Ensemble zusammengeschlossen haben, gehören zu den vielen Komponisten, an die wir glauben und deren Werke wir mit dem Publikum weltweit teilen möchten.“ Als gemeinsames Merkmal bescheinigt Victor Lowrie seinen komponierenden Landsleuten, dass sie sich im Gegensatz zu ihren europäischen Kollegen weniger ideologisch aufgeladene ästhetische Lagerkämpfe liefern. „Es gibt mehr stilistischen Eklektizismus, der zu überraschenden Ergebnissen führen kann“, fasst er zusammen.

Interessant, dass dieser Eklektizismus, das Mischen, Durchdringen, Entgrenzen selbst nicht ortlos und beliebig ist. Denn die geographische Heimat ist wohl tatsächlich der Faktor, der das Quartett am meisten prägt: In Amerika und insbesondere New York passiert auch heute etwas, das – schichtweise, in verschiedenen kulturellen Arbeitsgängen sozusagen – dort immer schon schneller, konzentrierter, radikaler stattfand als anderswo. In das Land sei mit den Wellen von Einwanderern auch Musik immigriert, resultierend in einer besonderen Kompetenz darin „wie das gehen kann, mit den Einflüssen, den persönlichen Prägungen, den musikalischen Gewohnheiten der Leute von überall her.“

Die Schmelztiegelqualitäten ihrer Heimatstadt nutzen dem Quartett dabei nicht nur im Hinblick auf musikalische Einflüsse. Cellistin Mariel Roberts erklärt: „In New York gibt es jede erdenkliche Art traditioneller Kunst- und Musikausübung auf höchstem Niveau, gleichzeitig gesellen sich diejenigen zusammen, die sozusagen die experimentellen Versionen dieser Künste praktizieren. Wir arbeiten also mit Künstlern, die experimentellen Jazz, experimentelle Elektronik, Hip Hop, Klangkunst, Mixed Media machen – alles, was man sich vorstellen kann. All diese Künstler bewegen sich in den gleichen Kreisen, interessieren sich für die Projekte der anderen – ein wirklich anregender Raum für Zusammenarbeit.“ Gerade in diesen Bereichen sei das Kulturleben der USA weit weniger institutionalisiert als in Europa – wohl oder übel auch dies ein Faktor, der besondere Allianzen fördere. „Es ist unser Glück, dass wir mit diesen Menschen aus verschiedenen kreativen Welten zusammenarbeiten und dadurch beispielsweise als Gruppe Improvisation stärker erforscht haben. Für ein Streichquartett ist so etwas aufgrund der Schublade, in die man eigentlich zu passen hat, nicht selbstverständlich“, so Mariel Roberts.

Auch das in Berlin aufgeführte Projekt geht auf solche New Yorker Verbindungen zurück. Atemwende für Streichquartett und Trompete, eine Komposition von Bojan Vuletic aus seinem Zyklus Recomposing Art, haben das Mivos Quartet und Trompeter Nate Wooley schon längere Zeit im Repertoire; auf der Tournee wird es nach einem Konzept der Schauspielerin Britta Shulamit Jakobi mit Texten von Paul Celan und Ingeborg Bachmann verwoben. „Mit Nate arbeiten wir seit vielen Jahren zusammen”, erklärt Victor Lowrie das Zustandekommen des Projektes. „2011 empfahl er uns an Bojan Vuletic weiter, der nun ein künstlerischer Freund des Ensembles ist und uns jährlich zu seinem Asphalt Festival nach Düsseldorf einlädt.”

Ebenfalls mehrfach zu Gast war das Mivos Quartet inzwischen bei den Darmstädter Ferienkursen. Diese Art von Neue-Musik-Biotop empfinden die Musiker als deutlichen Kontrast zur Atmosphäre in New York. „Insbesondere in Darmstadt gibt es eine spezifische Art kritischer Auseinandersetzung. Man ist mit Geschichte, Traditionslinien, der richtigen Form beschäftigt und viel kämpferischer in Bezug auf ästhetische Fragen“, sagt Mariel Roberts. „In den USA muss man sich für ästhetische Entscheidungen nicht derart verteidigen. Vielleicht, weil genau genommen die Geschichte der klassischen Musik gar nicht zur amerikanischen Geschichte gehört, folglich die Identifikation eine andere ist.“

