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Pablo Rus Broseta: Graswurzeln und große Werke

CR Nina Reinsdorf Photography

Pablo Rus Brosetas neue Stelle liegt einen Ozean plus einen Kontinent entfernt: Zum Saisonbeginn wird der junge spanische Dirigent als Assistant Conductor beim Seattle Symphony beginnen. Und während er momentan seinen Lebensmittelpunkt in das Zentrum des Pazifischen Nordwesten der USA verlegt, ist schon klar, dass er Kontinent und Ozean oft wird überqueren müssen. Denn auch in Europa möchten ihn immer mehr Orchester, die ihn als herausragenden Nachwuchsdirigenten sowohl für das klassische Repertoire als auch für Zeitgenössisches kennengelernt haben, als Gast auf dem Podium sehen.

„In Seattle werde ich zwei verschiedene Rollen erfüllen“, erklärt Pablo Rus Broseta. „Ich bin in meinem ersten Jahr dort bei allen Orchesterkonzerten als Einspringer eingeteilt, das bedeutet, dass ich das gesamte Repertoire der Saison beherrschen muss. Und außerdem dirigiere ich sämtliche community concerts, also alles, was mit pädagogischen Projekten, mit Angeboten für Familien und Schulen etc. zu tun hat.“

Auf den ersten Teil seines neuen Tätigkeitsfeldes ist Pablo Rus Broseta als einer der beiden ersten Absolventen der International Conducting Academy Berlin bestens vorbereitet. Das letzte Jahr verbrachte er in dem neu entwickelten Postgraduiertenprogramm für junge, schon im Berufsleben stehende Dirigentinnen und Dirigenten zum großen Teil damit, sehr viel Repertoire in sehr kurzer Zeit mit verschiedenen professionellen Orchestern zu erarbeiten – parallel zu seinen regulären Engagements, die ihn beispielsweise zu den Sinfonieorchestern des SWR, des WDR, der BBC und des Spanischen Rundfunks führten. „Das Programm hat mir sehr viel Routine darin vermittelt, mich in kurzer Zeit effizient vorzubereiten“, sagt Pablo Rus Broseta.

Auch sein zweiter neuer Aufgabenbereich ist keineswegs klein, denn wie viele nordamerikanischen Orchester engagiert sich auch das Seattle Symphony aus tiefster Überzeugung dafür, alle gesellschaftlichen Gruppen in der Stadt anzusprechen. „Dieser ‚American way of being an orchestra’ interessiert mich sehr: dass man sich wirklich als eine Institution für die Menschen vor Ort begreift“, sagt der Spanier. Bei den so sogenannten side-by-side-Konzerten wird er zum Beispiel gemeinsame Auftritte des Seattle Symphony mit Orchestern örtlicher Highschools und Universitäten leiten, bei denen sich die Nachwuchsmusiker mit den Profis ein Pult teilen.

Dass diese Auftritte keine lästigen Pflichtaufgaben sondern eine Herzensangelegenheit für ihn sind, erklärt sich aus Pablo Rus Brosetas eigenen musikalischen Anfängen. „Ich komme aus der Nähe von Valencia, und dort gibt es eine riesige Blasorchestertradition. Diese Orchester spielen alle möglichen Sachen – mediterrane Stücke, Klassisches, Modernes“, erläutert er. „Dabei geht es auch um Gemeinschaft, um Geselligkeit. In dem Dorf, aus dem ich komme, spielt fast jeder ein Instrument.“ Pablo Rus Brosetas erstes Studienfach an der Musikhochschule in Valencia war folglich das Saxophon, ehe er in Lyon Komposition studierte und sich in Amsterdam, in Frankfurt bei der Ensemble Modern Akademie und schließlich der ICAB in Berlin zum Dirigenten ausbilden ließ.

„Durch die Jahre im Blasorchester habe ich sehr viel über die Psychologie von Musikern gelernt“, ist Pablo Rus Broseta überzeugt. „Amateurmusiker möchten Freude am Musizieren haben, und als Dirigent muss man dafür sorgen, dass sie diese Freude erleben können. Das kann man auch auf die Arbeit mit professionellen Musikern übertragen. Viele große Dirigenten, zum Beispiel Abbado, sagen ja, dass sie die Arbeit mit Studenten lieben, weil sie so offen sind und so viel Energie mitbringen. Manchmal geht diese Energie in der professionellen Welt leider etwas verloren, aber man kann sie wieder anfachen.“

Nina Rohlfs, 09/2015

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