Entsprechend nutzen die Vier ihre Aufenthalte in Darmstadt und auf anderen Festivals in Europa für Begegnung und musikalische Anregungen und empfinden die Auseinandersetzungen eher als Ablenkung von der Musik. Für sie selbst bezieht sich die Attraktivität Neuer Musik schließlich gerade daraus, weniger eingegrenzt von ästhetischen Vorgaben zu sein. „Wenn man mit klassischer Musik und damit auch mit der Last korrekter Aufführungspraxis aufgewachsen ist, kann neue Musik sehr befreiend wirken. Plötzlich entscheidet man selbst oder sucht mit dem Komponisten danach, wie etwas interpretiert werden sollte“, erklärt Geigerin Lauren Cauley. Zentral ist deshalb für alle vier die Lust an der Zusammenarbeit mit Komponisten und damit an der Suche nach neuen Lösungen für musikalische Situationen. Nicht nur durch inzwischen teils langjährige Partnerschaften mit Komponistinnen und Komponisten, sondern auch durch zwei Kompositionswettbewerbe unter ihrer Ägide gelangen immer wieder neue interessante Partituren in ihre Hände. Olivia De Prato erklärt: „Während klassische Musiker oft sagen, dies oder jenes funktioniere nicht auf dem Instrument, gehen wir erst einmal davon aus, dass nichts unmöglich ist. Selbst, wenn etwas technisch wirklich nicht machbar sein sollte, können wir gemeinsam mit dem Komponisten eine Idee entwickeln, die seiner Vorstellung entspricht.“ Mariel Roberts ergänzt: „Es setzt viel eigene Kreativität frei, in dieser Form mit jemandem auf einer intimen, unmittelbaren Ebene zusammenzuarbeiten anstatt Noten von einem Blatt Papier abzuspielen.“

Für die Freude an diesem Arbeitsprozess mache es dabei keinen Unterschied, ob ein Komponist der älteren europäischen Generation wie Rihm und Lachenmann, ob Altersgenossen aus New York oder in ganz anderen Genres heimische Musiker ihre Partner sind. Diese Offenheit führt dazu, dass das Mivos Quartet nicht selten mit Stars der einen oder anderen Szene arbeitet – die sie dennoch ihrem Publikum wie Unbekannte vorstellen können oder müssen. George Lewis beispielsweise, dessen neues Streichquartett Playing with Seeds sie für ihren Besuch beim Eclat Festival in Stuttgart im Gepäck haben: In der Welt von Avantgarde-Jazz und freier Improvisation gilt der Posaunist und Musikerfinder auch bei europäischen Konzertgängern als legendär; inzwischen ist er Leiter des Jazzdepartments der Columbia University, also eines der akademisch renommiertesten Jazz-Institute in Amerika. Übersetzt für’s weniger improvisationsaffine Konzertsaalpublikum beschreibt das Quartett ihn als „einen unglaublichen Komponisten, der von der Improvisation her kommt und bis vor kurzem weder in Europa noch in Amerika genügend aufgeführt wurde.“ Auch der mindestens in Hip-Hop- und Spoken-Word-Kreisen weltbekannte Saul Williams, mit dem sie im Mai bei ACHT BRÜCKEN zu Gast sein werden, kann für so manches Publikum eine Neuentdeckung sein. Neben dem schon mehrfach gemeinsam aufgeführten NGH WHT von Thomas Kessler bringt das Quartett in Köln ein neues Stück von Ted Hearne mit ihm zur Uraufführung. Wiederholt kam in den letzten Jahren auch Colton as Cotton, ein in Zusammenarbeit mit Williams entstandenes Stück aus eigener Feder, auf die Bühne.

Richtig, hin und wieder komponieren die Quartettmitglieder auch. Cross the border – close the gap möchte man da in glücklicher postmoderner Nostalgie ausrufen, um das Ganze zusammenzufassen. Stattdessen redeten wir noch ein wenig über die aktuelle Politik.  

Nina Rohlfs, 02/2017

Spiel mit Ideen: Charlotte Bray

CR Dawkes

Die junge britische Komponistin Charlotte Bray wurde in der Musikszene ihres Heimatlandes schon mit Ende 20 schlagartig bekannt: In Folge des 2012 entstandenen Orchesterwerks At the Speed of Stillness, einer Auftragskomposition für die BBC Proms, wurde sie vom Evening Standard in die Liste der einflussreichsten jungen Londoner aufgenommen. Das Gramophone Magazine sprach ihr zudem einen „Spitzenplatz unter den jüngeren britischen Komponisten” zu.

In ihrem Berliner Studio, neben den aufgeschlagenen Skizzen für ein neues Werk sitzend, spricht sie über diesen plötzlichen Erfolg und den damit einhergehenden Druck, über den sie allerdings mangels Gelegenheit wenig nachgedacht habe: „Wenn man schon wieder mitten dabei ist, ein neues Stück fertigzustellen, ist es schwierig, auch noch zu überlegen, warum und wie man an diesen Punkt gelangt ist“, erklärt sie.

Statt sich mit solchen Fragen aufzuhalten hat sie seitdem drei Orchesterwerke, eine ganze Reihe von Kammermusikwerken sowie ihre erste Kammeroper Entanglement vorgelegt. Unglaublich erscheint, dass sie dabei das Gefühl hat, verlorenen Boden gutzumachen. Nachdem sie ursprünglich Cello am Birmingham Conservatoire studierte, begann sie „erst“ mit 20 Jahren, sich ernsthaft mit dem Komponieren zu beschäftigen und wechselte sofort ihr Fach, um bei Joe Cutler zu studieren.

„Als ich Cello studierte, war mir immer bewusst, dass ich damit mein Innerstes nicht komplett zum Ausdruck bringen kann. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie ich im Orchester saß und von den Dirigenten fasziniert war, weil sie mit mir auf eine musikalischen Ebene kommunizierten, an der ich auch teilhaben wollte.“ Im Komponieren erkannte sie ihre Möglichkeit dafür, und sie setzte ihre Studien bei Mark-Anthony Turnage am Londoner Royal College of Music fort.

Nicht, dass sie den aus ihrer Sicht späten Start ins Komponieren bereuen würde – vielleicht hat ihr dieser Weg auch eine besondere kreative Freiheit beschert. „Diese gewisse Naivität hat mir ermöglicht, mit Ideen zu spielen. Einige meiner Stücke hätte ich bestimmt nicht so umgesetzt, wenn ich vorher gewusst hätte, dass andere Komponisten etwas Vergleichbares gemacht haben.“

Unser Gespräch findet am Ende eines außerordentlich ereignisreichen Jahres statt, in dem zwei neue Orchesterwerke vom BBC Symphony Orchestra aus der Taufe gehoben wurden: Stone Dancer wurde beim Aldeburgh Festival unter der Leitung von Oliver Knussen uraufgeführt – einem der vielen Fürsprecher ihrer Musik im Vereinigten Königreich. Falling in the Fire folgte als ihr erstes großformatiges Solokonzert und als zweites Auftragswerk für die BBC Proms, wo es im August vom Cellisten Guy Johnston unter dem Dirigat von Sakari Oramo erstmals zu Gehör kam.

Besonders dieses Werk erwies sich als einschneidende Erfahrung. Zunächst sollte es eine Komposition als Ausgangspunkt haben, die sie für das Kammermusikfestival des Cellisten im englischen Hatfield geschrieben hatte. An jenem Vormittag jedoch, an dem sie mit der Arbeit beginnen wollte, hörte sie die Nachrichten von der Zerstörung der antiken syrischen Stadt Palmyra durch die Armee des IS. „Ich schrieb einige musikalische Ideen auf, in einem Zustand der Benommenheit, ohne klare Gedanken fassen zu können. Es hat mich selbst überrascht, aber ich empfand die Notwendigkeit, etwas zu tun.“

Das Resultat ist beklemmend und packend – nach der Uraufführung bezeichnete ein Komponistenkollege das Werk als beunruhigend. „Ich frage mich ernsthaft, warum wir als Komponisten nicht mehr auf politische Themen schauen und uns stärker mit der Welt, in der wir leben, auseinandersetzen“, sagt die Komponistin über die moralische Verantwortung, die sie als Künstlerin empfindet. Gleichzeitig räumt sie die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten ein. „Was ich äußere, ist nur ein Ausdruck meines Gefühls angesichts dieser Situation.  Natürlich behaupte ich nicht, damit Antworten zu geben – wie sollten solche Antworten auch aussehen?“

Es ist allerdings nicht nur das Zeitgeschehen, das ihre Werke inspiriert. Vieles in Charlotte Brays Schaffen bezieht sich auf weitere Einflüsse außerhalb der Musik. „Ich könnte wahrscheinlich für mich mehr aus einem Buch herausziehen, das von einem Maler geschrieben wurde, als aus einem Buch über Orchestrierung“, sagt die an Kunst, Literatur und Architektur interessierte Komponistin, in deren Werken sich Ideen verschiedenster Quellen auf unerwarteten Wegen miteinander verschlingen.

Ein gutes Beispiel dafür ist ihr vor kurzem entstandenes Oboenquartett Bluer than Midnight, wie sie erklärt. „Als ich mit dem Stück begann, hatte ich Ezra Pound im Kopf, der ständig über das Blau spricht.“ Der Titel des Werkes bezieht sich auf eine Zeile aus Pounds Cantos („waves under blue paler than heaven/over water bluer than midnight”) ebenso wie auf Yves Kleins monochrome Studien in tiefem Blau.

Einflüsse aus den bildenden Künsten und der Literatur schenken ihrer kreativen Praxis neue Perspektiven und können ihrer Arbeit eigene Richtungsimpulse geben. Dennoch beginnt Charlotte Brays Schaffensprozess häufig mit dem Klang selbst – „oder etwas, das halb Klang ist und halb ein Gefühl oder eine Konsistenz, etwas sinnlich Fühlbares.“ Das verbindet sie mit einem stark melodiösen Fokus und ihrem Gespür für orchestrale Klangfarben.

Ihre Meisterschaft auf diesem Gebiet teilt sie neuerdings auch in einer anderen Rolle: als Lehrende. Ihre Gastprofessur an der Escola Superior de Música de Catalunya in Barcelona, die sie gerade abgeschlossen hat, war für sie wiederum Inspiration: „Es ist so erfrischend, junge Komponistinnen und Komponisten kennenzulernen, die mit völlig freiem Kopf ihre Ideen erforschen.“ Eine Erinnerung vielleicht, sich auch selbst in dieser Hinsicht nicht zu weit von ihren eigenen kreativen Anfängen zu entfernen: „Es wird schwieriger und kniffliger mit der Zeit, aber mit dem Material zu spielen und etwas Neues zu schaffen, macht großen Spaß.“

Sam Johnstone, 01/2017 | Übersetzung: Nina Rohlfs

Musik verwirklichen: Mike Svoboda

CR Michael Fritschi

Mehr oder weniger durch Zufall ist er Anfang der 80er Jahre nach Europa gekommen, und inzwischen bezeichnet er Deutschland, wo er über 30 Jahre lebte, als seine Heimat: Mike Svoboda, heute in Basel ansässig, arbeitete als junger Musiker unter anderem intensiv mit Karlheinz Stockhausen zusammen und hat als Solist in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Reihe – auch eigener – Kompositionen aus der Taufe gehoben. Anlässlich der Uraufführung von Georg Friedrich Haas’ Posaunenkonzert bei den SWR Donaueschinger Musiktagen sprachen wir mit ihm über aktuelle Projekte und die Besonderheiten seines Instrumentes.

Herr Svoboda, herzlichen Glückwunsch erst einmal zum Erfolg der Uraufführung in Donaueschingen! Anders als in manch anderen der zahlreichen von Ihnen uraufgeführten Stücken sind in dem Posaunenkonzert eher traditionelle Techniken gefragt, und es ist nicht auf den ersten Blick ein virtuoses Bravourstück.

Das Stück ist sehr gut geschrieben für das Orchester, es klingt fantastisch. Das neue SWR Symphonieorchester ist natürlich auch großartig, aber selbst ein weniger edles Orchester würde gut klingen, weil Georg Friedrich Haas einfach weiß, wie man für Orchester schreibt. Es stimmt, dass mein Part kein Feuerwerk an Spieltechnik und Virtuosität ist. Das Stück ist sehr schwer, aber das ist nicht offensichtlich. Die Virtuosität liegt hier im Rahmen der Tongebung, der Intonation, und die Phrasen sind extrem lang. Das ist anstrengend, besonders wenn ich ganz am Schluss noch eine sehr feine, hohe Melodie zu spielen habe. Wenn ich ein Resümé ziehen müsste, dann würde ich sagen, es ist ein großartiges Stück als Komposition, ein tolles Hörerlebnis fürs Publikum, und anstatt eine solistische Rolle mit Begleitung zu haben, bin ich ein wesentlicher Teil des Ganzen. Was vielleicht sogar besser ist.

Wie war die Arbeit an dem Stück?

In den Noten steht wenig zur Artikulation. Und bei einer Uraufführung versuche ich als Interpret erst einmal, genau das umzusetzen, was der Komponist notiert hat, ohne mir etwas Eigenes auszudenken. Sein Feedback in der Hauptprobe war deshalb sehr wichtig für mich. Tatsächlich hat er sich viele Dinge freier, auch emotionaler vorgestellt, als aus der Partitur ersichtlich war. Ich habe versucht, das in der Generalprobe umzusetzen – was mir scheinbar gelungen ist – und ich fühlte mich ab diesem Punkt sehr wohl.

Haben Sie dafür Beispiele?

Sein Kommentar zum Schlussteil beispielsweise: Er solle operettenhaft sein, als ob ein Tenor sein Vibrato bei einer Art belcanto Melodie auf einen ganz engen Raum minimiert. Das war ein hilfreicher Hinweis. Es hätte auch sein können, dass er sich eine kahle, nüchterne Landschaft vorstellt, aber er wollte wirklich etwas Emotionsgeladenes haben. Ein anderes Beispiel ist der Mittelteil: Der ist sehr genau notiert, in Quartolen, Quintolen, Triolen. Und dann sagt er in der Probe: Nein, mach das parlando, freier. Vorher war die Atmung ein Problem, aber wenn ich es parlando spiele, dann kann ich, wie beim Sprechen, schnell nachatmen.

Sie sind ja nicht nur Interpret neuer Musik, sondern auch als Komponist sozusagen ein Kollege von Georg Friedrich Haas. Wie sehen Sie aus dieser Perspektive das Werk?

Eine besondere Qualität seiner Musik ist die Art und Weise, wie er von einer musikalischen Situation, einem Gebilde zum anderen gelangt – wie er sozusagen morpht, über eine bestimmte Zeitspanne, mit einer bestimmten Dramaturgie. Das macht er unglaublich gekonnt, und das ist ja gerade das Schwierige am Komponieren: Mal einen interessanten Klang machen oder eine interessante Harmonie erfinden, das kann eigentlich jeder. Aber das eine ins andere zu wandeln, mit einem bestimmten Ausdruck, das bedarf großer Erfahrungswerte.

Wie beeinflussen sich diese unterschiedlichen Rollen als Komponist und Posaunist in Ihrer täglichen Arbeit?

Was ich als Posaunist beisteuern kann, ist das Verständnis für die Komposition. Ich sehe mich als Interpret, auch mit der nötigen Virtuosität, die ich zur Schau stellen kann. Aber dadurch, dass ich selbst Komposition studiert habe, kann ich mich in die Welt der Komponisten hineindenken und vor einer Uraufführung überlegen, was sie mit ihrem Werk erreichen wollen. Dann finde ich meine Mittel, das zu verwirklichen. Vor langer Zeit habe ich einen Vortrag gehalten über einen Gedanken, der auf Stockhausen zurückgeht, der Titel war „Interpretation als Verdeutlichung einer Komposition“. Genau das will Stockhausen: Dass die Musiker der Musik dienen und nicht die Musik nutzen, um sich zu profilieren. Natürlich geht beides meistens Hand in Hand. Jeder Interpret positioniert sich auf diesem Kontinuum. Auf der einen Seite steht der Interpret, sagen wir Alfred Brendel, und auf der anderen Seite der Virtuose, zum Beispiel Lang Lang. Man bewegt sich auf dieser Skala auch hin und her, je nachdem, was die Musik erfordert. Für mich ist es eine tolle Aufgabe, Uraufführungen zu spielen: Sachen verwirklichen, schauen, wie der Komponist das will. Manchmal auch Dinge reparieren, die nicht funktionieren, anhand meiner Vorstellung des Willens des Komponisten. Wenn ich nicht Posaune spielen würde, würde ich das als Dirigent machen.

War das eine Option in Ihrer Karriere?

Ich hatte ein Angebot, bei Celibidache eine Assistenz zu machen. Das war 1982, da war ich 22. Das Tolle an der Posaune allerdings ist für mich, dass man sie in die Hand nimmt, spielt, Klänge macht. Dieses Unmittelbare fehlt beim Dirigieren, zumal man viel mit organisatorischen Fragen beschäftigt ist. Auch das Komponieren ist mühsam, da sind sozusagen Wege dazwischen bei der Realisierung meiner Vorstellung. Ich mag die Armut meines Instrumentes – man kann nicht vier Töne auf einmal spielen, Harmonie steht mir kaum zur Verfügung, die Posaune ist ein rein melodisches Instrument. Ich kann nur mit Artikulation, Vibrato, Klang, Dynamik arbeiten, also muss ich kreativ werden, um aus diesen wenigen Mitteln etwas zu schaffen. Die verschiedenen Tätigkeiten passen dabei für mich perfekt zusammen. Ehrlich gesagt, wenn man 180 Minuten am Tag Posaune spielt, sechs Mal eine halbe Stunde, dann ist das schon sehr viel. Also habe ich noch zehn Stunden am Tag Zeit für andere Dinge. Ich komponiere, ich unterrichte Kammermusik in Basel. Und ich habe sechs Kinder. Es geht wirklich Hand in Hand.

In diesem Herbst sind Sie auch in beiden Rollen zu erleben, zum Beispiel als Artist in Residence beim Blechbläserfestival im schwedischen Gävle.

Dort spiele ich Love Hurts, ein unterhaltsames Stück, das ich vor ungefähr 15 Jahren geschrieben habe und das immer wieder gespielt wird. Im gleichen Konzert mit dem Stockholm Chamber Brass und dem Gävle Symfoniorkester wird mein Tripelkonzert für drei Blechbläser und Orchester aufgeführt, und ich spiele noch ein paar Soli in insgesamt vier Konzerten.

Bei Wien Modern stehen Sie dann erneut mit dem Haas Konzert auf der Bühne.

Ja, und dort treffe ich auch Kurt Schwertsik, dessen Posaunenkonzert ich in Stuttgart im Neujahrskonzert als deutsche Erstaufführung spielen werde. Kaum jemand kennt dieses Stück, aber es ist super! Auch im Sinne von supervirtuos. Schwertsik ist Hornist bei den Wiener Symphonikern gewesen, und er kennt das Orchester sehr gut. Es ist tolle Musik, die technisch wunderbar geschrieben ist und viel Ironie und Humor beinhaltet.

In Berlin haben Sie außerdem gerade Filmaufnahmen für Ihr neues Kinderprojekt gemacht.

Für dieses Projekt werde ich erstmals die Lucerne Festival Academy Alumni dirigieren, sehr gute Musiker also. Ich finde es wichtig, dass man ein breites Publikum anspricht, auch ein junges Publikum. Bei einem Familienkonzert sind allerdings die Hälfte des Publikums Erwachsene. Walt Disney hat sein Erfolgsrezept einmal so formuliert: „I make adults’ films for children and children’s films for adults“. Es muss also für alle Beteiligten etwas dabei sein. Wir erzählen deshalb eine vielschichtige Geschichte mit einer sehr freundlichen Oberfläche, aber tiefgründigen Themen. Es geht um Schellackplatten und Postkarten von Musikgruppen aus der ganzen Welt vor hundert Jahren. Durch meine drei anderen Kinderwerke und durch die hunderte Male, die ich mit Solostücken vor Kindern aufgetreten bin, weiß ich recht gut, wie Kinder auf Klänge reagieren.

Können wir über die Konzerte der kommenden Monate hinaus noch einen Blick in die Zukunft wagen?

Ich habe tatsächlich eine Liste von Vorhaben und möchte gerne noch einige Uraufführungen spielen in den nächsten zehn Jahren. Es gibt auch Stücke, die ich gerne noch einmal spielen würde, bevor ich aufhöre – was nicht so bald sein wird. Ich habe noch nie so gut gespielt wie jetzt (lacht)! Die Jungen sind schneller, aber die Alten kennen die Umwege, und ich glaube, ich habe für mich einige Sachen ganz gut verstanden. Das Wichtigste ist eben Disziplin.

Nina Rohlfs, 11/2016

Infinite Now: Chaya Czernowins Oper im Pressespiegel

CR Astrid Ackermann

Die Uraufführung von Chaya Czernowins Oper Infinite Now an der Opera Vlaanderen ist auf ein großes Medieninteresse gestoßen. Nach einer Reihe von Aufführungen in Gent und Antwerpen ist das Werk, wieder unter dem Dirigat von Titus Engel, am 26. Mai als deutsche Erstaufführung am Nationaltheater Mannheim zu erleben; am 14. Juni folgt die französische Erstaufführung an der Cité de la Musique in Paris. Wir haben eine Auswahl von Pressestimmen zum Werk zusammengefasst.

Alex Ross zeigt sich in seiner Rezension im Magazin The New Yorker begeistert von dem Werk, das er „eine erschütternde und majestätisch dunkle Oper“ nennt. „Czernowins Partitur entwirft mit ihren orchestralen, vokalen und elektronischen Ausbrüchen ein Pandämonium, das mit nervenaufreibender Unmittelbarkeit das Chaos der Schlacht und ihre Nachwirkungen evoziert. Sie hat aber nicht einfach nur ein düsteres Denkmal für Tod und Zerstörung geschaffen - ein überfülltes Genre in der modernen Oper. Episoden überirdischer Schönheit gemahnen an Remarques Präsenz der Engel, die zu entstehen scheint, wenn menschgemachter Horror mit der Natur zusammentrifft.“

Anschaulich schildert Rezensent Frieder Reininghaus in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kulturseine Premiereneindrücke von Luk Percevals erster Opernregie. Die kontrastierenden Textpassagen aus der Kurzgeschichte Homecoming der chinesischen Autorin Can Xue sowie Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues beschreibt er als Spannungsfeld zwischen der Sehnsucht des Heimkommens und dem Bewusstsein des Verlorenseins, und er hebt die Bedeutung der sorgsam in Kooperation mit dem IRCAM produzierten elektronischen Zuspielungen hervor. „In der Musik ist bei aller Reduktion des Tonsatzes im Detail unglaublich viel los. Das ist sehr sorgfältig gearbeitet und immer wieder faszinierend, welche Facetten da entstehen“, urteilt er.

Auch Georg Rudiger zeigt sich in seiner Rezension in der Badischen Zeitung von dem neuen Werk beeindruckt: „Man muss sich einlassen auf diese fremde musikalische Sprache, die Hörgewohnheiten negiert, Geräusche emanzipiert und immer zerbrechlich bleibt. (…) Sie ist mühevoll, herausfordernd und auch ermüdend in ihrer Langsamkeit, kann aber auch bis zur Schmerzgrenze gehen in musikalisch extremen Momenten, wenn die hohen Frequenzen zum Tinnitus werden. Dann ist es wieder so still, dass man nur noch den Atem hört – wie im Schützengraben. In diesem unbehausten Terrain kann schon ein einzelner, schlichter Ton von Altus Terry Wey berühren oder eine Gesangslinie von Noa Frenkel Sinn stiften.“ Die Badische Zeitung weist auch schon auf eine kommende Premiere hin: Mitte Juni wird Chaya Czernowins Neufassung ihrer ursprünglich für die Salzburger Festspiele 2006 entstandenen Oper Zaide/Adama am Theater Freiburg uraufgeführt. Für das Werk ergänzte sie Wolfgang Amadeus Mozarts Fragment mit einem eigenen Fragment und erzählte von der unmöglichen Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser.

Unter der Überschrift „Das Grauen als klingender Grabstein“ besprach zudem Manuel Brug für Welt online die Uraufführung von Infinite Now.

Umfangreiche Informationen zu Infinite Now finden sich auf der Website der Opera Vlaanderen sowie bei Schott.

Ein Interview in englischer Sprache mit Chaya Czernowin über ihre Oper finden Sie auf unserer englischen Seite.

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